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Lebensmittel-Kennzeichnung startet offiziell Nutri-Score: Verbraucher begrüßen neues Logo, Kritik kommt von Bäckern

Ausgewogene Produkte statt Dickmacher: Anhand einer fünfstufigen Farbskala gibt der Nutri-Score Auskunft über die Nährwertqualität eines Lebensmittels. Eine Verordnung dazu tritt am 6. November 2020 in Kraft. Viele Verbraucher begrüßen die Kennzeichnung, Kritik daran gibt es jedoch von den Bäckern. Wie das neue Logo funktioniert und inwiefern es das Lebensmittelhandwerk betrifft.

Ein neues Farb-Logo auf Lebensmittel-Verpackungen soll Verbraucher zukünftig dabei unterstützen, Vergleiche innerhalb derselben Produktgruppe von Lebensmitteln zu ziehen und sich so bei der Auswahl besser orientieren zu können. Der sogenannte Nutri-Score hat seit dem 6. November 2020 eine eigene Rechtsgrundlage. Allerdings: die Kennzeichnung für Lebensmittelprodukte ist für Unternehmen nicht verpflichtend.

So funktioniert der Nutri-Score

Den Nutri-Score bezeichnete Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) Anfang Oktober 2020 als einen wichtigen Schritt "hin zu einem stärkeren Bewusstsein beim Lebensmitteleinkauf und gegen versteckte Dickmacher".

Nutri-Score stammt ursprünglich aus Frankreich. Es bezieht neben Zucker, Fett und Salz auch empfehlenswerte Bestandteile wie Ballaststoffe in eine Gesamtbewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an – auf einer fünfstufigen farbigen Skala von "A" auf dunkelgrünem Feld für die günstigste Bilanz über ein gelbes "C" bis zum roten "E" für die ungünstigste Bilanz. Das neue Logo muss auf der Packungs-Vorderseite aufgedruckt werden und soll die verpflichtenden Nährwerttabellen auf den Rückseiten ergänzen.

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller, sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, oft sei nicht auf den ersten Blick zu erkennen, ob Produkte übermäßig viel Zucker, Fett oder Salz enthalten. "Nutri-Score könnte das ändern und das gesunde Einkaufen deutlich erleichtern." Dafür müsse das Logo aber flächendeckend zu finden sein. Die Verbraucherorganisation Foodwatch forderte ebenfalls eine EU-weit verpflichtende Einführung. Nötig seien zudem Beschränkungen bei der Werbung für ungesündere Produkte, die sich an Kinder richtet.

Kritik kommt von Lebensmittelherstellern

Der Lebensmittelhandel begrüßt die Rechtssicherheit der Kennzeichnung. Reservierter ist da der Lebensmittelverband. Ihm gehören Verbände und Unternehmen der gesamten Lebensmittelkette aus Landwirtschaft, Handwerk, Industrie, Handel und Gastronomie an. "Wenn der Nutri-Score erfolgreich sein soll, sind noch einige Nachbesserungen erforderlich", sagt Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff. Pflanzenöle, Kräutertee und Vollkornprodukte gehörten zu einer ausgewogenen Ernährung, seien aber im System nicht ausreichend berücksichtigt. Das Logo würden in Deutschland jedoch mehr Anbieter als irgendwo sonst in Europa nutzen – auch als Werbeinstrument.

Auch Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks (ZVB), übt Kritik am neuen Farblogo: "Eine gesunde Ernährung ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Lebensmittel und kann aus unserer Sicht nicht durch dieses stark vereinfachte Bewertungsverfahren abgebildet werden.“ Nach Meinung des ZVB sei das System Nutri-Score zudem widersprüchlich und teils inkonsequent, wie sich an einigen Beispielen zeige: "So wird etwa die Verwendung von Sonnenblumenöl nicht positiv bewertet. Lediglich Oliven- und Rapsöl gelten in dem französischen System als empfehlenswert. Nüsse und Ölsaaten wirken sich trotz hohem Kalorienanteil positiv auf den Score aus, Leinsamen wird diese positive Wirkung nicht zugetraut", so Schneider. Ebenso wie der Lebensmittelverband kritisiert der ZVB zudem, dass die alleinige Verfügungsgewalt über das Nutri-Score-System beim französischen Staat liege und nicht bei einem unabhängigen Expertengremium.

Nutri-Score hat für Bäckerhandwerk nur geringe Relevanz

Abgesehen von den Kritikpunkten ist der Nutri-Score aus Sicht des Verbands von äußerst geringer Relevanz für das Bäckerhandwerk. "Uns ist nicht bekannt, dass ein Innungsbetrieb in Erwägung zieht einen Nutri-Score für seine Produkte zu erstellen", sagt Hauptgeschäftsführer Schneider. "Zum einen ist die Anbringung und Vermarktung des Labels sehr aufwendig und kann gerade von kleinen Handwerksbäckern kaum organisatorisch oder finanziell geleistet werden. Zum anderen ist die Herstellung beim Handwerksbäcker weniger standardisiert als in der maschinellen Produktion. Kleinere Zutatenschwankungen, gerade die Nährwerte betreffend, sind daher häufiger, was ein Labeling schwierig machen würde. Nicht ohne Grund ist das Handwerk schon bei der Nährwertkennzeichnungstabelle ausgenommen."

Verbraucher begrüßen Nutri-Score und wünschen sich Kennzeichnungspflicht

Anders gestaltet sich die Situation im Lebensmitteleinzelhandel: Rewe, Penny, Lidl und Aldi haben nach eigenen Angaben bereits damit begonnen, erste Eigenmarken-Produkte zu kennzeichnen. Der Discounter Kaufland gibt an, den Nutri-Score bereits seit Anfang 2020 auf die Eigenmarke K-Bio aufzudrucken. Nun würden weitere Produkte folgen. Deutschland größter Lebensmittelhändler Edeka ließ sich diesbezüglich noch nicht in die Karten schauen, berichtet die Deutsche Presse-Agentur.

Zumindest bei den Bürgern stößt das Logo bereits auf enorme Akzeptanz. Neun von zehn Verbrauchern in Deutschland finden es gut, wie eine Umfrage der Unternehmensberatung PwC ergab. Rund 85 Prozent der Befragten sprachen sich sogar dafür aus, die Kennzeichnung für alle verarbeiteten Lebensmittel und Getränke verpflichtend zu machen. PwC-Handelsexperte Christian Wulff sagte wachsenden Druck auf alle Marktteilnehmer voraus. Wer Produkte im grünen Logo-Bereich habe, werde damit werben. "Produkte ohne Nutri-Score werden dann vom Verbraucher automatisch mit einer roten Ampel gleichgesetzt." Mit Inhalten von dpa

Fragen zum Nutri-Score

Warum kommt noch ein neues Logo?

Jahrelang wurde über eine Extra-Kennzeichnung diskutiert, die bei ausgewogener Ernährung und dem Kampf gegen Übergewicht helfen soll. Ewig kreiste der Streit um eine aus Großbritannien stammende "Ampel" mit jeweils separaten Symbolen in rot, gelb oder grün für Zucker, Fett und Salz. Ebenso lange wehrte die Lebensmittelbranche das aber ab. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) ließ 2019 vier Kennzeichnungs-Modelle per Umfrage testen. Der Sieger: Nutri-Score. Dabei geht es um eine Ergänzung der auf dem EU-Markt verpflichtenden Nährwerttabellen mit Angaben auch zu Kalorien. Die sind allerdings meist klein gedruckt hinten auf der Packung zu finden. Nutri-Score soll aber direkt ins Auge fallen – nämlich immer auf der Vorderseite.

Wie funktioniert Nutri-Score?

Das in Frankreich entwickelte System bedeutet so viel wie "Nährwert-Punktzahl" und bezieht neben Zucker, Fett und Salz auch empfehlenswerte Elemente wie Ballaststoffe, Eiweiß oder Anteile an Obst und Gemüse ein. Für die Mengen pro 100 Gramm werden jeweils Punkte vergeben. Dann werden von der Summe der "negativen" Punkte die "positiven" Punkte abgezogen. Heraus kommt am Ende ein einziger Gesamtwert, der in einer fünfstufigen Skala abgebildet wird: von "A" auf dunkelgrünem Feld für die günstigste Bilanz über ein gelbes "C" bis zum roten "E" für die ungünstigste. Das zutreffende Feld wird hervorgehoben. Bei Getränken ist das "A" nur für Wasser reserviert.

Wie geht es jetzt weiter, nachdem die Rechtsgrundlage für Nutri-Score geschaffen ist?

Klöckner formuliert die Erwartung, dass die Anbieter "Farbe bekennen und ihr Sortiment umfassend kennzeichnen". Um das Logo bekannter zu machen, plant das Ministerium eine Informationskampagne. Dabei sollen Firmen nicht nur herauspicken, was sowieso eine günstige Bilanz hat. Die Regeln sehen dazu vor: Will ein Hersteller Nutri-Score nutzen, muss er binnen zwei Jahren alle Produkte der registrierten Marke damit kennzeichnen. Sind dies mehr als 2.000 Produkte, müssen es 80 Prozent sein und nach drei Jahren alle. Klöckner macht sich in der deutschen EU-Ratspräsidentschaft dafür stark, Nutri-Score als EU-weit verpflichtendes Logo voranzubringen. Auch die EU-Kommission hat das auf der Agenda. Freiwillig nutzen es schon Frankreich und Belgien. dpa

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat für alle interessierten Unternehmen eine Hilfestellung zur Einführung des Nutri-Scores bereitgestellt.

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