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Nicht wie die Axt im Walde

Erzgebirgische Holzhandwerker achten auf nachhaltige Forstwirtschaft. Das beglaubigen Zertifikate

Holzspielzeug aus dem Erzgebirge ist weltweit gefragt. Schon Ende des 18. Jahrhunderts lieferten Seiffener Handwerker ihre Waren nach Übersee. Doch die Anforderungen auf internationalen Märkten wachsen. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, haben zwölf Unternehmen ihre Produkte mit Unterstützung durch die Handwerkskammer Chemnitz einer aufwändigen Zertifizierung unterzogen. Mit den weltweit anerkannten Siegeln PEFC und FSC können sie gegenüber ihren Abnehmern nun nachweisen, dass ihre Produkte für nachhaltige Holzwirtschaft stehen - vom Fällen im Wald über die gesamte Wertschöpfungskette bis zum Verbraucher.

Es brummt in der Flaute

Seiffen im Erzgebirge. Der beschauliche Ort nahe der Grenze zu Tschechien galt dank seiner hohen Dichte an kleinen privaten Handwerksbetrieben als eine Art Enklave der Marktwirtschaft inmitten der DDR. Heute kämpfen selbst alteingesessene Betriebe wie der von Volker und Heiko Flath gegen die sinkende Nachfrage nach so traditionsreichen Produkten wie Pyramiden oder Miniaturen. Trotzdem brummt es in der engen Werkstatt, die vor lauter Arbeit aus allen Nähten zu platzen droht. Denn im Pfarrweg von Seiffen hat mit der Globalisierung eine neue Epoche Einzug gehalten. Neuerdings erwirtschaften die Kunsthandwerker rund die Hälfte ihres Umsatzes mit Gehäusen für USB-Sticks, jenen mobilen Datenträgern, die wie eine externe Festplatte Dokumente, Bilder oder Musik speichern können.

„USB-Sticks aus Holz werden vor allem von Umweltorganisationen oder ökologisch ausgerichteten Unternehmen eingesetzt. Da ist es wichtig, dass unser Produkt alle Kriterien der Nachhaltigkeit erfüllt“, sagt Volker Flath und betont gleichzeitig, dass die Volkskunst das primäre Geschäftsfeld des Familienbetriebs bleiben wird. Auch deshalb war ihm eine Zertifizierung wichtig, denn der Zugang zu den Märkten in Nordamerika wird künftig von Zertifikaten wie FSC abhängen. Ein entsprechendes Gesetz habe der ehemalige US-Präsident George W. Bush am Ende seiner Amtszeit schon auf den Weg gebracht, allerdings wurde es noch nicht umgesetzt. Volker Flath aber wollte auf den Tag X vorbereitet sein und hat die Handwerkskammer um Hilfe gebeten.

In Umweltberaterin Steffi Schönherr hat der Drechslermeister eine Verbündete gefunden. Sie hat die nötigen Informationen besorgt, Kontakte geknüpft und zusammen mit ihrer Kollegin von der IHK weitere Unternehmen der Branche für das Pilotprojekt „Nachhaltige Holzwirtschaft - Zertifizierung entlang der Produktkette“ gewonnen.

Von den rund 20 Betrieben, die zunächst Interesse zeigten, haben sich schließlich zwölf zu einem Audit entschlossen. Die drei größten Unternehmen mit mehr als 30 Beschäftigten absolvierten eine Einzelzertifizierung, der Rest schloss sich für eine Matrixzertifizierung zusammen, koordiniert von der Dregeno Seiffen. Die Genossenschaft der Drechsler, Holzbildhauer und Spielwarenhersteller vereinigt rund 140 Handwerksbetriebe der Region und stellte mit Frances Menzel den Teilnehmern am Zertifizierungsverfahren eine Ansprechpartnerin für das Projekt zur Seite.

Jährliche Überprüfungen

„Die größte fachliche Herausforderung war die Erfassung der Stoffströme für die erforderliche Mengenbilanz, denn die beteiligten Unternehmen verarbeiten viele kleine Teile und verschiedene Holzarten. Und das bei ungewöhnlich hohen Materiallagerzeiten“, blickt Steffi Schönherr von der Handwerkskammer Chemnitz auf die Zeit der Erstzertifizierung zurück. Doch schließlich wurde für alle Probleme eine Lösung gefunden. Fünf Jahre lang dürfen die zertifizierten Betriebe das Siegel nun verwenden, müssen sich aber jährlich einem Audit stellen. Die drei größeren Unternehmen werden einzeln überprüft. Von der Gruppe der matrixzertifizierten Betriebe wird ein Drittel stichprobenartig kontrolliert. Nach fünf Jahren beginnt der gesamte Prozess von vorn.

Überschaubarer Aufwand

Für Volker und Heiko Flath haben sich einige Abläufe geändert, seit ihr Betrieb nach den Vorgaben von PEFC und FSC arbeitet. Die 30 mm starken Bretter, aus denen später die drei Teile des USB-Sticks entstehen, liefert das Sägewerk Heidrich aus der Nachbargemeinde Deutscheinsiedel, das die Ahornstämme aus zertifizierten Forstbetrieben der Region bezieht. Gelagert wird das gekennzeichnete Schnittholz getrennt vom Material, das später für die Volkskunstartikel verwendet wird. In Lieferscheinen und Rechnungen muss die Firma zudem jederzeit belegen können, dass der Materialfluss nicht unterbrochen wurde. Der Aufwand hält sich in Grenzen, verglichen mit den Herausforderungen, die die Holzhandwerker zu meistern hatten, um den Auftrag für die USB-Stick-Produktion zu bekommen - technologisch wie kaufmännisch.

Arbeitsplätze geschaffen

Die drei Einzelteile müssen mit einer Toleranz von weniger als einem Zehntel Millimeter gefertigt werden, damit sie optimal ineinander passen. Für den Werkstoff Holz eine außergewöhnlich hohe Präzision, die nur mit viel Erfahrung und geeigneten Maschinen zu erreichen ist. Viel wichtiger aber war die Kalkulation, denn die Holz-USB-Sticks wurden bis dato in China gefertigt. Doch der Auftraggeber - ein Unternehmen mit Sitz in London und deutschen Eignern - suchte nach einem neuen Lieferanten. Bedingungen: Bessere Qualität und Liefertreue bei gleichem Preis und zusätzlicher Zertifizierung. Die Flaths haben sie erfüllt. „Ich bin meinen Vorfahren heute noch dankbar. Auf ihren Erfahrungen und ihrem Wissen beruht unser heutiges Know-how, ohne das wir diesen Auftrag nicht hätten realisieren können“, meint Volker Flath, der dank der USB-Sticks vier neue Vollzeitstellen schaffen konnte. Außerdem hat er vier weitere Firmen der Region für Zuliefererarbeiten mit ins Boot geholt.

Trotz der momentan guten Auftragslage sieht Volker Flath keinen Grund für Euphorie. Denn Beständigkeit ist gerade in der IT-Branche selten. „Mit der Produktion von USB-Sticks kann über Nacht Schluss sein“, weiß der Unternehmer. Das Zertifikat für nachhaltige Holzwirtschaft hat aber seinen Betrieb auf jeden Fall ein Stück zukunftssicherer gemacht.

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