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TV-Kritik: Reportage über Passivhäuser Passivhäuser werden zu einseitig beleuchtet

Einfamilienhäuser aus Holz, ganze Wohnsiedlungen für Tausende Menschen, und sogar ein Kino. Eine TV-Dokumentation entführte den Zuschauer in die Welt der Passivhäuser. Der Film bot interessante Einblicke in Handwerk und Technik rund um solche Häuser - schilderte die Thematik aber ein wenig zu einseitig.

Alles beginnt mit der Dämmwolle. Die Macher der Reportage "Passivhäuser - bauen für die Zukunft“, die vom Sender Arte produziert und im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, laden als Einstieg in ihren halbstündigen Film eine Lieferung großer Packs des Baustoffes ab. Mit dabei: Stefan Lechner, Zimmermeister und Geschäftsführer von "Lechner Holzbau“ in Rosenheim. Er soll den Journalisten fachlich fundiert erklären, was es auf sich hat mit den vieldiskutierten Passivhäusern, wie ihre Einzelteile in der Werkstatt vorbereitet und schließlich auf der Baustelle montiert werden. Das ist der eine, der handwerkliche Part der Sendung. Da werden Dämmstoffe aus Holzfaser in die Gefache einer Giebelwand eingebracht und Holzfaserplatten auf die komplette Fläche darüber getackert. Da wird die so hergestellte Wand vor Ort auf der Baustelle als Fertigbauteil angebracht. Und da wird ein Haus in Windeseile hingestellt. "Am fünften Tag haben wir das Dach dicht“, sagt Zimmermeister Lechner nicht ohne Stolz, die Nachfrage nach solchen Passivhäusern in Holzbauweise steige stetig. "In schnelllebiger Zeit ist ein Holzhaus genau das Richtige.“ Das Grundprinzip solcher Häuser: "Eine sehr gute Dämmung", sagt Lechner. Und genau da wurde es interessant.

Größte Passivhaus-Siedlung der Welt

Wie es sich in einem solchen massiv gedämmten Haus lebt, das lassen sich die Autoren in Heidelberg zeigen. Dort wird die größte Passivhaus-Siedlung der Welt, wie es in dem Film heißt, die sogenannte Bahnstadt, aus dem Boden gestampft. Am Ende soll dort Platz für 12.000 Menschen sein, es gibt nicht nur Wohnungen, sondern einen Kindergarten und sogar ein Kino in Passivhaus-Bauweise und natürlich ein Holzheizkraftwerk.

Die Reporter besuchen eine Familie, die in der Siedlung lebt. Die Atemluft, heißt es, sei oft sehr trocken in den Passivhäusern, so auch bei der Familie. Weil gerade aber feuchte Wäsche zum Trocken in der Wohnung hänge, sei es aktuell nicht so schlimm. Auch warmes Essen steigere die Luftfeuchtigkeit und mache die Umgebung angenehmer. Obgleich dieses durchaus häufig auftretende Problem gleich wieder vom Tisch gewischt wird, so wird es doch wenigstens angesprochen. Und schließlich müsse man "kaum heizen“, sagt die Mutter der Familie. Und in der Tat: Ein Test der Dichtigkeit des Hauses ergibt nur eine kleine Schwachstellt: Die Haustür war nicht verschlossen und somit drang doch ein wenig Kälte von außen ein. Ansonsten: Absolut dicht, das Haus, und der Familie scheint es zu gefallen.

Kritik bleibt weitgehend außen vor

Also weiter ins Kino, und auch dort: Sehr trockene Luft, doch wenn viele Menschen im Saal seien, steige die Luftfeuchtigkeit aufgrund der von den Menschen ausgeatmeten, feuchten Luft. Überall, sowohl in den Wohnungen als auch im Kino, laufen indes ständig Lüftungen, ohne die in die extrem dichten Häuser viel zu wenig Frischluft gelangte. Die Autoren erwähnen diese Tatsache, dass dadurch natürlich Stromkosten anfallen, bleibt außen vor. Überhaupt beschleicht den Zuschauer mit steigender Dauer des Film ein wenig das Gefühl, dass die Kritikpunkte an Passivhäusern nicht ausreichend gewürdigt wurden und kaum benannt werden.

Vom Stromverbrauch durch die Lüftungen über die Gefahr von Keimen in der Lüftung und möglicher Schimmelbildung durch nicht ausreichende Luftzufuhr bis hin zu einem Raumklima, das nicht jedem zusagt, hätte es durchaus ein paar Ansatzpunkte gegeben, die wenigstens zu erwähnen sich gelohnt hätte. Und auch, dass Niedrigenergiehäuser nach aktuellen Effizienz-Standards, die allerdings nicht gleich Passivhäuser sein müssen, durchaus geringe Heiz- und Energiekosten ermöglichen, blieb außen vor. Damit entstand am Ende kein ganz rundes Bild von der Thematik.

Interessante Ausflüge ins Handwerk und die Technik

Interessant dagegen waren die Ausflüge ins Handwerk und die Technik der Passivhäuser. So wurden verschiedene Dämmstoffe anhand wichtiger Kriterien wie Wärmeleitfähigkeit, Wasseraufnahme, Brennbarkeit oder Stabilität in einem des Forschungsinstituts für Wärmeschutz in München Labor untersucht. Heraus kam, dass die Stoffe immer dünner und dennoch besser werden, etwa eine Platte aus Kieselsäure, die in eine Folie aus Aluminium und Kunststoff gepackt werde. Und zwei Forscher der Technischen Universität (TU) München demonstrierten ihre Vision verschiedener intelligenter Fenster, deren Glas sich aufgrund kleinster eingebauter Mengen spezieller Flüssigkeit im Sommer als wärmeabweisend und im Winter als wärmeaufnehmend und energiegewinnend erweist. Besonders unterhaltsam: In der TU selbst scheinen die Fenster bereits etliche Jahre auf dem Buckel zu haben, wie der Zuschauer von einem der Forscher anschaulich demonstriert bekommt. Wie auch immer: Sowohl die Fenster als auch die hochmodernen Dämmstoffe stellen eher Lösungen dar, die kaum "von der Stange“ zu haben sind und einiges an Geld kosten.

Eben jene Kostenfrage wurde zudem nur kurz anhand der Aussage des Bauherrn eines Passivhauses, das Zimmermeister Lechner baut, aufgeworfen. Die Antwort: "Wenn Sie sich die richtige Baufirma aussuchen, zahlen Sie keinen Mehrpreis.“ In der Tat sind die Mehrkosten heute im Vergleich zu den Anfangszeiten der Passivhäuser gesunken, es gibt sie aber noch. Holz, hieß es aber vielmehr, sei ein wunderschöner Baustoff und ein nachwachsender Rohstoff. Und so war man schnell wieder bei der positiven, wohligen Wortwahl, die den gesamten Beitrag durchzog. Klimafreundliches, energiebewusstes Bauen liegt im Trend und schont die Umwelt - eine gute Sache. Mehr Akzeptanz für die modernen Bauformen hätte der Film aber erreicht, wenn er außer der trockenen Luft, die durch den Wasserdampf abgegossener Spaghetti irgendwie schon wieder auf eine ordentliche Feuchte kommt, noch mehr kritische Punkte aufgenommen hätte, die eine ganzheitliche Beschäftigung mit dem Thema erlaubt hätten.

So war das Resümee der Filmemacher - es habe sich beim Passivhaus einiges getan in Sachen Technik, und man könne dem Prinzip Passivhaus angesichts dessen nur gratulieren - zwar nicht falsch, aber doch ein wenig eindimensional. Da passte es, dass in der Abmoderation vom "fast 20-jährigen Jubiläum“ des Prinzips Passivhaus die Rede war. Dabei steht das erste Passivhaus der Welt seit 1991 in Darmstadt - und das gar nicht mal schlecht.

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