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Kommentar zu Beruf und Pflege Pflege: Mehr Menschlichkeit tut not

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland steigt und damit auch die Zahl derjenigen, die Beruf und Pflege miteinander vereinbaren müssen. Wo ohnehin schon viel Leid herrscht, wird die Situation durch Fehlanreize im Gesundheitssystem noch verschlimmert.

Es gibt zwei Deutschlands. In dem einen operieren Ärzte Menschen am offenen Herzen, verpflanzen Organe und retten Leben, die noch vor wenigen Jahren nicht zu retten gewesen wären: Hochleistungsmedizin auf internationalem Niveau.

In dem anderen Deutschland liegen sich pflegebedürftige Patienten auf unterbesetzten Stationen wund, bekommen kaum Ansprache, geschweige denn Hilfe beim Essen oder der täglichen Körperpflege. Ein Entwicklungsland.

Angehörige von Pflegebedürftigen stehen vor einem Dilemma

Angehörige stehen vor einem Dilemma. Sie müssen entscheiden, ob sie ihre Lieben für viel Geld in fremde Hände geben, in der Hoffnung, eines der besseren Häuser zu erwischen mit genügend Pflegepersonal. Oder sie geben ihre Arbeit auf, um sich ganz der privaten Pflege zu widmen. Die wenigsten können sich das finanziell und organisatorisch leisten. Also arbeiten und pflegen sie parallel und zerreiben sich unter der Doppelbelastung.

Unternehmer sind besonders betroffen. Als Privatmenschen sorgen sie für ihre eigenen Angehörigen und versuchen gleichzeitig, den Betrieb am Laufen zu halten.

Als Arbeitgeber erleben sie, wie sich Mitarbeiter plötzlich um ihre Angehörigen kümmern müssen, immer wieder ausfallen und die ohnehin dünne Personaldecke zusätzliche Löcher bekommt.

Der Pflegenotstand wird auf dem Rücken der Menschen ausgetragen: der Patienten und der Pflegenden. Und wie überall geht es letztlich ums Geld. Die Gesundheitskosten sind in den vergangenen Jahren rapide gestiegen. 2005 kostete jeder Bundesbürger die Krankenkassen durchschnittlich knapp 3.000 Euro. 2015 waren es schon über 4.200 Euro.

Kostenexplosion ist selbst gemacht

Viele Gründe führten zu der Steigerung: Hightech-Medizin ist teuer, das Durchschnittsalter im Lande steigt und damit auch die Zahl derer, die intensive medizinische oder pflegerische Betreuung benötigen. Die statistisch teuerste Zeit ist die Phase unmittelbar vor dem Sterben.

Doch die Kostenexplosion ist auch selbstgemacht: Bis zu 25 Prozent der Gesamtausgaben der Krankenkassen fließen nach Ansicht des Bochumer Palliativmediziners Matthias Thöns in die Übertherapie Sterbenskranker. Fast jeder zweite Euro ambulanter Pflegeleistungen werde für zumeist ungewollte "Apparatemedizin zu Hause“ ausgegeben.

Dabei wünscht sich die Mehrzahl der Menschen für die letzte Lebensphase vor allem eines: In Ruhe und Würde, möglichst schmerzfrei, daheim sterben zu dürfen. Ein billiger Wunsch, der im teuren Gesundheitssystem scheinbar nicht vorgesehen ist.

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