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Bau fürchtet um Qualitätsstandards Normen: Schmierstoff für Innovationen mit Konfliktpotenzial

Normungsprozesse fördern die Marktchancen neuer Produkte und Technologien. Wenn Normen aber international gelten sollen, birgt das auch Gefahren.

Ein Blatt Papier steht wie kein anderes Produkt für eine Welt voller Regeln und Standards, ohne die die Wirtschaft womöglich im Chaos versinken würde. Nur weil das Blatt mit DIN A4 in seinen Maßen exakt definiert ist, passt es in jeden Drucker, Kopierer oder Aktenordner. Buchbinder verlassen sich auf die Norm genauso wie Softwarehersteller. Das Deutsche Institut für Normung (DIN) schätzt den gesamtwirtschaftlichen Nutzen von Normen auf 17 Milliarden Euro pro Jahr.

Toolcraft-Geschäftsführer im DIN-Präsidium

Gerade Innovationen haben höhere Chancen, sich am Markt durchzusetzen, wenn sie von Normungsprozessen begleitet werden. Davon ist Christoph Hauck überzeugt. Für den Bereich Luft- und Raumfahrt sitzt der Geschäftsführer der MBFZ toolcraft GmbH in Georgensgmünd bei Nürnberg im DIN-Präsidium. Toolcraft beschäftigt sich unter anderem mit der additiven Fertigung, also dem metallischen 3D-Druck. Dabei baut ein Laser das zu fertigende Werkstück anhand eines CAD-Datenmodells Schicht für Schicht aus einem Pulverbett heraus auf. So entstehen Bauteile mit einer komplexen Geometrie, die leicht und trotzdem sehr stabil sind. Bauteile, wie sie in der Luftfahrtindustrie oder der Medizintechnik gefragt sind.

„Wenn sich entlang der Prozesskette, also vom Lieferanten bis zum Kunden, alle auf Normen verlassen können, kann sich eine Zukunftstechnologie schneller durchsetzen“, glaubt Hauck. Im Falle des pulverbettbasierten Laserschmelzens habe sich zum Beispiel herausgestellt, dass das gängige CT-Prüfverfahren zur Qualitätskontrolle nicht ausreicht. Also wurden neue Normen erarbeitet. Und Hauck brachte die Erfahrungen von Toolcraft ein, wo schon seit 2011 lasergeschmolzene Präzisionsbauteile hergestellt werden. In den Normungsgremien sei es jedoch wichtig, die Unternehmensbrille abzusetzen, betont Hauck und verweist auf die Anfänge der Elektromobilität. Wenn Stecker zum Aufladen nicht an jede Ladesäule passen, bremst das den Absatz von E-Autos.

EU-Kommission strebt einheitliche Normen an

Harmonisierung von Normen in der EU

Weil die Märkte weltweit immer enger zusammenwachsen, müssen Normen schon lange international abgestimmt werden. Und so ist aus der DIN 476, mit der 1922 die Papierformate festgeschrieben wurden, die DIN EN ISO 216 geworden. EN steht für europäische Norm, ISO gilt weltweit. Die Europäische Kommission strebt die Vereinheitlichung aller in Europa geltenden Normen an. Dabei müssen vor allem sich widersprechende, nationale Normen zurückgenommen werden. „In den vergangenen drei Jahrzehnten ist der Bestand schon von 150.000 auf 20.000 ge­sunken“, sagt Benjamin Kroupa, Referatsleiter Normung in der Abteilung Europapolitik des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.

Die Harmonisierung von Normen innerhalb Europas stößt aber auch auf Kritik. Vor allem Bauhandwerker beklagen, dass die hohen deutschen Qualitätsstandards untergraben würden. Ein Urteil des Gerichts der Europäischen Union (EuG) bestätigte kürzlich die Befürchtungen. Anfang April wies das EuG eine Klage der Bundesrepublik zurück, die die Normen EN 14342 und EN 14904 für Holz- und Sportböden durch zusätzliche nationale Vorschriften verschärfen wollte.

Mit Verweis auf den Gesundheitsschutz wollte Deutschland nationale Regeln für VOC-Emissionen durchsetzen. Dabei handelt es sich um flüchtige organische Verbindungen, wie sie zum Beispiel in OSB-Platten vorkommen. Bei hohen Konzentrationen in der Innenraumluft können sie krebserzeugende, erbgutverändernde und fortpflanzungsgefährdende Wirkungen haben, warnt das Umweltbundesamt.

Enttäuscht reagierten die deutschen Bauverbände auf das EuG-Urteil. Jetzt sei es besonders wichtig, bei der bevorstehenden Reform der Bauproduktenverordnung sicherzustellen, dass nationale Regeln im Fall von Lücken in der europäischen Normung möglich sind, betonte etwa Matthias Jacobs, der Vorsitzende des Deutschen Beton- und Bautechnikvereins. Insgesamt sechs Bauverbände, darunter der Zentralverband des deutschen Baugewerbes, wollen sich nun gemeinsam dafür einsetzen, dass die Bauwerkssicherheit nicht durch harmonisierte Normen gefährdet wird.

Schwerer Stand für Handwerk in Normungsgremien

Auf eine andere Gefahr weist Stuckateurmeister Oliver Hartmann hin, der als Vertreter des Baugewerbeverbandes Westfalen im Putzmörtelausschuss des DIN mitarbeitet: Durch den zunehmenden Einfluss der Industrie im Normungsprozess könnte die Stimme des Handwerks bei der Entwicklung neuer Produkte und Arbeitsweisen an Gewicht verlieren. „Noch werden wir Handwerker gehört, aber es wird immer schwieriger, Leute für ein Ehrenamt in den Normungsgremien zu gewinnen“, sagt Hartmann.

Im Falle von Putzmörtel beobachtet er, dass immer mehr Werkputzmörtel in den Markt drängen. Bei der Verarbeitung dieser Industrieprodukte sind umfangreiche Beschreibungen zu beachten. „Aber je konkreter die Beschreibung, umso größer die Gefahr von Mängeln“, warnt Hartmann und hofft, dass sich weiterhin ausreichend Praktiker finden, die sich trotz des hohen persönlichen Aufwandes in den Normungsprozess einbringen.

Auf einen Blick

  • 34.500 Experten aus Wirtschaft und Forschung, von Verbraucherseite und der öffentlichen Hand arbeiten am Normungsprozess mit.
  • 34.265 Normen umfasst das deutsche Normenwerk (Stand: 31.12. 2018). Sie werden vom Beuth Verlag, einem Tochterunternehmen des Deutschen Institut für Normung (DIN), kostenpflichtig veröffentlicht.
  • 85 Prozent aller Normprojekte haben einen internationalen Hintergrund. Das DIN vertritt deutsche Interessen beim CEN (Europäisches Komitee für Normung) und ISO (Internationale Organisation für Normung).

Quelle: Deutsches Institut für Normung

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