Meinung -

Kommentar Nicht wirklich weise

Die Wirtschaftsweisen schreiben in ihrem Gutachten über notwendige Reformen. Der Rat sucht jedoch Nebenkriegsschauplätze.

Zeit für Reformen – so betiteln die so genannten Wirtschaftsweisen ihr Gutachten. Den Titel sollten die Gutachter allerdings auf sich selbst anwenden. So anerkennenswert es ist, ein Gutachten mit weit über 500 Seiten zu schreiben, die Zahl der Leser des Gesamtwerkes dürfte sich sehr in Grenzen halten.

Auch was die Treffsicherheit der Prognosen betrifft, steht es nicht immer zum Besten. Dabei richten viele Akteure ihr Handeln an solchen Vorhersagen aus. Wenn die Experten danebenliegen, kann das fatale Auswirkungen für solche Entscheidungen haben. Die Sachverständigen rechnen für dieses Jahr mit einem realen Wirtschaftswachstum von 1,9 und für das kommende Jahr mit 1,3 Prozent. Dafür soll allerdings nicht eine nachlassende Wachstumsdynamik ausschlaggebend sein, sondern kalendarische Effekte – sprich weniger Arbeitstage. Unterstellt, die wirtschaftliche Entwicklung verläuft 2017 so wie angenommen, dann wird es erneut ein gutes Handwerksjahr. Denn die für das Handwerk wichtigen Wachstumskomponenten werden sich wiederum positiv entwickeln. Wirklich neue Reformvorschläge sind den Wirtschaftsweisen nicht eingefallen. Man hat fast alles in vorausgegangenen Gutachten so oder so ähnlich schon gelesen.

Vielleicht haben sich die Wirtschaftsweisen gerade deshalb Nebenkriegsschauplätze ausgesucht. So diesmal das Handwerk und den Meisterbrief. "Ein freier Marktzugang zu den Dienstleistungsmärkten, insbesondere zu freien Berufen und Handwerk, kann den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren und Wohlstandsmotor stärken", heißt es. Hierzu nur der Hinweis, dass das Handwerk sich derzeit besser entwickelt als die Gesamtwirtschaft. Und Wachstumsbremse im Handwerk ist nicht der Markt- oder Berufszugang, sondern der Fachkräftemangel! An anderer Stelle des Gutachtens steht: "Ein erleichterter Zugang in geschützte Dienstleistungsbereiche, etwa die Abschaffung des Meisterzwangs bei nicht gefahrgeneigten Berufen, könnte die Selbstständigkeit fördern, unter anderem bei den Handwerksberufen."

Man fühlt sich bei dieser Äußerung fast zurückversetzt in die Jahre 2002/2003, als über die Handwerksnovelle gestritten wurde, die das fatale Ergebnis hatte, dass 53 Berufe zu zulassungsfreien Berufen erklärt wurden. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die Mitglieder des Sachverständigenrats sich mit dem Ergebnis auseinandergesetzt hätten: zwar eine Fülle von Ein-Mann-Unternehmen, aber keine zusätzlichen Arbeits- und Ausbildungsplätze.

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