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MBUX macht Cockpit zur Kommunikationszentrale Neuer Sprinter: Der sprechende Transporter im Test

Dank Sprachsteuerung soll sich der Fahrer im neuen Mercedes-Benz Sprinter besser auf das Wesentliche konzentrieren können. Wir haben ausprobiert, wie gut das funktioniert.

Im Windschatten des Internethandels läuft die Fahrzeuggattung des Transporters zur Hochform auf. Aber längst definiert sich ein moderner Kastenwagen nicht mehr über Leistung, Ladevolumen oder Nutzlast. Mercedes-Benz hat die dritte Generation des Sprinters mit einem Multimedia-System ausgestattet, das das Cockpit zu einer Kommunikationszentrale macht. Inwiefern die MBUX dem Handwerker bei der Arbeit hilft, hat die Deutsche Handwerks Zeitung in einem Sprinter 314 CDI mit Frontantrieb, Hochdach und Neun-Gang-Automatik ausprobiert.

MBUX steht für Mercedes-Benz User Experience. Und es ist tatsächlich eine interessante Erfahrung, die der Umgang mit dem digitalen Helferlein bringt, das sich hinter dem 10,25 Zoll großen Display verbirgt. Vor allem der Sprachassistent verspricht einen echten Mehrwert, wenn er auch nicht von Beginn an alle Befehle oder Fragen verstanden hat. Aber in der MBUX steckt künst­liche Intelligenz. Und tatsächlich hat man als Dialekt sprechender Mensch das Gefühl, dass die MBUX im Verlauf der zweiwöchigen Testphase immer mehr Wörter versteht.

Hey Mercedes: Ansagen statt eintippen

Angesprochen mit "Hey Mercedes" reagiert das System sofort und fragt nach: "Was kann ich für Sie tun?" Am häufigsten wird der Handwerker dann das Navigationssystem aktivieren, zum Beispiel mit dem Befehl: "Navigiere nach ...". Bei unserem Test hat das nicht in jedem Fall funktioniert, aber die Trefferquote lag ziemlich hoch und wurde gefühlt immer besser. Das nervige Eingeben von Adressdaten vor der Fahrt zum Kunden oder auf die Baustelle ist damit Geschichte.

Auch Telefonnummern aus dem Adressbuch des gekoppelten Smartphones ruft die MBUX zielsicher an. Weniger wichtig, aber trotzdem angenehm: Per Sprache lassen sich Radiosender wählen oder Tankstellen suchen. Alles Aktionen, die sonst vom Straßenverkehr ablenken. Eine gut funktionierende Sprachsteuerung macht Fahrzeuge auf jeden Fall sicherer, wenn auch nicht alle Befehle wirklich notwendig sind. Auf die Frage: "Mercedes, brauche ich morgen einen Regenschirm?" betet die MBUX den Wetterbericht herunter, gezielt für den Standort, an dem sich der Sprinter gerade befindet.

Komfortable Neun-Gang-Automatik

Das Display im Breitbandformat wirkt edel. Die Kartenansicht für die Navigation ist sehr übersichtlich und trotz ihrer Größe nicht mit unnützen Informationen überfrachtet. Bedienen lässt sich der Hochglanzbildschirm als Touchscreen oder über winzige Touchpads am Lenkrad. Navigieren kann man nicht nur über das Straßennetz, sondern zusätzlich über den Dienst "what3words" (siehe Kasten). Damit lassen sich selbst auf unübersichtlichen Großbaustellen bestimmte Orte gezielt ansteuern, für die es eben keine Adresse gibt.

Mercedes-Benz Sprinter

Wie erwartet macht der neue Sprinter bei den Testfahrten insgesamt eine gute Figur. Die Neun-Gang-Automatikschaltung des Testwagens arbeitet unauffällig und lässt sich über einen Schalthebel am Lenkrad komfortabel bedienen. Dass dafür die Bedienung für Scheibenwischer und Blinker am linken Wählhebel zusammengefasst wurde, daran gewöhnt sich auch der nicht mit Mercedes vertraute Fahrer schnell. Praktische Lösung im Laderaum: Dank Einhausung können die Radkästen beladen werden.

Wenig Beachtung haben die Konstrukteure allerdings dem linken Fuß geschenkt, der beim Automatikgetriebe arbeitslos ist. Folglich wäre für ihn ein angenehmerer Abstellplatz, als er im Fußraum zu finden ist, wichtig.

Nervige Bremseingriffe

Am nervigsten erwies sich bei den Testfahrten ein Assistenzsystem, das eigentlich die Sicherheit erhöhen soll, nämlich der Spurhalteassistent. Das Rütteln am Lenkrad ließe sich noch verschmerzen, aber der extrem starke Bremseingriff, wenn das Fahrzeug den Randstreifen berührt, führt eher dazu, dass man das System schnellstmöglich abschaltet, bevor die Ladung durcheinandergewirbelt wird. Viel besser gelöst haben die Ingenieure hingegen den Tempomat mit Abstandsregelung, der beim Test auf der Autobahn tadellos funktioniert hat. Vor allem bei hohem Verkehrsaufkommen entlastet die Technik das Nervenkostüm des Fahrers.

Alles in allem zeigt Mercedes mit dem neuen Sprinter, wohin die Reise beim Transporter gehen wird. Viel Entwicklungspotenzial wird mit Blick auf die Zusteller im Internethandel gesteckt werden. Wie aber die MBUX zeigt, kann davon auch der Handwerker profitieren.

Die Welt in drei Worten

Die Entwickler von "what3words" haben den Globus in ein Raster aus Quadraten von 3 x 3 Metern Größe gegliedert. Jedem dieser Quadrate wurde eine Kombination aus drei Wörtern zugeteilt, die sich nie ändern wird. Vorteil: Jeder Punkt auf der Erde lässt sich relativ genau bestimmen, egal ob die Mischanlage auf der Großbaustelle oder das Zelt im weitläufigen Festivalgelände. Rettungsdienste können zielgenau zur Unfallstelle navigieren, auch abseits von bewohntem Gebiet.

Mercedes-Benz Sprinter

Der Eingang zum Büro der Firma "what3words" in London ist zum Beispiel mit "fenster.ausgleichen.nahezu" zu finden. Die Entwickler träumen davon, "what3words" zum globalen Standard für Ortsangaben zu machen. Ihre Begründung: Drei-Wort-Adressen können leicht gesprochen und geteilt werden und sind genauso akkurat wie GPS-Koordinaten. Noch sind die Nutzer offenbar anderer Meinung. Im App-Store von Google bekommt "what3words" auch viele negative Kritiken, Bewertungsschnitt: 4,0.

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