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TV-Kritik: ZDF - Maybrit Illner zum "Kulturkampf ums Auto" Ohne Auto geht´s nicht: Ein Optiker erdet zankende Politiker

Die IAA hat begonnen, und was liegt da näher als übers Auto zu talken? Bei Maybrit Illner ging es um das Thema "Klima, Pendler, Arbeitsplätze - Kulturkampf ums Auto". Mit von der Partie: Eine ziemlich radikale Klima-Aktivistin, zwei zankende Politiker, ein Konzernchef, ein Branchenexperte - und zum Glück ein Handwerker, der die teils recht wirre Runde auf den Boden des Tatsachen zurückholte.

Das Setup der meisten Talkshows ist ziemlich durchsichtig. Da sitzen meist sogenannte Experten, oft aus der Wissenschaft, neben Menschen, die von dem jeweiligen Thema in irgendeiner Weise direkt betroffen sind, und einer Reihe von Politikern. Die Betroffenen und die Politiker, so sieht es die redaktionelle Dramaturgie vor, sollen neben konkreten Ansätzen, die Dinge zu verbessern, vor allem für den nötigen Krawall sorgen. Dass also Michael Kretschmer, sächsischer Ministerpräsident, und Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter bei Maybrit Illner schnell aneinander geraten würden, war irgendwie vorhersehbar.

Der eine, Kretschmer, sprach vom Diesel als einer "guten deutschen Technik" und nannte die Debatte um die geländewagenartigen SUVs in den Städten angesichts von nur drei bis vier Prozent Anteil an allen zugelassenen Autos ein "abseitiges Thema", der andere, Hofreiter, machte diese "aufgepumpten Autos" für den Platzmangel in Städten und den Klimawandel verantwortlich - die Lebensgrundlagen seien "ruiniert" und so weiter wie gewohnt und in Dauerschleife gehört.

Zwischen Engagement und Gemotze

Die Klima-Aktivistin mit dem Kunstnamen Tina Velo, bürgerlich Janna Aljets, und der leidgeprüfte VW-Chef Herbert Diess wollten hingegen nicht so recht aufeinander eindreschen. Auch wenn Velo, die unter anderem für das radikale Anti-Kohle-Bündnis "Ende Gelände" gearbeitet hat und nun mit der nicht weniger radikalen Vereinigung "Sand im Getriebe" die IAA blockieren will, das Auto generell als "sehr, sehr tödliches Verkehrsmittel" bezeichnete, reagierte Diess meist milde lächelnd und verwies auf den vermeintlichen Sinneswandel seines Konzerns hin zur Elektromobilität. Velo wirkte überhaupt dafür, dass sie durchaus Kontakte zu Bündnissen pflegt, die "zivilen Ungehorsam" in verschiedensten Ausprägungen praktizieren, sehr zurückhaltend - und Diess, ja, der war auch irgendwie da.

Der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer schließlich - wann, fragt man sich, hat es zuletzt eine Talkshow zum Thema Auto ohne ihn gegeben - nahm die von ihm stets mit Verve gespielten Rollen als Quälgeist der Autoindustrie und humorvoller Kommentator des automobilen Zeitgeists wie immer professionell wahr, und sorgte für die humorvollsten Momente in der Sendung. Alles in allem plätscherten die Minuten aber mehr oder weniger dahin, auch wenn Kretschmer und Hofreiter sich mitunter an der Grenze von Engagement und Gemotze beharkten.

Ein Handwerker bringt den Alltag in die Sendung

Gut also, dass Illner auch noch einen Gast eingeladen hatte, der abseits von Aktivismus, Polit- und Marketingsprech aus der Praxis zu berichten wusste. Ibrahim Ghaddar, Optiker aus Castrop-Rauxel, pendelt wie Millionen andere Deutsche jeden Tag zur Arbeit, und zwar mehr als 65 Kilometer am Tag die einfache Strecke. Dafür braucht er insgesamt, hin und zurück, mindestens vier Stunden - wenn alles läuft. Ein Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel, so Ghaddar, sei unmöglich. Man kenne ja die Bahn und ihren Zustand. "Wenn sie kommen, kommen sie zu spät", sagte Ghaddar mit Blick auf die Züge, und dass er gerne auch seine Kinder noch unter der Woche sehen würde. "Da ziehe ich dann mein Privatleben vor als irgendwie die Umwelt", lautete sein klares Statement.

Begleitet von genervten Blicken der Klima-Aktivistin Velo und dem üblichen verständnisvollen Nicken der anwesenden Politiker, skizzierte Ghaddar zudem, wie sich das angekündigte Klimapaket der Bundesregierung mit den wohl darin enthaltenen Verteuerungen bei den Kosten für Benzin auf ihn auswirken würde. Er müsse auf die Kosten achten, wenn der Sprit zehn oder 15 Cent teurer wird, im Gegensatz zu Politikern, die "Schuhe für 600 Euro tragen", ätzte Ghaddar. "Ich kann mir keine Maßanzüge leisten, ich muss zwei Mal gucken, wo die günstige Tankstelle ist." 300 bis 400 Euro gebe er monatlich aus für Diesel, und eine näher liegende Alternative zu seinem Job in Solingen anzunehmen, komme für ihn nicht in Frage. "Ich bin dort sehr zufrieden, warum soll ich wechseln, mein Arbeitgeber ist einer der besten, die ich haben kann." Ein E-Auto schließlich sei preislich absolut illusorisch - genau wie übrigens die derzeit so heiß diskutierten SUVs.

Da lagen sie plötzlich direkt auf der Straße, die konkreten Probleme der Menschen abseits teils abgehobener, akademischer Diskussionen um Weltrettung und Klimakatastrophe. Diess fiel dazu lediglich ein kleiner Werbeblock für eines seiner neuen E-Autos ein, und als die Redaktion einspielte, dass sich die Kraftstoffe bis 2030 um mehr als 50 Cent pro Liter verteuern sollen, wenn es nach der Bundesregierung geht, war auch Hofreiter überfragt, wie jemand wie Ghaddar damit umgehen sollte. Er sprach lieber von der Förderung der Bahn und einem Bonus-Malus-System, das gute Autos begünstige und böse bestrafe. Und so geriet die Sendung immer mehr ins alte Fahrwasser.

Hofreiter gegen Kretschmer, Kretschmer gegen Hofreiter

Hofreiter mahnte bei CDU-Präsidiumsmitglied Kretschmer an, aufs Tempo zu drücken und nicht immer nur zu reden. Kretschmer warf Hofreiter im Umkehrschluss nicht ganz zu Unrecht vor, dass es "seine Leute" seien, die verhinderten, dass Ortsumfahrungen oder ICE-Strecken schnell gebaut würden: "Ich reiche Ihnen sofort die Hand, wenn wir sagen, Verbandsklagerecht weg, diese ganzen Umweltverträglichkeitsprüfungen weg, wenn wir der Meinung sind, dass diese Verkehrsträger, Radwege und Eisenbahn, ökologisch notwendig sind." Klar, dass Hofreiter auf diese vergiftete Annäherung nicht einging, sondern munter dagegen polterte.

Viel mehr kam nicht mehr, und so stützte so mancher Zuschauer im Publikum den Kopf auf die Hand und fragte sich wohl, wo sie geblieben waren - die Antworten auf die ganz konkreten, alltäglichen Probleme des Optiker Ibrahim Ghaddar. Er teilt sie schließlich mit Millionen Bundesbürgern, die der zusehends abgehobenen Debatte mehr und mehr entgeistert folgen dürften.

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