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O’zapft is: Solarwärme fürs Sudhaus

Als weltweit erste Brauerei nutzt Hofmühl für den Brauprozess die Sonnenenergie - ein Pilotprojekt, das Schule machen könnte

Sonnenkollektoren sind von deutschen Dächern nicht mehr wegzudenken. Die solarthermischen Anlagen erwärmen das Badewasser und helfen beim Heizen. Für gewerbliche Prozesse wird die Sonnenwärme hingegen kaum genutzt. Dabei ist der Bedarf hier oft ungleich größer als in Wohnhäusern. Brauereien sind für den Einsatz der Solarthermie besonders geeignet, denn sie benötigen das heiße Wasser im Sommer, wenn die Leute doppelt so viel Bier trinken als im Winter. Als erste Brauerei der Welt zapft Hofmühl in Eichstätt die Sonne an, um die großen Wassermengen, die der Betrieb benötigt, zu erhitzen.

Ohne Frostschutz durch den Winter

Bevor der Betriebsrundgang durch die Privatbrauerei beginnt, schaltet der kaufmännische Geschäftsführer Benno Emslander am liebsten den Beamer ein, der im Flur des historischen Verwaltungsgebäudes von der Decke hängt und eine überdimensionale Grafik an die Wand projiziert. Die Darstellung gibt Auskunft über die momentane Temperatur in den Sonnenkollektoren, an welcher Stelle die Wärme in die riesigen Pufferspeicher eingespeist wird und wie warm das Wasser dort ist. „Selbst im vergangenen Winter lag die Temperatur in den Tanks nie unter 30 Grad Celsius“, freut sich Emslander darüber, dass seine Rechnung offenbar aufzugehen scheint. Denn die gesamte Anlage läuft ohne Frostschutz, nutzt das reine Wasser als Wärmeträger. Um das Risiko abzuwägen, wurden im Winter 2008/2009 zunächst nur 150 Quadratmeter Kollektorfläche in Betrieb genommen. Seit September des vergangenen Jahres hängen nun alle Kollektoren am Kreislauf, insgesamt eine Fläche von rund 1.000 Quadratmeter.

Weniger Treibhausgas belastet das Klima

80.000 Liter Heizöl möchte die Brauerei Hofmühl pro Jahr einsparen. Am späten Vormittag des 3. August sind es für das laufende, nicht gerade sonnenreiche Kalenderjahr bereits 44.822 Liter, wie die aktuelle Grafik gerade verrät. Umgerechnet in Kohlendioxid entspricht dies einer Einsparung von 121 Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases. Angesichts solcher Zahlen verwundert es den Laien, dass nicht mehr energieintensive Betriebe mit hohem Wärmebedarf in die Nutzung von Sonnenwärme investieren.

Gerhard Stryi-Hipp vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme sieht zwei Gründe für die Zurückhaltung der Unternehmen. Erstens sei es oft schwierig, solar erzeugte Wärme in technische Prozesse einzubinden, weil unter anderem die nötigen Speicherkapazitäten nicht zu realisieren sind. „Außerdem haben Unternehmer klare Erwartungen an die Amortisation. Innerhalb von zwei, maximal aber in fünf bis sieben Jahren muss sich eine Investition refinanzieren“, sagt Stryi-Hipp, der während seiner früheren Tätigkeit als Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft federführend an einer Studie zu großen Solarwärmeanlagen (GroSol) mitgearbeitet hat. Darin kamen die Autoren im Jahr 2007 zu dem Schluss, dass von den 1,6 Prozent der über das Marktanreizprogramm geförderten Anlagen, die nicht von privaten Hauseigentümern errichtet wurden, die meisten auf Wohnungsbaugesellschaften entfallen, „so dass von nur wenigen Einzelanlagen im Nichtwohnungsbau ausgegangen werden muss“.

„Wir investieren zukunfts- und nicht renditeorientiert“

Die Gesamtkosten für das solare Prozesswärmekraftwerk der Brauerei Hofmühl belaufen sich auf rund 1,6 Millionen Euro. Bei einer 50-prozentigen Förderung bleibt dem Unternehmen eine Investitionssumme von 800.000 Euro, die sich innerhalb von zehn bis 15 Jahren amortisieren sollen. „Wir investieren nicht renditeorientiert, sondern zukunftsorientiert“, erklärt Geschäftsführer Benno Emslander, der zusammen mit seinem für den Vertrieb zuständigen Bruder Stephan die traditionsreiche Brauerei in vierter Generation führt.

Für das Pilotprojekt, das vom Forschungszentrum Jülich und der Technischen Universität Chemnitz wissenschaftlich begleitet wird, kooperiert Hofmühl mit zwei Partnern, ohne die das Vorhaben nicht zu stemmen gewesen wäre. Beim Brauereiausstatter Krones wurde die Steuerung für die Anlage programmiert. Die Solarbayer GmbH lieferte die Kollektoren, die dank Vakuumröhrentechnik einen besonders hohen Wirkungsgrad von 80 Prozent erreichen, und die beiden 14 Meter hohen Speichertürme mit jeweils 70.000 Liter Fassungsvermögen. Hauptabnehmer des Warmwassers bei Hofmühl ist die Flaschenwaschmaschine, daneben wird Brauwasser, Betriebswasser und Wasser für die Heizung erwärmt.

Energie zu sparen hat bei Hofmühl Tradition. So wurde im Unternehmen das Schonbrauverfahren Merlin entwickelt, das auf einer speziellen Verdampfung beruht, bei der die Würze über eine kegelförmige Fläche beheizt wird. Weil unerwünschte Aromastoffe viel leichter und schneller entfernt werden, verkürzt sich der Kochprozess. Rund 60 Prozent des Primärenergieverbrauchs werden eingespart. Für diese patentierte Innovation hat die Brauerei zahlreiche Preise eingeheimst - vom Professor-Adalbert-Seifriz-Preis (1999) über den Bundesinnovationspreis (2000) bis zum Europäischen Umweltpreis (2002).

Dem Geschmack der Hofmühl-Biersorten bekommt das neue Brauverfahren offenbar ebenso gut wie der Energiebilanz des Unternehmens. Während das Braugewerbe über den stetig sinkenden Bierkonsum der Deutschen stöhnt, konnte Hofmühl nach Angaben seines Geschäftsführers den Umsatz sogar um rund zehn Prozent steigern. Und das ohne kultige Softgetränke, mit denen andere Brauereien ihre Verluste beim Bier zu kompensieren versuchen. „Der Juli 2010 war unser bester Monat“, freut sich Benno Emslander, der immer öfter auch Kollegen aus anderen Brauereien durch seinen Betrieb führt. Das Interesse am solarthermischen Prozesswärmekraftwerk ist groß.

Ob und wann Unternehmen mit großem Wärmebedarf in nennenswerten Größenordnungen auf Solarthermie umsteigen, wird vor allem von der Entwicklung des Ölpreises abhängen. Wissenschaftler Gerhard Stryi-Hipp glaubt, dass noch in dieser Dekade neue Rekordwerte wie vor zwei Jahren erreicht werden. Gleichzeitig dürften Prozesswärmekraftwerke billiger werden. Dafür haben die Brauer aus Eichstätt mit ihrem Pilotprojekt wertvolle Pionierarbeit geleistet. „Mit dem heutigen Wissen, würde unsere Anlage wahrscheinlich nur noch halb so viel kosten“, glaubt Benno Emslander.

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