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TV-Kritik: NDR und RTL zum Fleischkonsum Fleischkonsum im TV: Wenig handwerkliches Wissen

Der NDR zeigte zwei Reportagen zum Thema "Kannst du ein Tier töten?", in denen erneut viel Blut fließt. Doch damit nicht genug: RTL-Krawallreporter Jenke von Wilmsdorff widmete sich ebenfalls dem Thema Fleischkonsu. Ein Rückblick auf eine TV-Woche, in der das Metzgerhandwerk nicht die Rolle spielte, die ihm eigentlich zugestanden hätte.

So ganz für sich konnten die beiden Reportagen und ihre drastischen Bilder aus Sicht des NDR dann doch nicht stehen bleiben, weshalb sich der Sender entschloss, die beiden Ausgaben von "Kannst du ein Tier töten?" online mit den wichtigsten Fragen und Antworten zu versehen. Darin erklärt der Sender unter anderem, warum die Filme überhaupt ausgestrahlt würden (Transparenz über die Herstellung des Fleisches, das wir täglich essen), wie es den Tieren auf dem Hof in der Sendung geht, und warum manches Tier nach dem Einsatz der Stromzange und während des Ausblutens noch zucke (ein Zeichen der korrekten Betäubung durch die Zange, da die Bewegungen beim Zucken ungerichtet und die Tiere damit erwiesenermaßen nicht mehr bei Bewusstsein seien).

Derlei handwerkliches Fachwissen wie in dem Frage-Antwort-Teil suchte der Zuschauer während der beiden Sendungen - in der ersten ging es um ein Schaf, in der zweiten um ein Schwein - allerdings meist vergeblich. Dafür wurde mehr die Aufzucht und Pflege der Nutztiere begleitet und die Beziehung zwischen den Tieren und den Menschen, die sie früher oder später schlachten werden in teils emotionalen Bildern dargestellt - bis hin zum Ende der Tiere bei der Schlachtung, wobei es online pro Film auch eine Jugendschutz-Version mit verpixelten Bildern von der Schlachtung gab.

Schöne Bilder auf dem Hof, doch dann kommt der Schlachter ins Spiel

Die beiden Finanzkaufleute Nils und Lukas hatten sich ein Schwein geleast und damit dessen Aufzucht sozusagen vorfinanziert - das Fleisch ist am Ende nach der Schlachtung der Gegenwert, der für den Leasing-Betrag fällig wird. Auf dem vorbildlichen Schweinehof leben die Tiere unter artgerechten Bedingungen, erhalten gutes Futter und viel Auslauf - alles bestens. So werden auch immer wieder drollige Bilder von Schweinen aller Altersstufen gezeigt, die quietschfidel herumlaufen. Das ist der schöne Part der Reportage, härter wird es gegen Ende, als der Schlachter ins Spiel kommt - und das unausweichliche Ende des Schweins naht. "Dann legen wir los", heißt es schließlich, und der Schlachter legt die Stromzange an, das Schwein ist in Sekundenbruchteilen betäubt und wird dann nach den Regeln der Metzgerskunst getötet und verarbeitet. Diese Bilder sind natürlich weniger schön als die vom Hof, und man hätte aus Handwerkssicht gerne auch noch mehr vom Metzgeralltag gesehen als die reine Schlachtung - so wichtig es natürlich auch ist, dies zu zeigen, denn Fleisch wächst nun mal nicht auf Bäumen, sondern es müssen dafür Tiere sterben. Doch letztlich blieb leider nur hängen: Auf dem Hof ist es schön, und der Metzger ist der, der die Tiere umbringt - ein etwas einseitiges Bild, das dem vielschichtigen beruflichen Alltag von Schlachtern und Metzgern nicht gerecht wurde.

Die beiden menschlichen Protagonisten hatten es übrigens nicht übers Herz gebracht, "ihr" Schwein selbst zu töten, das übernahm der Schlachter. Und auch in der zweiten Reportage, die ganz ähnlich gelagert war, in der es allerdings um eine 24-jährige Studentin und ein Schaf ging, musste am Ende der Fachmann die letzte Arbeit tun. Auch hier ging es um die Haltung und Aufzucht des Tiers, immer wieder wurde die moralische Frage nach der Notwendigkeit des Schlachtens für den Fleischkonsum gestellt - und alles war, eben bis auf die menschlichen und tierischen Protagonisten recht analog zu der Schweine-Sendung. Da stellte sich durchaus die Frage: Warum musste es gleich zwei Folgen desselben geben? Immerhin: Die öffentlich-rechtlichen Reportagen befassten sich über das reine Schlachten hinaus mit eben jenen Fragen nach der Haltung und Aufzucht der Tiere und der Art der Schlachtung.

RTL: Jenke heischt nach Sensation

Beim Privatsender RTL ging man zu einem ähnlichen Thema indes mit deutlich weniger Tiefgang zu Werke - und einem ordentlichen Schuss Boulevard. Reporter Jenke von Wilmsdorff ging mit seinem Jenke-Experiment zum Thema "Tiere lieben - Tiere essen - wie viel Fleisch muss sein?" direkt in die Vollen. Die Sendung stand neben den Aspekten der Tierhaltung und Tötung der Tiere vor allem auch unter dem Schwerpunkt Ernährung, konkret: Wie viel Fleischkonsum ist gesund? Um das herauszufinden, versuchte Wilmsdorff die mögliche positive oder negative Wirkung auf den - in diesem Fall männlichen - Körper durch die Daten eines Erektions-Messgeräts, an das sich der Reporter wochenlang anschloss, zu untermauern.

Das war ein Einstieg, der dem Niveau des heutigen Privatfernsehens alle Ehre machte, und gab leider die Richtung für die gesamte Sendung vor. Immer wieder geriet das Format, vor allem zu Beginn, unter die Gürtellinie, wenn wieder der "Cliffhanger", also das Spannung erzeugende in Aussicht stellen des Ergebnisses des Erektions-Messgeräts, bedient wurde. Dieses Niveau ging überhaupt nicht konform mit dem hehren Ansatz, den gesundheitlichen mit dem ethischen Aspekt des Fleischessens zu kombinieren. Kurz: Wer mit der Stärke seiner Erektionen ziemlich billig und sensationsheischend Spannung erzeugt, taugt nicht zur Autorität in moralisch-ethischen Fragen. War der NDR in seinen Reportagen schon auf einer sehr emotionalen Schiene unterwegs, so packte RTL-Mann Jenke auch hin und wieder noch einen Schuss zotigen Humor oben drauf und garnierte alles mit etwas schrägen Gedanken, die er mit bedeutungsschwer zusammengekniffenen Augen vortrug.

Die Schwelle zum Kitsch und zur Zote

Der Ablauf der Sendung ist schnell erklärt: Als Kronzeugen für die These, dass es sich ohne Fleisch gesünder lebe, fungierte etwa der bekannte Kraftsportler Patrik Baboumian, der sich streng vegan ernährt. Weitere Themen: Fleisch aus der Retorte, Billigfleisch beim Discounter, komplett vegetarische Kulturen auf der Welt. Immerhin: Die Aufzucht des Schweines "Schmali", das Jenke am Ende lebenslang verschonte, indem er für das Tier und ein zweites, das gemeinsam mit "Schmali" lebt, eine lebenslange Patenschaft übernahm, wurde zwar alles in allem recht kurz, aber doch in nicht viel emotionaleren Bildern als auch beim NDR gezeigt. Die Schwelle zum Kitsch oder zur Zote war allerdings vor allem bei den O-Tönen immer sehr nah. Kostprobe: "Hier liegen Schnitzel und Kotelett und Schweinelende vor dir, am Stück, lebend, warm" (Jenke, als er sein Schwein streichelt), "Heute noch gekuschelt, übermorgen in der Tiefkühltruhe" (Einer der Betreiber des Hofs, auf dem das Schwein gezüchtet wurde). Dennoch: Jenke konstatierte nach Besuch des Schlachtbetriebs: "Mein Bild vom düsteren Schlachten hat sich soeben etwas aufgehellt." Prädikat also: in Ordnung.

Wobei, und das schränkt die Aussagekraft beider Formate ein, natürlich in beiden Sendern nur vorbildliche Betriebe gezeigt wurden und der harte Alltag der Massentierhaltung, in der im Akkord gemästet und geschlachtet wird, an keiner Stelle ins Spiel kam. Neben der Tatsache, dass es jetzt auch wieder gut ist mit blutigen Schlachtungen im TV, könnte man, auf einen Nenner gebracht, den Schwachpunkt der Formate so formulieren: Von moralisch aufgeladenen Stories um artgerecht gehaltene Schweine, die emotionale Bindung des Menschen an das Tier und die finale Tötung mit der Stromzange wird kein einziges, in Massentierhaltung unter schlimmen Zuständen gehaltenes Schwein weniger geschlachtet.

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