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ifh-Studie: Altersvorsorge oft ungenügend Renten für Handwerker meist zu niedrig

Eine Studie des Instituts für Mittelstand und Handwerk hat ergeben, dass ein großer Teil der Handwerker eine zu geringe Rente erwarten. Die Autoren plädieren für eine Pflicht zur Versicherung und mehr Beratung für Selbstständige.

Handwerker sind im Alter ungenügend versorgt. Das ergibt eine Studie, die jetzt das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) vorgelegt hat. Die Studie "Alterssicherung im Handwerk" hat vor allem die Pflichtversicherung für Handwerker in der gesetzlichen Rentenver­sicherung (GRV) unter die Lupe genommen und kommt zu ernüchternden Ergebnissen.

Das Ziel der Handwerkerpflichtversicherung, die besonders Schutzbedürftigen unter den Selbstständigen im Alter besser zu versorgen, würde nicht mehr erreicht. Demnach erwarten mehr als 60 Prozent der Inhaber von Handwerksbetrieben eine gesetzliche Rente von weniger als 600 Euro, so die Autoren. Nur jeder Achte komme auf mehr als 1.000 Euro und drei Viertel der Inhaber wenden mehr Geld für die private Altersvorsorge auf als für die GRV.

Bezüge aus der gesetztlichen Rentenversicherung

Unterschiede werden vor allem deutlich zwischen Soloselbstständigen aus dem zulassungsfreien und dem zulassungspflichtigen Handwerk sowie zwischen kleinen und größeren Handwerksbetrieben. Die Forscher haben ebenso ein klares West-Ost-Gefälle festgestellt.

Breite Diskussion um Pflichtversicherung für Selbstständige

Die Ergebnisse sind gerade vor dem Hintergrund der politischen Diskussion um eine Pflichtversicherung für Selbstständige wichtig. Angefacht durch Studien, die eine zunehmende Altersarmut bei heutigen Berufstätigen prognostizieren, diskutiert die Politik seit einiger Zeit diese Versicherungspflicht. Da Selbstständige nicht der Versicherungspflicht in der GRV unterliegen, gelten sie als besonders gefährdet.

Ein Grund dafür, dass die 1938 eingeführte Handwerkerpflichtversicherung ihr Ziel einer ausreichenden Versorgung nicht mehr sicherstellen kann, liegt in der Reform der Handwerksordnung (HwO) von 2004. Sie hat mit dafür gesorgt, dass ein immer geringerer Anteil der selbstständigen Handwerker zumindest die vorgeschriebenen 18 Jahre Versicherungsbeiträge in die GRV einzahlt.

Pflichtversichert nach der HwO sind seitdem nur noch Handwerksbetriebe, die der Anlage A der HwO angehören. Lag der Anteil der Inhaber von Handwerksbetrieben, die der Handwerkerpflichtversicherung unterliegen, 2003 noch bei 67 Prozent, waren es im Jahr 2016 nur noch 44 Prozent. Die Mehrzahl der Inhaber ist also nicht mehr pflichtversichert.

Prlichtversicherte Handwerker in der gesetzlichen Rentenversicherung

Bestätigt wird die Entwicklung auch durch die Zahl der Betriebsinhaber, die in die Pflichtversicherung einzahlen. Waren es im Jahr 2000 noch mehr als 100.000, fiel die Zahl bis 2015 auf knapp über 57.400.

Zahl schutzbedürftiger Handwerker gewachsen

Parallel dazu ist der Kreis der Handwerker, die schutzbedürftig sind, so die Ergebnisse, in den letzten Jahren stark gewachsen, besonders durch den Anteil an Soloselbstständigen. Deren Zahl ist insgesamt von 1995 bis 2014 von 77.000 auf 280.000 gestiegen – am stärksten in den B1-Handwerken. Die Einkommenssituation dieser Kleinstbetriebe ist nicht exakt erfasst, aber eine Untersuchung der Gewerbeerträge im Kammerbezirk Hamburg legt nahe, so die Autoren, dass deren Erträge oft nicht ausreichen, um fürs Alter vorzusorgen.

Nettoeinkommen

Ernüchternd stellt sich auch die Situation der Alterseinkünfte dar. Demnach kommen Handwerker im Durchschnitt auf deutlich geringere Alterseinkünfte als andere Selbstständige. Trotzdem fußen deren Einkünfte hauptsächlich auf der GRV, auch weil die meisten Handwerker vor ihrer Selbstständigkeit bereits Beiträge als abhängig Beschäftigte einbezahlt haben, wobei die Bezüge in den meisten Fällen niedrig seien. "Zahlt ein Handwerker in den 18 Jahren der Pflichtversicherung den vollen Regelbeitrag und danach nicht mehr in die GKV ein, baut er einen Rentenanspruch in Höhe von etwa 540 Euro auf. In der Regel dürfte dieser Betrag jedoch unterschritten werden", so die Studie.

Beratungsleistungen sollten ausgebaut werden

Um die Situation für Handwerker langfristig zu verbessern, gibt die Studie Handlungsempfehlungen. Die Autoren halten es vor allem für nötig, die Beratungsleistungen zu verbessern, vor allem für Soloselbstständige. Ebenso sprechen sie sich für eine Versicherungspflicht aus. Diese würde Wettbewerbsverzerrungen vermeiden und Scheinselbstständigkeit abbauen.

Falls Handwerker sich für die GRV entscheiden, sollte man die Versicherungspflicht an eine Anzahl von Entgeltpunkten binden, statt eine Pflichtversicherungszeit in Monaten zu berechnen. Eine vorgegebene Zahl an Monaten oder Jahren helfe nicht weiter, wenn in dieser Zeit zu geringe Beiträge eingezahlt wurden. Bei einer bestimmten Zahl an Punkten könne dann eine gesetzliche Rente über Grundsicherungsniveau garantiert werden. Zur Sicherung eines angemessenen Lebensstandards müsse die Rente aber noch durch private Vorsorge ergänzt werden.

"Handwerksforscher" geht in den Ruhestand

In der Mitte klafft ein Loch

Der "Handwerksforscher" Klaus Müller, Autor der Studie zur Altersvorsorge, geht nach fast genau 40 Jahren in den Ruhestand. Sein gesamtes Berufsleben hat der Volkswirt beim Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) verbracht. Seit 1994 ist er dessen Geschäftsführer. Müller wurde 1952 in der Nähe von Göttingen geboren und studierte Volkswirtschaft in Würzburg und Göttingen. Zwei Dinge waren es, so Müller, die ihn zur Stadt im südlichen Niedersachsen und dem Institut habe die Treue halten lassen: Zum einen die schöne Landschaft rund um die Universitätsstadt und die Vielfalt an Themen aus dem Handwerk, die er beim ifh vorgefunden habe. Mehr als 100 Studien zu Handwerksthemen hat Müller bis heute durchgeführt.

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