Mittelfranken -

Konditoren Noch ein Pfefferminzblättchen?

Bei der Meisterprüfung der Konditoren trumpften die Teilnehmer mit süßen Köstlichkeiten auf.

Eigentlich wirkt das Gebäude sehr nüchtern. Steinfußboden, Betontreppe, Metallgeländer. Berufsschule eben. Heute auch noch geschlossen. Doch heute gibt es im grauen Einerlei viele Farbeninseln. Zwischen Treppe, Boden und Geländer heben sich elf dekorierte Tische voller Parfaits, Baumkuchen, Petits Fours, Pralinen, Torten und buntem Zuckerwerk wohltuend ab.

Vor dem Gebäude stehen elf in Schwarz oder Weiß gekleidete junge Menschen und kauen nervös auf Fingernägeln, tigern vor den bodentiefen Fenstern auf und ab und blicken abwechselnd in die Gesichter der anderen und ins Haus. Sie sind Konditorengesellen, die gerade mitten in der Meisterprüfung Teil I stecken. Die Praxis.

Vier Tage Hochspannung und Zeitdruck liegen hinter ihnen. Ihre „dekorierten Schaufenster“, die bunten Inseln, sind das Ergebnis. Jetzt müssen sie nur noch das Fachgespräch mit ihren Prüfern hinter sich bringen. Einzeln verschwinden sie in der Berufsschule und stellen sich den Fragen: „Ich bin der Kunde. Bitte präsentieren Sie mir Ihr Buffet. Was haben Sie hier genau gemacht?“, beginnt Konditormeisterin Susanne Jüttner.

Ute Krieger holt tief Luft: „Das hier sind Pfirsichtörtchen und Waldfruchttörtchen. Dann haben wir Blätterteigröschen mit Lachscreme, Hefeteigbrötchen mit Schinken belegt, Likörpralinen, Schichtnougat, Erdbeertrüffel, Walnuss-Marzipan-Pralinen, Waldfruchttrüffel, Schokofours, Joghurt-Mandarinen-Fours, den Baumkuchen mit Aufsatz, das Schaustück aus Isomalt, passend zum Thema „Rapunzel – neu verföhnt“, und Teegebäck, bestehend aus Eigelb-Makronen, Waldfruchtherzen, Aprikosensonnen und Bärentatzen. Außerdem natürlich eine Nuss-Nougat-Torte und Marzipanfiguren aus dem Film.“

Da hakt Prüfer Florian Neef gleich nach: „Einer der Gäste hat eine Nussallergie. Was darf er nicht essen?“ Ute Krieger überlegt kurz: „Natürlich die Torte und das Nougat …“ Schon kommt die nächste Frage: „Wie sind sie zurechtgekommen?“ Da heben sich kurz ihre Schultern. „Eigentlich ganz gut, aber gestern war es schon sehr stressig.“ Auch Rudolf Wölfel mischt sich ein: „Haben Sie etwas doppelt machen müssen?“

Erleichtert winkt die Meisteranwärterin ab. „Nein, es hat glücklicherweise alles beim ersten Mal geklappt.“ Michaela Blank, Referatsleiterin der Meister- und Fortbildungsprüfungen bei der Handwerkskammer für Mittelfranken, hat eine ganz pragmatische Frage: „Wenn wir heute nicht alles essen können, was kann ich aufheben und wie muss ich es lagern?“ Minutenlang prasseln die Fragen auf Ute Krieger ein, haken die Prüfer nach. Zwischendurch wird gescherzt. Dann ist sie entlassen.

Die Nächsten warten schon

Draußen warten die anderen. „Was wurde gefragt, wie sind die Prüfer drauf?“, kommt es von denen. Ute Krieger gibt kurz Antwort, dann setzt sie sich zu Selina Lauchs auf eine Bank. Die wartet noch. Versucht, die Aufregung im Zaum zu halten. Während die erleichterte Kollegin es mit ihrem Rapunzel-Fenster schon hinter sich hat, harrt ihr „Nightmare-before-Christmas-Arrangement“ noch der Beurteilung. Wie sie auf das Thema Halloween kam?

Sie ist ein wahrer Tim Burton-Fan. Stolz zeigt sie auf das Tattoo an ihrem Unterarm, von dem Jack Skellington entgegengrinst. Sie selbst kann im Moment höchstens noch angestrengt lächeln. Aufregende Tage liegen hinter den Prüflingen: Erst mussten sie eine Situationsaufgabe bewältigen. Für Planung und Ausführung hatten sie sechseinhalb Stunden Zeit. Dann folgten zwei Tage Konzept, Fertigung und heute Präsentation eines Schaufensters mit selbst gewähltem Thema. Es mussten ein Schaustück, eine Anschnitt-Torte, süße oder herzhafte Petits Fours, vier mal zwanzig Stück Teegebäck, fünf mal zwanzig Pralinen und drei selbst gewählte Bereiche enthalten sein wie beispielsweise Eis oder Marzipantierchen.

Zu kämpfen hatten die elf Anwärter dabei nicht nur mit dem enormen Zeitdruck, sondern auch mit der ungewohnten Umgebung, den fremden Arbeitsmitteln. „So etwas wie Kuvertüre, das mir normalerweise leicht von der Hand geht, hat auf einmal nicht mehr funktioniert“, schüttelt sich Selina Lauchs. „Der Zucker ist nicht weich geworden und dann ist auch noch der Froster ein wenig abgetaut, so dass sich auf meinen ganzen vorbereiteten Stücken eine Eisschicht aus Kondenswasser bildete.“ Mit dem Heißluftföhn ist sie dem Problem zu Leibe gerückt. Während sie sich noch die Haare rauft, wird sie schon aufgerufen. „Wünscht mir Glück“ und schon ist sie verschwunden.

Nach und nach sammeln sich die fertigen Prüflinge in der Sonne. Dozentin Ramona Hufmann hat Pizza für ihre Schützlinge besorgt. Scherzend wird das Adrenalin abgebaut. „Ich wusste gar nicht, dass ich so schnell rennen kann“, beschreibt Jasmin Albert das Rübertragen ihrer Werke von der Backstube in den Ausstellungsraum. Und Samantha Kronburger stimmt nickend zu: „Wir sind auf jeden Fall Hochleistungssportler.“

Viel Lob gibt es für die Dozentinnen. Und auch die ein oder andere Selbsterkenntnis mischt sich unter die lauten Rufe, die zwischen den Tischen und den mittlerweile angekommenen Familienangehörigen hin und her fliegen: „Ohne die Unterstützung unserer Familien wäre so ein Meister nicht zu schaffen“, bekräftigt Jasmin Albert.

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