Gesundheit -

Beruf und Pflege vereinbaren Pflege von Angehörigen: "Chef, meine Mutter ist krank"

Wer Angehörige pflegt, hat neben der zeitlichen auch eine enorme seelische Belastung. Zur Unsicherheit, was die Zukunft bringen wird kommen immer wieder Notsituationen, die nicht bis Feierabend warten können. Wie Chefs und Mitarbeiter Lösungen finden, damit Beruf und Pflege vereinbar sind.

Ein Blick ins Gesicht des Mitarbeiters, und Maria Walter (Name von der Redaktion geändert) war klar: Der Mechaniker würde den Auftrag, den sie ihm gerade geben wollte, nicht ausführen. "Ich hab ihn gefragt `Bist Du krank?`Und er hat gesagt: `Nein. Aber die Mama.`“

Im ersten Teil der Serie: "Pflege, das vermeintliche Privatproblen": Warum Unternehmer von Pflege doppelt betroffen sind

Im dritten Teil der Serie: "Chefin und pflegende Angehörige zugleich": Wann und ob es sich für Unternehmer lohnt, eine private Pflegeversicherung abzuschließen

Eine Stunde lang hörte Walter ihrem Mitarbeiter zu, seinen Sorgen, weil die Mutter immer mehr in die Demenz abrutscht, seinen Ängsten, was das für seine Arbeit bedeutet, seiner Not, weil die verwirrte Mutter immer wieder ausfällig wird und ihn öffentlich beschimpft. "Allein, dass er mal darüber reden konnte, hat geholfen.“

Beruf und Pflege zu vereinbaren verlangt Verständnis

Walter leitet mit ihrem Mann im Großraum Landshut einen Betrieb für Sanitär, Heizung und Klima mit 20 Mitarbeitern. Zwei von ihnen haben zu Hause hilfsbedürftige Angehörige. "Für mich ist es wichtig zu wissen, dass sie diese Belastung haben. Dann brauchen sie auch nichts zu erklären, wenn sie plötzlich nach Hause müssen“, sagt Walter.

Verständnis und Unterstützung des Chefs für den Mitarbeiter hält Stefanie Steinfeld aus menschlichen, aber auch aus betrieblichen Gründen für wichtig. Die Diplom-Sozialarbeiterin hat sich auf die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege spezialisiert. "Je kleiner der Betrieb, desto schwieriger wird es, Ausfälle zu kompensieren.“ Gerade deswegen sei es wichtig, sich als Arbeitgeber vorab über das Pflegenetzwerk vor Ort zu informieren. "Den Pflegefall kann der Chef nicht für seinen Mitarbeiter lösen. Aber er kann ihm sagen, wo er Hilfe bekommt, so dass er trotzdem gut weiterarbeiten kann“, rät Steinfeld.

Die Beraterin arbeitet mit Unternehmern und Mitarbeitern Betriebsvereinbarungen aus, um den Bedürfnissen aller Parteien gerecht zu werden.

Pflegesensible Zeiten versus Planbarkeit

Maria Walter allerdings handhabt die Ausfallzeiten ihrer Mitarbeiter informell. Statt offizieller "pflegesensibler Arbeitszeiten“ setzt sie auf feste Zeiten, mit denen die Mitarbeiter genau planen können – in dem Wissen, dass sie den Arbeitsplatz auch von einer Minute auf die andere verlassen dürfen, wenn Not am Mann ist. Walter versucht dann, drängende Aufträge anderweitig zu lösen und ansonsten die betroffenen Kunden zu beruhigen. "Es ist ein Versorgungsengpass für die Kunden, ja. Aber ich muss mich da einfach vor meine Mitarbeiter stellen.“

Bisher gleichen ihre Mitarbeiter die Ausfallzeiten mit ihrem Stundenkontingent oder ihren Urlaubszeiten aus. Rein rechtlich könnten sie bei der Betriebsgröße auch schon eine sechsmonatige Pflegezeit beantragen. Ein Anspruch darauf gilt in Unternehmen ab 16 Mitarbeitern. Die längere Familienpflegezeit, bei der Mitarbeiter ihre Arbeitszeit auf mindestens 15 Wochenstunden reduzieren dürfen, greift erst in Betrieben mit mehr als 25 Mitarbeitern. In der Summe dürfen beide Zeiten zusammen 24 Monate nicht überschreiten.
Direkte Kosten entstehen dem Arbeigeber durch solche Pflegezeiten nicht. In der sechsmonatigen Pflegezeit gibt es keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung; bei der reduzierten Arbeitszeit der Familienpflegezeit wird der Lohn anteilig gekürzt.

Zehn Tage freigestellt in akuten Pflegefällen

Lediglich bei akut auftretenden Pflegefällen bekommen Mitarbeiter weiterhin Lohn, wenn es der Tarifvertrag, eine Betriebsvereinbarung oder der Arbeitsvertrag so vorsehen. Für solch akute Pflegephasen müssen alle Betriebe, egal welcher Größe, ihre Mitarbeiter für bis zu zehn Tage freistellen.

Maria Walter betrachtet die Herausforderung sportlich: "Es ist immer ein spontanes Reagieren. Aber das ist es ja auch, wenn ein Mitarbeiter selbst krank wird“, erklärt sie. 20 Mitarbeiter hat sie, Arbeit hätte sie für 30. "Aber es hat keinen Sinn, den Fachkräftemangel auf dem Rücken unserer Mitarbeiter auszutragen.“

Zeitarbeit als Lückenfüller

Fällt die Arbeitskraft für ungewisse Zeit komplett aus, können Arbeitgeber versuchen, die Lücke mit einem Zeitarbeiter zu füllen.

Das Gesetz zur Regelung der Arbeitnehmerüberlassung bestimmt allerdings, dass Betriebe des Baugewerbes davon ausgeschlossen sind, mit zwei Ausnahmen: Beide Seiten gehören Tarifverträgen an, die die Arbeitnehmerüberlassung vorsehen; oder Kollegenbetriebe sind seit mindestens drei Jahren von denselben Rahmen- und Sozialkassentarifverträgen erfasst.

Die zuständigen Stellen für die Anzeige von Arbeitnehmerüberlassung finden Sie bei der Arbeitsagentur hier.

Unterstützung kann auch von Innungen kommen, die für ihre Mitglieder eine Kollegenhilfe anbieten.


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