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Mitarbeiter im Betrieb halten Personalbindung: "Geld ist für Junge weniger entscheidend"

Die Gründe, das Handwerk zu verlassen, sind je nach Lebensphase unterschiedlich. Katarzyna Haverkamp verrät im Interview, was Mitarbeiter dazu bewegt, im Handwerk zu bleiben.

DHZ: Frau Haverkamp, weshalb ist in Zeiten des akuten Fachkräftemangels eine lebensphasenorientierte Personalpolitik besonders wichtig?

Katarzyna Haverkamp: Im Handwerk gibt es viele Initiativen, die dabei helfen sollen, junge Menschen für die Ausbildung zu begeistern. Entscheidend ist aber auch, die gewonnenen Fachkräfte zu halten. Das gilt nicht nur für Auszubildende und junge Gesellen, sondern auch für erfahrene Fachkräfte im mittleren Alter. Dabei zeigen sich zu jeder Lebensphase andere Gründe, den Betrieb beziehungsweise das Handwerk zu verlassen.

DHZ: Was heißt das mit Blick auf die Auszubildenden?

Haverkamp: Etwa ein Drittel der Auszubildenden im Handwerk löst vorzeitig den Ausbildungsvertrag. Nicht alle gehen dem Handwerk verloren: Manche wechseln den Betrieb, andere den Ausbildungsberuf. Fragt man sie nach Gründen, dann beklagen sie meist den rauen Umgangston oder das "schlechte Betriebsklima". Für viele Auszubildenden ist der Wechsel von der Schule in den Betrieb ein regelrechter "Crash" der Lebenswelten, das gilt es zu beachten.

DHZ: Welche Rolle spielt die Höhe der Ausbildungsvergütung?

Haverkamp: Für Jugendliche ist das Geld weniger entscheidend als für Ältere. Wichtiger ist für sie die Freude am Beruf, der Teamgeist, die Rückmeldung vom Chef. Gerade zu Beginn der Ausbildung ist es notwendig, klare Ausbildungsziele zu definieren, schnell für kleine Erfolgserlebnisse zu sorgen und Verantwortung sukzessive auszubauen. Ich nenne hier immer gern das Beispiel einer norddeutschen Bäckerei, die in einer ihrer Filialen die Lehrlinge im 2. und 3. Lehrjahr zu Chefs macht.

DHZ: Was ist die nächste besonders kritische Phase?

Haverkamp: Der Wechsel aus der Ausbildung in die erste feste Stelle. Nur sechs von zehn Auszubildenden bleiben aktuell ihren Ausbildungsbetrieben treu. Damit möglichst viele dem Betrieb und dem Handwerk erhalten bleiben, sollte möglichst früh über Übernahmemöglichkeiten gesprochen werden. Insbesondere Leistungsstärkere sollten rechtzeitig auf Perspektiven im Betrieb und auf Weiterbildungsmöglichkeiten – zum Meister oder Betriebswirt – hingewiesen werden.

DHZ: Wie attraktiv ist es für junge Menschen, sich heutzutage im Handwerk noch selbständig zu machen?

Haverkamp: Ich nehme an, das hängt vom Persönlichkeitstyp ab. Es gibt Menschen, die sind ausgezeichnete Handwerker, talentierte Tischler oder Steinbildhauer. Menschen, die gern handwerklich tätig sind, aber deshalb noch lange keinen Betrieb führen wollen. Und es gibt andere, die gerade dies reizt. Für beide Gruppen muss es Perspektiven geben.

Katarzyna Haverkamp

DHZ: Seit Jahren wandern Gesellen und Gesellinnen auch später noch in andere Wirtschaftsbereiche ab. Wie kann das Handwerk hier gegenhalten?

Haverkamp: Beim Gehalt wird es schwer. Nach unten gibt es zwar eine gute Absicherung durch Branchenmindestlöhne, aber gerade nach oben verläuft die Gehaltskurve im Handwerk flacher als anderswo. Deshalb ist es wichtig, andere Vorteile hervorzuheben. Die Vielseitigkeit der Tätigkeiten. Die flexible Arbeitszeitregelung in der Familienphase. Die Nähe des Arbeitsplatzes zum Wohnort. Den sozialen Zusammenhalt. Das gute Betriebsklima. Aber natürlich wäre auch eine größere Tarifbindung hilfreich.

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