Gesundheit -

Immer mehr Arbeitnehmer dopen sich Pillen gegen den Stress

Der Druck in der Arbeitswelt nimmt zu. In den vergangenen sechs Jahren griffen deswegen immer mehr Menschen zu Medikamenten, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Die gesundheitlichen Folgen des "Hirndopings" sind gravierend.

Knapp drei Millionen Deutsche haben in den vergangenen Jahren verschreibungspflichtige Medikamente genommen, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein oder um Stress abzubauen. Das geht aus dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport "Update: Doping am Arbeitsplatz" hervor. Die Anzahl der Menschen, die sich für Arbeit dopen, ist in den vergangenen sechs Jahren stark gestiegen – von 4,7 auf 6,7 Prozent. Vor allem Beschäftigte mit einfachen Tätigkeiten oder unsicheren Jobs gehören zu den Risikogruppen für den Medikamentenmissbrauch.

Immer mehr betreiben "Hirndoping"

Für die repräsentative Studie untersuchte die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands, ob und wie Erwerbstätige zu verschreibungspflichtigen Medikamenten greifen, obwohl sie diese aus medizinischen Gründen nicht brauchen. Dazu analysierte sie Arzneimitteldaten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten und befragte zusätzlich mehr als 5.000 Berufstätige im Alter von 20 bis 50 Jahren. Demnach haben 6,7 Prozent der Berufstätigen, also knapp drei Millionen Menschen, das "pharmakologische Neuro-Enhancement", auf Neudeutsch "Hirndoping", wenigstens schon einmal praktiziert. 2008 waren es noch 4,7 Prozent.

Nach den Ergebnissen der Studie gibt es eine hohe Dunkelziffer von bis zu zwölf Prozent. Schätzungsweise fünf Millionen Erwerbstätige haben also schon einmal leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente zum Hirndoping eingenommen. Unter den übrigen Erwerbstätigen ist jeder Zehnte für diese Form des Hirndopings prinzipiell aufgeschlossen. Regelmäßig dopen sich laut Studie knapp eine Millionen Berufstätige (1,9 Prozent). "Auch wenn Doping im Job in Deutschland noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal", warnt DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher. "Suchtgefahren und Nebenwirkungen des Hirndopings sind nicht zu unterschätzen. Deshalb müssen wir auch beim Thema Gesundheit vorausschauen und über unsere Wertvorstellungen und Lebensstilfragen diskutieren."

Leistungsdruck, Stress und Überlastung

Auslöser für den Griff zur Pille sind meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Vier von zehn Dopern gaben an, bei konkreten Anlässen wie anstehenden Präsentationen oder wichtigen Verhandlungen Medikamente einzunehmen. Männer versuchen so vor allem, berufliche Ziele noch besser zu erreichen. Außerdem gaben sie an, nach der Arbeit noch Energie für Freizeit und Privates haben zu wollen und sich deswegen zu dopen. Frauen nehmen eher Medikamente, damit ihnen die Arbeit leichter von der Hand geht und sie emotional stabil genug sind.

Menschen, die an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten oder bei denen Fehler schwerwiegende Konsequenzen haben können, greifen eher zu leistungssteigenden Medikamenten. Beschäftigte, die viel mit Kunden zu tun haben, nehmen hingegen überwiegend Tabletten zur Stimmungsverbesserung: Fast jede fünfte Frau nennt viele Kontakte mit Menschen als Grund für den Medikamentenmissbrauch. Vor allem Frauen zwischen 40 und 50 Jahren helfen nach. "Frauen nehmen eher bestimmte Mittel gegen Depressionen, um die Stimmung zu verbessern und Ängste und Nervosität abzubauen", erläutert Rebscher die Motive. " Bei Männern sind es meist anregende Mittel. Sie wollen wach bleiben, stark und leistungsfähig sein."

Führungskräfte dopen kaum

Entgegen der landläufigen Meinung sind es nicht primär Top-Manager oder Kreative, die sich mit Medikamenten zu Höchstleistungen antreiben wollen. Im Gegenteil: Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Arbeit selbst, desto höher ist das Risiko für Hirndoping, zeigt der Gesundheitsreport. Eine Rolle spielt das Tätigkeitsniveau der Arbeit: Beschäftigte mit einer einfachen Tätigkeit haben zu 8,5 Prozent bereits Medikamente zur Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung eingenommen. Bei Gelernten oder Qualifizierten sind es nur 6,7 Prozent. Bei den hochqualifizierten Beschäftigten waren es 5,1 Prozent.

Krankenstand
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Wunderpillen gibt es nicht

Insgesamt werden zum Hirndoping am häufigsten Medikamente gegen Angst, Nervosität und Unruhe (60,6 Prozent) sowie Medikamente gegen Depressionen (34 Prozent) eingenommen. Etwa jeder achte Doper schluckt Tabletten gegen starke Tagesmüdigkeit. 11,1 Prozent nehmen Betablocker, die normalerweise gegen Bluthochdruck und koronare Herzkrankheiten eingesetzt werden. Mehr als jeder Zweite bekommt für die entsprechenden Medikamente ein Rezept vom Arzt. Jeder Siebte erhält Tabletten von Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen, jeder Zwölfte bestellt sie ohne Rezept im Internet.

Professor Dr. Klaus Lieb, Facharzt und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, warnt: "Der Bezug aus dem World Wide Web ist riskant. Dort gibt es viele Medikamentenfälschungen, die ohne Rezept abgegeben werden und der Gesundheit erheblich schaden können."

Der Doping-Experte dämpft zudem Erwartungen an das pharmakologische Neuro-Enhancement: "Eine Wunderpille gibt es nicht. Oft zeigen die Medikamente nur kurzfristige und minimale Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Demgegenüber stehen hohe gesundheitliche Risiken, wie körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit." Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Nervosität und Schlafstörungen seien nicht selten – und mögliche Langzeitfolgen dagegen noch völlig unklar.

Nach Ansicht von Experten ist neben dem äußeren Druck am Arbeitsplatz auch die innere Haltung entscheidend, wenn es um die Anfälligkeit für das Dopen geht. So seien übertriebene Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit häufig ein Problem. Anstatt zur Pille zu greifen, sei es deshalb wichtig zu erkennen, dass Stress-Situationen am Arbeitsplatz nicht völlig vermeidbar sind. Laut DAK-Report ist der Großteil der Arbeitnehmer hier schn auf dem richtigen Weg: Demnach setzt mehr als jeder Zweite auf eine gute Organisation bei der Arbeit. 44 Prozent der Beschäftigten achten darauf, ihre Freizeit möglichst sinnvoll zu verbringen. Sechs von Zehn schlafen ausreichend, um besonders leistungsfähig zu sein.

Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch

Insgesamt sind psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. 59 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr gehen vor allem auf Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen zurück. Damit machen sie 15 Prozent des Arbeitsunfähigkeitsgeschehens aus und sind die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibungen.

Während insgesamt die Krankenstände zurückgehen, hat sich die Rate der psychischen Erkrankungen in den letzten vier Jahrzehnten verfünffacht. Einen wichtigen Auslöser hierfür sehen Experten darin, dass der Mensch im Arbeitsalltag immer größerem Stress ausgesetzt ist.

Das Projekt "Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt" (psyGA) setzt hier an. Es entwickelt Lösungen, wie Unternehmer im Arbeitsalltag den Stresslevel für ihre Mitarbeiter senken können. dhz

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