Finanzen -

Handwerk kritisiert Rentenpaket: Wirtschaft sieht große Ungerechtigkeit

Rente mit 63, Mütterrente und Erwerbsminderungsrente: Am 1. Juli soll das Rentenpaket in Kraft treten. Arbeitsministerin Nahles verspricht Arbeitnehmern große Vorteile. Doch die Wirtschaft läuft weiter Sturm. Nur wenige Jahrgänge werden profitieren, kritisiert der ZDH.

Wenn Andrea Nahles (SPD) von der Rente mit 63 spricht, erwähnt sie gern ihren Vater. Dieser war Maurermeister, hat lange Jahre gearbeitet bis er wegen gesundheitlichen Problemen vorzeitig in Rente gehen musste und deshalb viele Abzüge in Kauf nehmen musste. Das wollte die jetzige Bundesarbeitsministerin ändern und setzt sich nun für die abschlagsfreie Rente für all jene ein, die 45 Jahre lang Beiträge in die Sozialkassen bezahlt haben.

Die Rente mit 63 ist ein Teil des Rentenpakets, das am 1. Juli in Kraft treten soll. Sie hebelt alle Beschlüsse aus, die einst zum Anstieg des Rentenalters beschlossen wurden. Und sie klingt aus Sicht der Wirtschaft positiver als sie in Wirklichkeit ist. "Die Rente mit 63 ist eine ungerechte Klientelpolitik – nur die Jahrgänge von 1950 bis 1963 werden begünstigt, alle anderen zahlen drauf", kritisierte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer das Rentenkonzept im Interview mit dem "Tagesspiegel".

Rente mit 63: viele Verlierer

Nach Ansicht des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) bringt die Rente mit 63 große Ungerechtigkeiten mit sich. So müssten die Jungen länger arbeiten, höhere Beiträge zahlen und bekommen weniger Rente. Wegen der hohen Ausgaben, die das gesamte Rentenpaket mit sich bringt, würden die Rentenerhöhungen zukünftig zudem kleiner ausfallen.

"Die meisten Beitragszahler sind Verlierer des Rentenpakets", heißt es nun auch in einer Stellungnahme der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) für den Bundestags-Sozialausschuss, über die die "Passauer Neuen Presse" berichtet. Der Arbeitgeberverband kritisiert darin, dass die Mehrausgaben der Rentenversicherung durch das Rentenpaket für lange Zeit höher liegen werden als die Einsparungen durch die Rente mit 67, die weiterhin für all jene gilt, die später in den Arbeitsmarkt einsteigen.

Zusätzlich kritisiert er die Finanzierung der Mütterrente, denn dafür sollen vor allem die Beitragszahler aufkommen. Dabei sei die Anerkennung von Kindererziehungsleistungen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden muss, teilt der Verband mit.

Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Rainer Dulger, bezeichnete das Rentenpaket sogar als "Sündenfall" der großen Koalition. "Hier werden neue Sozialleistungen verteilt, die unsere Kinder bis zu 233 Milliarden Euro kosten werden. Sie selbst werden aber nie in den Genuss dieser Leistungen kommen." Das sei eine schreiende Ungerechtigkeit. "Wir verspielen jetzt mit einem Federstrich, was wir uns mit den Reformen der letzten zehn Jahre mühsam aufgebaut haben."

Engpässe in den Firmen

Wollseifer sieht in der Rente mit 63 zudem eine Verschärfung des Fachkräftemangels. 400.000 Beschäftigte im Handwerk seien älter als 60. "Wenn nur jeder fünfte davon mit 63 oder sogar früher ausscheidet, stehen unsere Firmen vor großen Engpässen", sagte er dem "Tagesspiegel". Betriebe müssten deshalb mit Qualifizierungen und Gesundheitsschulen dafür sorgen, dass die Mitarbeiter möglichst lange im Job gehalten werden. Da jedoch nicht jeder vom Bau ins Büro oder Lager wechseln könne, fordert er von der Bundesregierung bessere Möglichkeiten, nur noch 30 oder 20 Stunden zu arbeiten und Teilrente zu beziehen.

Zu wenig getan hat die Politik bislang allerdings auch für diejenigen, die wegen körperlichen Problemen nicht mehr arbeiten können und eine Erwerbsminderungsrente bekommen. "Und für diese Menschen tut die Regierung bei der Reform zu wenig", so Wollseifer. dhz/dpa

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten