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Neue Heimat auf Umwegen

Cafer Seven kam aus einem zentralanatolischen Dorf und machte als Schreiner in Oberfranken Karriere. Sein größtes Meisterstück aber ist er selbst

Wo Chef?“ Der Mann im Anzug mustert den schwarzhaarigen Mann im staubigen Kittel und lässt seinen Blick durch die Werkstatt schweifen. Der Mann im Kittel antwortet in korrektem Deutsch: „Welchen Chef wollen Sie denn? Wir haben vier.“ Der Anzugträger will den armen südländischen Hilfsarbeiter, den er augenscheinlich vor sich hat, nicht überfordern und erwidert: „Egal, holen Chef!“ Daraufhin geht der Schwarzhaarige ins Büro, kommt ohne Kittel zurück und sagt: „Guten Tag, Schreinermeister Cafer Seven. Und Sie gehen jetzt mal raus, kommen wieder rein und stellen sich ordentlich vor!“ Der verdatterte Besucher tut, wie ihm geheißen, stellt sich sodann kleinlaut als Verkäufer eines Holzgroßhandels vor und bekommt sein Kundengespräch.

Leute wie Seven, Sohn türkischer Einwanderer, werden hierzulande gerne unterschätzt, selbst wenn sie längst auf eigenen Beinen stehen. In seinem Fall heißt das: Er ist in seinem Meisterbetrieb in Burgwindheim nahe Bamberg allein verantwortlich für die vier Bereiche Kundenakquise, Kalkulation, Fertigung und Montage. Seven gehört zu den laut Zentrum für Türkeistudien über 64.000 türkischstämmigen Unternehmern in Deutschland, die einen Gesamtumsatz von 30 Milliarden Euro generieren. Und eben nicht zu jenem Teil der 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln, die einer aktuellen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge schlecht integriert sind. Nach wie vor haben 30 Prozent der Menschen türkischer Herkunft keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent Abitur. 25 Prozent sind arbeitslos.

Cafer Seven, Jahrgang 64, wäre aufgrund seiner bescheidenen Herkunft beinahe in jener Gruppe der Deklassierten gelandet und nicht jene meisterliche Persönlichkeit geworden, die schon mal von Regionalpolitikern und Handwerkskammer als gesellschaftliches Vorbild gelobt wird oder die im Alleingang Cafés und Geschäfte in Bamberg und Umgebung mit selbstentworfenen Massivholz-Maßarbeiten ausstattet.

Fußball half bei der Karriere

Sein Vater kommt 1968 als Maurer nach Deutschland, seine Mutter, erstmals schwanger mit 15, folgt später als Fabrikarbeiterin. In ihrer eigenen Sprache können sie weder lesen noch schreiben, in der neuen nicht einmal sprechen. Als Cafer acht ist, holen sie ihn nach. Und für das zweitjüngste von fünf Kindern beginnt in Schlüsselfeld, an der A 3 zwischen Nürnberg und Würzburg, ein neues Leben. Der Junge lernt schnell sich zu verständigen in der neuen Heimat. Die Dorfgemeinschaft nimmt ihn herzlich auf. Noch heute hat er die besorgte Stimme einer Nachbarin im Ohr, wie sie mahnt: „Geh fei ned zum Bach!“ Sie wusste ja, dass er nicht schwimmen konnte. In der wasserarmen Region, aus der er kam, gab es keine Gelegenheit, es zu lernen. Das Leben war hart in jenem Dorf mit dem sprechenden Namen Cingeli: Teufelsdorf 125 endlose Kilometer nordöstlich von Ankara. Umso besser konnte er kicken und schnell galt er als hochtalentierter Fußballer. Dieser Ruf sollte ihm ein paar Jahre später zu seiner erstaunlichen Karriere verhelfen der als Handwerker.

Nach einem soliden beruflichen Aufstieg sieht es zunächst nicht aus: Er schafft den Hauptschulabschluss, doch der Vater stirbt nach einem Arbeitsunfall: Beinbruch, Fehler bei der OP, Embolie, Herzstillstand. Der Junge fällt durch die schriftliche Prüfung zum Kinderpfleger, eine Kochlehre scheitert am Lehrherrn, einem alten Nazi, der ihn schikaniert. Eines Tages sperrt er den Mann vorübergehend im Kühlhaus ein. Der Ausbildungsvertrag wird aufgelöst. Kummer auch im Fußball: Bei Punktspielen in ganz Bayern fliegen ihm öfter mal ausländerfeindliche Parolen um die Ohren, manchmal auch Knoblauchknollen.

Im Rahmen seines Engagements bei den ambitionierten Halbprofis vom TSV Vestenbergsgreuth aber bekommt Abwehrspieler Seven auf Vermittlung des väterlichen Vereinsmanagers eine Lehrstelle in einer Schreinerei. Er wird Geselle. Und trotz seines kraftzehrenden Engagements als Fußballer meldet er sich zur Meisterschule. Vor der Prüfung verliert er vor Nervosität neun Kilo um endlich im April 1995, mit 31, in jeder Hinsicht erleichtert die Lizenz für einen eigenen Betrieb in der Tasche zu haben. Der Leiter der Schule von Ebern bei Bamberg sagt zum Abschied vor versammelter Mannschaft einen rührenden Satz: „Herr Seven, es war eine Bereicherung, dass Sie an unserer Schule waren.“

Im barocken Gehöft seines Schwiegervaters in Burgwindheim bei Bamberg verwirklicht er inzwischen deutscher Staatsbürger den Traum von der eigenen Werkstatt. Das altersschwache Gebäudegeviert im Schatten des Schlosses Burgwindheim war einst fürstliches Anwesen derer von Thurn und Taxis und schon im 17. Jahrhundert zugleich Poststation inklusive Stallungen und Gaststätte. Wer heute zur Werkstatt will, verlässt den Asphalt der viel befahrenen Hauptstraße und biegt über Kopfsteinpflaster in einen lang gezogenen Hof. Besucher finden sich in einer Art Freilichtmuseum mit antiquarischen Schränken, Stühlen, Tischen wieder.

Im hinteren Teil dieser Idylle aus Holz und Stein öffnet eine Flügeltür mit gläsernem Rundbogen den Zugang zur lichten Werkstatt. Die hat Seven ganz nach seinem Maß gezimmert. 18 Metallstufen darüber wohnt er mit seiner Frau und den drei Söhnen in einer weitläufigen doppelgeschossigen Dachwohnung, einer Art Wohnatelier für edle Holzexponate. Prunkstück im Mobiliar aus vorwiegend Nussbaum ist eine Garderobe mit original Rokoko-Kirchentürflügeln. Im Büro ein Schreibtisch aus deutscher Kirsche und amerikanischem Nussbaum das Werk, mit dem er sich zum Meister qualifiziert hat.

Spezialanfertigungen in Kirsche und Nussbaum, das ist sein Markenzeichen im gesamten Dreieck NürnbergBambergWürzburg. Parkettboden, Wandvertäfelung, Theke, Stühle, Tische indem er ein Bamberger Szenecafé komplett ausstattet, schafft er seine eigene, raumgroße Visitenkarte. Zahlreiche Geschäfte in der Flaniermeile Bambergs und der weiteren Region tragen seither seinen Schliff. Ein Café in dunkler Buche, ein Herrenbekleidungsgeschäft in gebeizter Eiche ein Auftrag ergibt den nächsten.

Wenn der Meister selber fegt

Bekannt ist Seven aber auch für seine direkte und herzliche Art, in der er in breitem Oberfränkisch auch unbequeme Wahrheiten ausspricht. Wie bei einem Empfang im Mai 2007. Er und 17 andere ausbildende Handwerker mit Migrationshintergrund werden im Bamberger Rathaus Schloss Geyerswörth geehrt. Da muss Seven den Herrschaften aus Politik und Wirtschaft in seiner Rede dann doch mal mitteilen, dass er sich als kleiner Ausbilder mit einer einzigen Lehrstelle ziemlich im Stich gelassen fühlt von gleichgültigen Eltern ebenso wie von der Politik und dass Schulterklopfen nicht genügt. Vier Lehrlingen hat er inzwischen das Handwerk beigebracht, übernehmen kann er keinen zu teuer. Um das Gehalt eines Gesellen zu erwirtschaften, müsste er rennen und rennen. Dabei würde er seinen Seelenfrieden verlieren, wie er meint. Er bedauert die vielen Azubis, die schon im Berufsgrundschuljahr in weitgehend automatisierten Großschreinereien tagelang hinter ein und derselben Riesenmaschine stehen, um ein Türblatt nach dem anderen abzubeizen, zu lackieren und abzunehmen. Bei ihm dagegen kommt es auf Vielseitigkeit an.

Und auf den menschlichen Umgang. Einmal schaut kurz vor Feierabend ein guter Bekannter vorbei, ebenfalls Schreiner und traut seinen Augen nicht: Der Meister fegt die Werkstatt, der Lehrling liest. Der Junge muss sich auf die Matheprüfung in der Berufsschule vorbereiten, erklärt Seven lapidar. Egal, was andere davon halten mögen, er bleibt seiner Devise treu: Geht anständig mit den jungen Leuten um, ihr wart selber welche! Hin und wieder kommt übrigens auch der Mann im Anzug vorbei, um einen Posten Massivholz zu verkaufen. Zum Spaß verlangt er dann schon mal „den Chef“. Dann trinken sie Kaffee.

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