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Ausbildungsvorbereitung "Punlork ist ein Glücksgriff"

Dem Modellversuch im Rems-Murr-Kreis zur neuen Ausbildungsvorbereitung AVdual fehlt noch der "Klebeeffekt".

"Punlork ist ein Glücksgriff"
Von Frank Kappis (li.) bekam der 15-Jährige Punlork Sok die Chance für eine berufliche Zukunft im Handwerk. -

Die Idee ist gut – die Umsetzung noch schwierig. Die Ausbildungsvorbereitung AVdual soll in Baden-Württemberg das Übergangsangebot zwischen Schule und Ausbildung vereinheitlichen. Förderbedürftige Jugendliche sollen mit potenziellen Ausbildungsbetrieben zusammengebracht werden. Die praktische Umsetzung hat aber ihre Tücken.

Das Programm wurde 2013 von Politik und Verbänden verabschiedet und kombiniert eine spezielle Berufsschulklasse mit einem einjährigen Betriebspraktikum. Seit dem Schuljahr 2014/2015 läuft im Ostalb- und Rems-Murr-Kreis sowie in den Städten Mannheim und Weinheim ein Modellversuch, der auf bis zu vier Jahre angelegt ist. Im Rems-Murr-Kreis hatten rund 70 Unternehmen Praktikumsplätze angeboten. Nach einem knappen halben Jahr kann eine vorläufige Zwischenbilanz gezogen werden. So auch beim Autohaus Kappis in Fellbach. Hier greift der „Klebe­effekt“.

Wie ein kleiner Azubi

Eigentlich ist heute gar kein Praktikumstag. Trotzdem kommt Punlork Sok erst nach einigen Minuten zusammen mit seinem Chef Frank Kappis aus der Werkstatt. Auf dem Heimweg von der Berufsschule in Waiblingen kam er nochmal im Autohaus vorbei. „Ich habe als Kind immer mit Autos gespielt, darum habe ich hier schon mein Schülerpraktikum gemacht“, erzählt der 15-Jährige, der vor zwei Jahren mit seinem Vater aus Kambodscha nach Fellbach kam. Von ­einer Lehrerin haben er und Inhaber Frank Kappis von AVdual gehört. „Punlork hatte sich so gut angestellt, dass ich ihm die Chance gab, das einjährige Prak­tikum bei mir zu machen“, berichtet der Handwerker.

AVdual bewertet er sehr positiv: „Vor der Ausbildung macht bei uns generell jeder Bewerber zwei Wochen Praktikum. Aber über ein ganzes Jahr lernt man die Jugendlichen ganz anders kennen und kann ihre Entwicklung verfolgen. Denn vieles zeigt sich erst mit der Zeit.“ Seit September 2014 kommt Punlork Sok jeden Mittwoch in das Mitsubishi-Autohaus, auch sein Vater war schon dabei. Den Rest der Woche geht er zur Berufsschule – erst einmal den Hauptschulabschluss machen. Dann würde er gern beim Autohaus Kappis bleiben. „Punlork erledigt bei uns schon Aufgaben wie ein kleiner Azubi. Wenn der Abschluss passt, würde ich ihn gern zum Kraftfahrzeugmechatroniker ausbilden“, freut sich der Meister. „Punlork ist für uns ein echter Glücksgriff!“

„Dieser Klebeeffekt ist das Ziel von AVdual“, erklärt Volker Süssmuth, Experte für Berufsbildung bei der Handwerkskammer. Das neue Programm solle in Zukunft als einheitliche Ausbildungsvorbereitung mehr Jugendliche erreichen. Im vorgesehenen einjährigen Praktikum lernen förderbedürftige Schulabgänger ein- bis zweimal die Woche Beruf und Betrieb kennen. Parallel gehen sie in eine spezielle Förderklasse der Berufsschule. Der Lehrer unterrichtet je nach Leistung und Förderbedarf auf drei Lernniveaus und mit starkem Praxisbezug.

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Dabei sollen auch Probleme und Erkenntnisse aus den Betriebstagen integriert werden. Zeitlich sind die Schultage wie ein normaler Arbeitstag angelegt und bieten so einen fließenden Übergang zum ­Berufsleben. „Denn greift der Klebeeffekt, können die Jugendlichen jederzeit in ein Ausbildungs­verhältnis wechseln“, betont Volker Süssmuth.

Stimmen aus der Praxis

„Leider klappt das nicht überall so gut“, bemerkt der Experte. „Die unerwartet hohe Rückmeldung von 70 Betrieben, die teilnehmen wollen, zeigt aber, dass das Modell Potenzial hat.“ Die Praxis sieht aber durchwachsen aus. „Nach einigen Tagen ist unser Praktikant einfach nicht mehr aufgetaucht“, berichtet Stephanie Braun vom Dachdeckerbetrieb W. Müller in Weinstadt. Dennoch ist AVdual für die Geschäftsführerin ein „interessanter neuer Weg“.

Etwas andere Erfahrungen hat das Bauunternehmen Ernst Heid in Fellbach gemacht: „Wir waren mit unserem Praktikanten sehr zufrieden, aber leider meldete er sich nach den ersten zwei Wochen auf Probe nicht mehr“, erzählt der kaufmännischer Leiter Herbert Jaschke. „Wir machen aber weiterhin mit, denn die enge Betreuung ist wichtig und praktische Erfolge motivieren viele Jugendliche dann auch in der Schule.“

"Klebeeffekt" braucht noch Zeit

Fünf Monate Modellversuch zeigen, dass AVdual einen Nerv bei den Betrieben trifft. Besonders begrüßen die Ausbilder den verlängerten und intensiv betreuten Praktikumszeitraum. Zu Beginn bedeutet das für Handwerk und Schulen einen erheblichen Mehraufwand, der sich bisher nur vereinzelt auszahlt. Denn obwohl es geeignete Bewerber gibt, denen die Betriebe gern eine Chance geben würden, ist der erhoffte Klebeeffekt noch kaum zu erkennen. Die nächsten Monate könnten jedoch spannende Entwicklungen bereithalten – es wird sich lohnen, das Modell weiterzuverfolgen.

Infos zum Thema gibt Volker Süssmuth, Tel. 0711/1657-295, volker.suessmuth@hwk-stuttgart.de

Der große Aufwand wird sich lohnen

Nachgefragt: Berufsschullehrer Norbert Hübsch engagiert sich für AVdual

Die Grafenbergschule in Schorndorf gehört zu den Berufsschulen, die den Modellversuch AVdual unterstützen. Lehrer Norbert Hübsch hat seine ersten Erfahrungen gemacht, über die er hier berichtet.

DHZ: Wie bewerten Sie das neue Konzept?
Hübsch: Es ist eine wertvolle Weiterentwicklung an den beruflichen Schulen. Der Fokus liegt auf selbstständigem und eigenverantwortlichem Lernen. Das ist ein sehr zeitgemäßes Thema und macht unsere Schüler fit für die Ansprüche der Ausbildung.

Der große Aufwand wird sich lohnen
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DHZ: Wie bewährt sich das Programm bisher?
Hübsch: AVdual als einer der ersten Landkreise umzusetzen, ist anspruchsvoll. Es gibt viele pädagogisch interessante Elemente, aber der organisatorische Aufwand ist enorm. Die enge Lern- und Praktikumsbegleitung und den regelmäßigen Austausch mit den Eltern sehen aber alle Beteiligten sehr positiv.

DHZ: Welche Konsequenzen hat das für Ihre tägliche Arbeit?
Hübsch: Wenn man AVdual bestmöglich umsetzen will, sind ein hoher persönlicher Einsatz und viel Kommunikation gefordert. Nur in einem überdurchschnittlich engagierten Team ist das überhaupt möglich. Der Schulversuch ist komplex und verlangt Kreativität bei der Stundenplangestaltung, Expertenwissen im Softwarebereich für die nötigen Wochenpläne und die besondere Dokumentation des Lernverhaltens sowie viel Vorbereitungszeit für den Unterricht auf drei Niveaustufen – um nur den Kern zu umreißen.

DHZ: Wie gut lässt sich AVdual von den Schulen umsetzen?
Hübsch: Jede der beteiligten beruflichen Schulen hat ein anderes Profil, andere Ressourcen und wird ihre individuelle Version von AVdual innerhalb der Richtlinien gestalten. Ich denke, das Programm wird nicht im ersten Jahr komplett realisiert werden, aber in den nächsten Schuljahren werden wir uns immer mehr der Idealvorstellung annähern.

DHZ: Wie wird der Versuch bei den Schülern aufgenommen?
Hübsch: AVdual bedeutet noch keine Ausbildung, aber unsere Schüler begrüßen den Versuch. Sie sehen, dass die Anbindung an die Betriebe und der größere Praktikumsanteil ihre Chancen auf eine Ausbildung erhöhen. Der „Lernbegleiter“ ist dabei besonders beliebt. Zusätzlich zum normalen Lehrer betreut er als Vertrauensperson jeweils fünf Schüler. Im Gespräch mit ihm reflektieren die Jugendlichen ihren individuellen Lern- und Praktikumserfolg.

DHZ: Gibt es schon Erfolgsgeschichten?
Hübsch: Natürlich! Auf den durchlässigen Lernniveaus können die Schüler nach oben, aber auch nach unten rutschen. Unser Team freut sich, dass sich schon mehrere Schüler in höhere Niveaustufen hochgearbeitet haben.

DHZ: Hat AVdual also Zukunft?
Hübsch: Meiner Ansicht nach ja. Wir müssen weg vom lehrerzentrierten Unterricht hin zu mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Schüler. Diese Umstrukturierung der gesamten Lernlandschaft war längst überfällig.

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