Meinung -

Leitartikel Neue Wege für die Ausbildung

Was getan werden kann und muss, damit das Handwerk als Ausbilder attraktiv bleibt.

Handwerkskammern, die bereits jetzt die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge bilanzieren, können zum Teil erhebliche Zuwächse zum Vorjahr feststellen. Diese Momentaufnahme lässt aber noch keine optimistischen Schlussfolgerungen auf die Jahresendbilanz zu. Auszugehen ist vielmehr davon, dass die Handwerker erkannt haben, dass es ratsam ist, Ausbildungsverträge rechtzeitig zu schließen und nicht bis in den Sommer zu warten.

Denn sonst haben andere Wirtschaftsbereiche die besten Köpfe schon längst weggeschnappt. Wenn man sich längere Zeiträume ansieht, so hat das Handwerk gegenüber Mitwettbewerbern deutlich an Boden verloren. Im Zeitraum 1992 bis 2013 ist die Zahl aller Auszubildenden in Deutschland um 16,5 Prozent geschrumpft. Dabei belief sich der Rückgang für Industrie und Handel auf nur zwei Prozent, während er im Handwerk 32 Prozent betrug. Das hat zur Konsequenz, dass 1992 auf 100 Handwerkslehrlinge 152 Lehrlinge aus Industrie und Handel kamen. Jetzt beträgt die Relation 100 zu 216.

Trend zu Mode- und Weiße-Kragen-Berufen

Worauf ist das zurückzuführen? Eine Ursache allein gibt es dafür nicht. Ins Feld zu führen sind der Trend zu Mode- und Weiße-Kragen-Berufen, aber auch die Tatsache, dass in Industrie und Handel in dieser Zeit viele neue Berufe entstanden sind, die von jungen Leuten auch nachgefragt werden. Beispiele dafür sind der Fachinformatiker, der Fachmann für Systemgastronomie und der Maschinen- und Anlageführer.

Aus Befragungen und Studien weiß man, dass die Höhe der Ausbildungsvergütung für die Berufswahl nicht das Kriterium Nummer eins ist. Aber man sollte die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass unter den Ausbildungsbereichen das Handwerk bei der durchschnittlichen Höhe der Ausbildungsvergütungen auf dem letzten Platz liegt. Die tariflichen Vergütungen in den Berufen des Bauhauptgewerbes liegen indes insgesamt ganz weit oben.

Zwei Trends kommen noch hinzu: Zum einen geht die Zahl der jungen Menschen in den nächsten Jahren aufgrund der demographischen Entwicklung spürbar zurück – mit unterschiedlich starker Ausprägung in den einzelnen Regionen Deutschlands. Zum anderen hat sich das Bildungswahlverhalten mittlerweile dahingehend gewandelt, dass es im letzten Jahr zum ersten Mal mehr Studienanfänger als Ausbildungsanfänger gegeben hat.

Potenziale erschließen und neue Wege gehen

Bleibt in diesem Umfeld für die Handwerksbetriebe mehr als Resignation? Eindeutig ja! Die Ansätze ­reichen von der Erschließung neuer Potenziale bis zum Einschlagen ganz neuer Wege. Immer noch erlernen viel zu wenig Jugendliche mit Mi­grationshintergrund einen Beruf. Auch unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, befinden sich viele Jugendliche. Voraussetzungen sind allerdings Sprachkenntnisse und die Aussicht auf ein Bleiberecht auch für mindestens zwei Jahre nach Ausbildungsabschluss.

Die Zahl der jungen Frauen, die im Handwerk eine Ausbildung machen, muss ebenfalls wieder gesteigert werden. Maßgeschneiderte Ausbildungsangebote sollte man auch denen bieten, die erkennen, dass das Studieren für sie doch nicht so das Richtige ist.

Für neue Wege lohnt manchmal ein Blick über die Grenzen. In Österreich gibt es das Ausbildungskonzept "Lehre und Matura" als Angebot für begabte und motivierte Jugendliche, die damit nicht vor die Entscheidung Berufsausbildung oder weitere Schulbildung gestellt werden, sondern beides kombinieren können.

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