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Sölden Perforiertes im Permafrost

Mächtige Holzhütten mit tonnenschweren Balken und Holzschindeln auf den Dächern, das war einmal. Heute werden Bergstationen und Restaurants nach dem Motto schlank, natürlich oder zurücknehmen entworfen. Das Restaurant "Ice Q" in Sölden wurde unter diesen Aspekten erbaut.

Perforiertes im Permafrost
Ein Stück Himmel in 3.048 Metern Höhe: das neue "Ice Q" in Sölden ist ein moderner Bau, der den Restaurant-Gästen einen 360-Grad-Blick in kuscheliger Wärme ermöglicht. -

Die Zeiten sind vorbei, in denen mächtige Holzhütten mit schweren Balken und tonnenschweren Holzschindeln auf dem Dach der Inbegriff alpiner Architektur waren. Keine Frage: Noch immer versprühen Hütten dieser Art ihren Charme – von St. Anton über Sölden bis zu den alpenländisch angehauchten Chalets in französischen Berg-Trabantenstädten haben sie allesamt etwas vom kargen Bergleben früherer Zeiten, auch wenn in ihnen längst Haubenköche werkeln und Spitzenweine verköstigt werden. Trotzdem ist das karge Leben auch in den Bergen längst Schnee von gestern.

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In den alpinen Nobelorten tummeln sich nebst treuen, reicher werdenden deutschen Touristen immer mehr Osteuropäer, Engländer und Skandinavier, die mit dem Wort "karg" nur noch wenig anfangen können. Also zieht die Architektur hinterher: Teuer wirkende, im Grunde genommen aber meist nur architektonisch mutige Bauten, die wir bislang nur aus Städten und exponierten Wohnlagen kannten, entstehen plötzlich an Felskanten und mitten im Permafrost.

Panorama bei Zimmertemperatur

Panorama bei Zimmertemperatur – mit diesem Konzept lassen sich auch weniger sportliche, dafür umso solventere Kunden ins ewige Eis locken. Das architektonisch wie umweltschutztechnisch ambitionierte Experiment glückt so gut wie immer. Nur selten leiden hochalpine Architekten an Geschmacksverirrung. Und wenn doch, dann gibt es immer noch die Bergbahnen als Auftraggeber, die aus verrückten Ideen vernünftige Konzepte machen. Und wenn das nicht hilft, hilft die Aufsicht: Nirgendwo sind die Auflagen strenger als in den Bergen. Immerhin steigt mit jedem Höhenmeter die mediale und aufsichtsrechtliche Aufmerksamkeit.

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Erst im vergangenen Jahr entstand so auf dem Pitztaler Gletscher mit dem "Café 3.440" ein architektonische Wunderwerk zu Füßen der erhabenen Wildspitze, die dem Gast beim echt Wiener "Verlängerten" buchstäblich in die Tasse schaut. Die derzeitige Berg-Architektur folgt – wie beim Café 3.440 der Fall – Prinzipien wie "schlank", "natürlich" oder "zurücknehmend" – ganz egal, ob es sich um die Bergstation einer Umlaufbahn oder um ein Restaurant wie das neue "ICE Q" im Nobel-Skigebiet Sölden handelt, das rechtzeitig zum Skisaison-Beginn im Dezember eröffnet wurde.  Dortselbst lud die Familie Falkner, ihres Zeichens Begründerin und Großanteilseignerin vieler Bergbahnen, Restaurants und Hotels in Sölden und darüber hinaus, zum Jungfernmenü samt Weinprobe auf 3.048 Metern Seehöhe, gleich neben der Bergstation der vor zwei Jahren komplett neu errichteten Gaislachkogelbahn.

Schneller, höher, weiter

Schneller, höher, weiter – das gilt im Olympia-Winter nicht nur für Sotschi, sondern natürlich auch für die Ötztal-Metropole Sölden, die sich im internationalen Wettkampf um ein touristisches Profil die Attribute "Sportlich UND Nobel" auf die Fahnen geschrieben hat. Also wird im ICE Q nicht nur ein ausgezeichneter "Verlängerter" serviert, sondern es kommen erstklassige Speisen aus der ganzen Welt auf den Tisch. Kaviar ist das Einzige, was der Laie auf den ersten Blick erkennt, der Rest ist geschäumte und perforierte, geraspelte und gedünstete Perfektion in Hirsch, Lamm und Erbse. Dazu gereicht wird – und das ist nun wirklich ein Rekord – selbst gekelterter Wein, ein "Pino 3.000", der im hinteren Bereich des Stahl-Glas-Holz-Kubus heranreift und nur hier oben ausgeschenkt und verkauft wird. Die Reben des tiefroten Cuvée stammen aus drei erstklassigen Anbaugebieten am Kaiserstuhl (Deutschland), in Kärnten (Österreich) und in Südtirol (Italien). Dementsprechend fruchtig, vollmundig und – kein Wunder in dieser Höhe – gehaltvoll stellt sich der Pino 3.000 auch vor.

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Abseits der Speisen ist für Handwerker und andere technisch interessierte Gäste die Bauweise des Restaurants interessant. Bauen im Permafrost ist auch im 21. Jahrhundert noch immer die Königsdisziplin, weil nicht nur Wind und Wetter eine rasche Bauzeit verlangen, sondern weil der Permafrost-Boden Architekten wie Baufirmen vor schwierige Aufgaben stellt.

Architekt Johann Obermoser aus Innsbruck, der bereits an der Gaislachkogelbahn aktiv war, hat die dort gemachten Erfahrungen mit belüfteten Fundamenten auf das "ICE Q" nebenan übertragen. "Das Haus steht auf drei Punkten, die man höhenverstellen kann. In der Bahn sind es 43 Punkte, die wir in drei Jahren nicht einmal nachgezogen haben." Für Obermoser ist diese Variante daher die Zukunft der Permafrost-Bau-Technik. Und Bauleiter Michael Gritsch verrät gleich noch ein wichtiges Detail: So viel Vorproduktion wie möglich. Dann kann einem das Wetter am Ende nicht alles verhageln. Während Architekt Obermoser stolz ist auf den "Rundumblick von jedem Platz aus", verweist Gritsch auf Details wie die Massivholzdecken, die man in dieser Höhe nicht unbedingt erwarten würde. In nur fünf Monaten Bauzeit ist so in der Kombination aus Stahl, Holz und Glas ein Stück Himmel in 3.048 Metern Höhe entstanden. Und das ganz ohne schwere Balken, ohne Holzschindeln auf dem Dach und ohne Hirschgeweihe und Kuhglocken an den Wänden.

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