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TV-Kritik Plusminus offenbart Missstände: Arbeitsschutz mangelhaft kontrolliert

Der Arbeitsschutz als deutsches Qualitätsmerkmal? Wohl eher nicht. Ein gut recherchierter und gut aufbereiteter Beitrag des ARD-Wirtschaftsmagazins "Plusminus" offenbarte jedenfalls gravierende Missstände, wenn es um die Absicherung von Baustellen oder Betrieben geht. Die Folge: Verletzte und Tote.

Bei diesen Bildern mag man gar nicht hinschauen. Männer stehen auf Containern, die an Ketten durch die Luft gehoben werden, und das ohne jede Absicherung. Sie stehen auf einzelnen, während eines Hausbaus hochgezogenen Wänden, nicht breiter als 30 Zentimeter, fünf Meter hoch, völlig ungesichert. Sie klettern ohne Helm oder Gurt über Gerüste in luftiger Höhe. Alles Realität, und alles illegal.

Die Bilder wurden dem ARD-Magazin "Plusminus" im Zuge seiner Recherchen rund um den Arbeitsschutz in Deutschland zugespielt. Das Fazit des Beitrags fällt entsprechend ernüchternd aus. Der vorgeschriebene Standard beim Arbeitsschutz wird in Deutschland nicht mehr flächendeckend erreicht, der Alltag auf deutschen Baustellen sei, was die Arbeitssicherheit angeht, "erschreckend". Und die Kontrollen sind, wenn sie denn stattfinden, zu lax, weil die Behörden massiv Personal abgebaut haben.

Plusminus begleitet Kontrolleur mit der Kamera

Von 1996 bis 2017 fiel die Zahl der Betriebskontrollen von 600.000 auf 200.000. Und als die "Plusminus"-Journalisten eine dieser Kontrollen, die es noch gibt, mit der Kamera begleiten, wird deutlich, wie auf manchen Baustellen mit dem Thema Sicherheit umgegangen wird. Der Stuttgarter Arbeitsschützer Franz Pollak pfeift erst einmal die anwesenden Handwerker zusammen. "Elektriker, wer ist bei euch der Kapo?", ruft er resolut. Als er den dann vor sich hat, ist die Ansage klar. "Ihr arbeitet ohne Absturzsicherung", sagt Pollak zu dem Mann, dessen Arbeiter auf einem offenen Zwischengeschoss zu Werke gehen. "Alle Mann runter!" Die Elektriker zeigen sich folgsam, die akute Gefahr ist gebannt, doch der Eindruck verfestigt sich beim Zuschauer, dass solche Verstöße nicht gerade selten vorkommen. Der Chef der Gewerbeaufsicht Stuttgart, Michael von Koch, jedenfalls sagt klipp und klar, er fühle sich "ziemlich hilflos". Und auch wenn der Fall mit den Elektrikern eher harmlos wirkt – mangelhafter Umgang mit dem Arbeitsschutz kann sogar tödlich sein.

Zwei Tote durch Berufsunfälle – pro Arbeitstag

Anfang 2017 war Marvin Puchmeier nach einem Rockkonzert in Stuttgart während der Abbauarbeiten tödlich verunglückt. Ein ungesicherter Kollege stürzte aus zwölf Metern Höhe von der Hallendecke auf den 19-Jährigen, der sofort tot war. Puchmeier Vater Ralf hält bis heute das Andenken seines Sohnes hoch, hat eine Stiftung gegründet und geht juristisch gegen die damals beteiligten Firmen vor.

Ein tragischer Fall, aber kein Einzelfall, wie die Zahlen von "Plusminus" eindrücklich zeigen. Alleine im Zuständigkeitsbereich der Gewerbeaufsicht Stuttgart passierten zwischen 2012 und 2017 15 tödliche Arbeitsunfälle, elf davon auf Baustellen, vier in sonstigen Betrieben. Bundesweit, zeigt eine im Beitrag eingeblendete Animation, kamen im Jahr 2017 statistisch an jedem Arbeitstag etwa zwei Menschen bei Berufsunfällen ums Leben, was einer Steigerung seit 2016 um sechs Prozent entspricht.

Arbeitsschutz-Kontrollen: Zu wenig Personal

Und was tut der Staat dagegen, außer den gelegentlichen Kontrollen? Fast nichts, sagen von "Plusminus" interviewte Experten. Jan Seidel, Chef des Bundes technischer Beamter, hat die harte Realität in Zahlen parat. "Es gibt so wenige Arbeitsinspekteure, dass ein Betrieb in Deutschland im Schnitt maximal mit einer Kontrolle binnen 30 Jahren rechnen muss", sagt er. Der Kontrolldruck ist niedrig, und so schleicht sich deutlich leichter der Schlendrian ein. Noch weiter geht Wolfhardt Kohte, Sozialwissenschafts-Professor und Experte für Arbeitsschutz. Er spricht von einem "Staatsversagen" in diesem Bereich. Der Sachverständigenausschuss des Europarates habe ebenfalls festgestellt, dass Deutschland nicht mehr die vorgeschriebenen Standards erreicht.

Frustrierte Prüfer, kopfschüttelnde Experten. Mit dem Arbeitsschutz in Deutschland steht es gerade in den sensiblen Bereichen wie Baustellen oder Betrieben, in denen gefährliche Arbeiten verrichtet werden, nicht zum besten. "Plusminus" zeigt diesen Missstand anschaulich auf, ohne zu dramatisieren – auch wenn die Schicksale, die die Verstöße verursachen können, mitunter dramatisch sind. 

Den gesamten Beitrag finden Sie hier in der ARD-Mediathek .

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