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Fleischverarbeiter vor Gericht Pferdefleisch: Wie der Skandal heute noch nachwirkt

Sechs Jahre ist es her, dass Pferdefleisch in Fertig-Lasagne in mehreren europäischen Ländern entdeckt wurde. Nun sind die Verantwortlichen verurteilt. Der eigentliche Skandal war ein Etikettenschwindel und die Politik kündigte eine lückenlose Rückverfolgbarkeit in der Lebensmittelkette an. Sie fehlt bis heute.

Pferdefleisch gilt unter Kennern als Delikatesse. Man kann es variantenreich verarbeiten, es ähnelt Rindfleisch und hat dennoch eine ganz eigene Note. Es hat wenig Fett, viel Eiweiß und ist reich an Eisen. In Deutschland kommt es aber nur selten auf den Teller. Die Zahl der Pferdemetzgereien ist beim Deutschen Fleischerverband (DFV) nicht erfasst und schon seit den 80ern Jahren ist der Pro-Kopf-Konsum in Deutschland bei Pferdefleisch so gering, dass er unter 100 Gramm liegt und so nur mit einer statistischen Null vom DFV erfasst wird. Das Statistische Bundesamt erfasst Pferdefleisch immerhin im Rahmen der deutschen Fleischproduktion mit 0,3 Prozent für das 1. Halbjahr 2018 – allerdings zusammen mit Schaf- und Ziegenfleisch.

Etikettenschwindel mit Pferdefleisch: Das Urteil ist gesprochen

"Wie viel Pferdefleisch in Deutschland gegessen und in Metzgereien verkauft wird, ist statistisch nicht zu fassen", sagt deshalb Gero Jentzsch, der Sprecher des DFV. Pferdemetzger seien in der Branche Exoten, da das Pferd hierzulande traditionell eben eher ein Haus- und Reittier sei. Jentzsch kennt dennoch einzelne Betriebe, die sich auf Pferdefleisch spezialisiert haben und hat es dort schon gekostet: "Ich würde den Geschmack als eine Mischung aus Rind und Wild beschreiben", sagt er und fügt hinzu, dass der Skandal vor sechs Jahren ganz klar eine riesengroße Verbrauchertäuschung gewesen sei, die dem Pferdefleisch einen schlechten Ruf verpasst haben, den es nicht verdient hat.

Die Deutschen essen dennoch lieber Schweine-, Geflügel- und Rindfleisch. Wer im Jahr 2013 im Discounter zu günstiger fleischhaltigen Fertiggerichten gegriffen hat, lief jedoch Gefahr, ungewollte dennoch Pferdefleisch zu essen. Mehr als 500 Tonnen Pferdefleisch hatte ein niederländischer Händler damals als Rindfleisch ausgegeben und in Deutschland und anderen Ländern auf den Markt gebracht. Der Skandal um Lasagne, Gulasch und andere Fertigprodukte flog jedoch auf und löste eine große Empörungswelle aus. Nun hat ein Pariser Gericht vier der Verantwortlichen zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Zwei Jahre Haft lautet das Urteil für den niederländischen Händler Johannes Fasen, der den Betrug organisiert hatte. Der frühere Chef der französischen Fleischverarbeitungs-Firma Spanghero, Jacques Poujol, muss für sechs Monate ins Gefängnis. Die Männer wurden wegen Verbrauchertäuschung verurteilt. Das Pariser Strafgericht blieb mit dem Urteil deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Sie hatte vier Jahre Haft für den Niederländer Fasen und ein Jahr Gefängnis für den Franzosen Poujol verlangt. Zwei weitere Angeklagte kamen mit Bewährungsstrafen davon.

Foodwatch: Öffentlichkeit in Betrugs- oder Täuschungsfällen nicht informiert

Nach Angaben der Verbraucherorganisation Foodwatch hat auch die Politik bislang nicht so streng auf den Lebensmittelskandal reagiert, wie sie es damals angekündigt hat. So wollte die damalige Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) für mehr und strengere Lebensmittelkontrollen sorgen und auch eine lückenlose Rückverfolgbarkeit in der Lebensmittelkette durchsetzen. EU-weit sollte schneller über derartige Fälle informiert werden, damit Behörden schneller reagieren und Produkte schneller aus dem Verkehr gezogen werden können.

Sarah Häuser von Foodwatch sagt dazu allerdings: "Der Pferdefleischskandal kann jederzeit wieder passieren. Zwar wurde der Informationsfluss zwischen den Behörden der EU-Mitgliedsstaaten als Reaktion auf den Skandal verbessert. Aber: Die Öffentlichkeit muss in Betrugs- oder Täuschungsfällen nach wie vor nicht informiert werden." Aus diesem Grund sei auch bis heute unbekannt, in welchen Produkten beim Pferdefleisch-Skandal statt Rindfleisch Pferdefleisch verarbeitet wurde. So gebe es bis heute die damals angekündigte "lückenlose Rückverfolgbarkeit in der Lebensmittelkette" nicht – obwohl sie im EU-Recht eindeutig vorgeschrieben ist.

Foodwatch kritisiert zudem, dass die Behörden deutlich seltener Lebensmittel und die verarbeitenden Betriebe kontrollieren, als auf dem Papier vorgesehen. "In Deutschland wird nur etwa halb so häufig kontrolliert. In anderen Ländern sogar noch seltener", sagt Sarah Häuser.

Ein weiteres Problem: Es gibt für Lebensmittelhersteller und Handelsketten keine Vorgaben, ihre Produkte selbst zu kontrollieren. Foodwatch fordert, dass sich das ändert. "Unternehmen müssen verpflichtet werden, ihre Produkte umfangreich auf mögliche Gesundheitsrisiken und Betrugsfälle zu testen. Verstoßen Unternehmen gegen diese oder andere Vorschriften, müssen schadensunabhängige und abschreckend hohe Strafzahlungen drohen", so Häuser. Bei Straftaten sollte das Unternehmen selbst und nicht allein handelnde Personen zur Verantwortung gezogen werden können, hier sei die Einführung eines Unternehmensstrafrechts nötig.

Pferdefleischskandal bringt den Pferdefleischern neue Kunden

Der DFV ist hält hingegen die Chance, dass sich der Pferdefleischskandal in dieser Form wiederholt, für gering. Damals wurden verhältnismäßig große Mengen Pferdefleisch aus Balkanländern billig auf den europäischen Markt geworfen und hätten die kriminellen Energien einiger Händler und Hersteller geweckt. Es sei unwahrscheinlich, dass sich das wiederhole, so Jentzsch. Dennoch hält der Verband Kontrollen für wichtig. "Wer Lebensmittel immer nur billigst und noch billiger anbieten will als seine Wettbewerber und zu diesem Zweck Druck auf seine Zulieferer ausübt, diese Lebensmittel noch billiger zu produzieren, der entwertet nicht diese nicht nur in den Augen der Verbraucher. Der große Preisdruck auf der ganzen Kette macht diese auch anfällig für Manipulation und Verbrauchertäuschung", so der DFV-Sprecher.

Allerdings mahnt der Verband auch Augenmaß an. Kontrollen müssten risikoorientiert erfolgen. Es sei leicht, eine ganze Branche unter Generalverdacht zu stellen. Das werde aber weder den ordnungsgemäß arbeitenden Betrieben gerecht, noch wird es zu einer Vermeidung solcher Vorgänge in Zukunft beitragen. Maßnahmen müssten vor allem diejenigen spürbar treffen, die sich nicht an die Spielregeln hielten. Dies sei nach Ansicht von Jentzsch eine Erkenntnis, die sich durch den Skandal vor sechs Jahren erneut bestätigt habe: "Je anonymer Geschäfte abgewickelt werden, je länger und mehrstufiger die Warenströme werden, desto leichter sind kriminelle Vorgänge zu vertuschen."

Ironischerweise hätten die Nachrichten über die Pferdefleisch-Lasagne damals bei vielen Verbrauchern Interesse am Lebensmittel Pferdefleisch geweckt. "Deutschlands Pferdefleischer haben danach eher mehr als weniger Kunden in ihren Läden gehabt", so Jentzsch. Zu einem statistisch messbaren Anstieg des Pferdefleischverzehrs habe dieser Sondereffekt aber nicht gereicht.

mit Material von afp

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