Meisterstücke -

Frauen im Handwerk Muskelkraft, Männerberufe und Mädchen mit Mut

Immer mehr Frauen fassen im Handwerk Fuß, aber das Potenzial ist lange noch nicht ausgeschöpft.

Mario Trompter hat eine klare Vorstellung davon, welche Rolle die Frau in der heutigen Gesellschaft spielt. "Frauen sind die neuen Männer“, sagt Trompter. Jahrelang hat er in seinem Dresdener Karosseriebaubetrieb nur Männer ausgebildet. Doch seit März 2010 lernt bei ihm eine junge Frau, Szilvia Szarvas. Trompter ist mit der werdenden Karosserie- und Fahrzeugbauerin durchaus zufrieden. "Ein gemischtes Team ist gut für den Betrieb, das bringt neuen Schwung in die Sache“, findet er. Das Handwerk setzt zunehmend auf Frauen – gerade auch in Zeiten des Fachkräftemangels. Weil es in vielen Berufen nicht mehr auf Körperkraft ankommt, erobern die Frauen neue Bereiche, meldet der Zentralverband des Deutschen Handwerks, und: "Das Handwerk bietet Frauen Karrierechancen wie kein anderer Wirtschaftszweig.“

Diese Botschaft ist bei vielen Frauen bereits angekommen. Jede vierte Gründung im Handwerk erfolgt heute durch eine Frau, zeigt eine Studie der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld. Jede fünfte Meisterprüfung legt eine Frau ab. Obwohl immer mehr Frauen im Handwerk tätig sind oder gründen, lautet das Fazit der Studie: Die Potenziale von Gründerinnen sind nicht ausgeschöpft. Das weiß auch Heidi Kluth. "Wir können auf Frauen als Arbeitskräfte nicht verzichten“, warnt die Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk. Sie kann selbst dem Fachkräftemangel etwas Positives abgewinnen. "Wir hatten vielleicht noch nie eine so gute Zeit für die Frauen wie jetzt“, meint Kluth. Denn nun sei es notwendig, Frauen einzustellen. "Frauen haben ohnehin oft die tragende Rolle im Unternehmen“, sagt Kluth. Das bestätigt eine Studie des Ludwig-Fröhler-Instituts: Fast jeder zweite Handwerksunternehmer gab an, dass der Lebenspartner im Betrieb mitarbeite – in 90 Prozent der Fälle eine Frau. Ein ganzes Drittel von ihnen hat laut Studie gar keinen Arbeitsvertrag. In den Familienbetrieben, in denen die Ehefrauen mitarbeiten, sei oftmals ein anderes Denken nötig, findet Kluth. "Die Frauen können auch als Unternehmerfrau zusammen mit dem Mann das Unternehmen leiten und nach außen zeigen, dass die Frau eine Führungskraft ist“, betont Kluth. Sie findet, dass ruhig auch mal die Tochter den Betrieb übernehmen könne. "Es muss ja nicht immer der Sohn sein“, sagt sie.

Die Studie der Bielefelder Fachhochschule mahnt: Die Potenziale der Frauen als Unternehmensnachfolgerinnern werden nicht ausreichend genutzt. Doch es gibt Ausnahmen, wie das Bauunternehmen August Gluck bei Fulda: Dort wird die Tochter die Nachfolge antreten und nicht der Sohn. "Meine Tochter hat die technische Ausbildung, mein Sohn die kaufmännische“, sagt Anita Schaub-Gluck, die den Betrieb seit 16 Jahren leitet. Sie selbst hat ist gelernte Maurerin, Ingenieurin und Betriebswirtin des Handwerks. Die Tochter hat den gleichen beruflichen Werdegang absolviert.

Bestimmte Branchen bevorzugt

Bislang hat der Vormarsch der Frauen jedoch nur die Firmenspitze erreicht. Rund 120 Lehrlinge haben bisher in dem Betrieb eine Ausbildung absolviert – darunter nur zwei Frauen. "Wir hatten bis jetzt viele Praktikantinnen, aber nur wenige weibliche Lehrlinge“, sagt die Chefin. Erst im vergangenen Sommer waren zwei Praktikantinnen auf dem Bau. Das Ferienangebot für Mädchen im Bausektor ist eine von mehreren Aktionen, mit denen das Handwerk junge Frauen gewinnen will. Schaub-Gluck hält es für sinnvoll, die Frauen stärker ins Handwerk einzubinden, räumt jedoch ein, dass sie nicht immer für die Arbeit auf dem Bau geeignet sind. "Weil einfach viel Muskelkraft gebraucht wird“, erklärt sie.

Das Interesse der Frauen im Handwerk konzentriert sich immer noch auf bestimmte Branchen, vor allem bei der Gründung. Die Studie aus Bielefeld zeigt: 51 Prozent der Gründungen durch Frauen entfallen auf die Gewerke Friseur und Kosmetiker. "In beiden Berufen können Frauen kreativ gestalten“, sagt Iris Kronenbitter, Leiterin der Bundesweiten Gründerinnenagentur.

Die Eintrittsbarrieren, also formale Qualifikation und das nötige Startkapital, seien im Kosmetikbereich niedrig und damit verantwortlich für den hohen Gründungsanteil. Kronenbitter kritisiert, dass vor allem Daily Soaps Mädchen nur die Bilder der klassischen "Frauenberufe“ zeigten. Auch Heidi Kluth sieht Handlungsbedarf. "Das Problem ist, dass sich Frauen in anderen Handwerksberufen kaum gründen. Man muss ihnen zeigen, dass es neben dem Friseur viele andere Berufe gibt.“ Kluth schlägt vor, Mädchen schon im Kindergartenalter an Handwerksberufe heranzuführen. Der Girls’Day in der Schule komme zu spät. "Vielleicht fehlen Vorbilder, die Mut zum Gründen machen“, befürchtet Kluth.

Ein solches Vorbild gibt Bärbel Hotz: Zimmermeisterin, Betriebsinhaberin und Mutter. Als sie 1980 ihre Ausbildung zur Zimmerin beginnt, gibt es an ihrer Ausbildungsstätte noch nicht einmal Toiletten für Mädchen – so sehr gilt der Beruf als Männerberuf. Das hat sich freilich rasch geändert und sanitäre Einrichtungen wurden bald gebaut. Geblieben aber ist das Prädikat des Männerberufs. Frauen sind im Zimmerhandwerk auch heute kaum vertreten. Im südhessischen Raum ist Hotz die einzige Frau in ihrem Beruf "Der Zimmerer ist ein typischer Männerberuf – es ist schwer für Frauen, dort Fuß zu fassen“, sagt Hotz. Sie kennt einige Frauen, die eine Ausbildung zur Zimmerin gemacht, dann aber nie oder nur kurz in dem Beruf gearbeitet haben. Sie selbst habe aber nie Probleme gehabt. "Ich bin praktisch auf dem Bau aufgewachsen“, sagt Hotz. Ohne einen solchen Hintergrund, glaubt sie, sei es für Frauen kaum möglich, dort zu arbeiten. Neben dem "Betrieb führt sie den Haushalt und kümmert sich um ihren Sohn. Als "ganz normalen Wahnsinn“ bezeichnet sie ihren Alltag. "Organisation und Management müssen zu 100 Prozent stimmen“, betont Hotz. Gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheinen viele Frauen als belastend zu empfinden, wie auch die Studie der FHM zeigt. Denn knapp 70 Prozent der befragten Frauen gaben an, dass sie es schwerer hätten, Familie und Beruf zu vereinbaren, als ihre männlichen Mitbewerber.

Dennoch wird die Integration der Frauen ins Handwerk immer wichtiger. Im vergangenen Jahr erreichte das Handwerk den höchsten Frauenanteil in der Ausbildung seit 20 Jahren. Knapp 27 Prozent aller Lehrlinge waren Ende 2009 Frauen, ermittelte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in einer Studie. In manchen Berufen, wie zum Beispiel bei den Hörgeräteakustikern, sind demnach sogar mehr als die Hälfte aller Lehrlinge Frauen. Die BIBB-Studie zeigt außerdem, dass der Frauenanteil in einigen Männerberufen seit den 70er Jahren erheblich zugenommen hat. So etwa bei den Maler- und Lackiererinnen: Der Frauenanteil lag 1977 bei nur 1,1 Prozent. Inzwischen ist der Anteil auf 11,8 Prozent gestiegen. Ähnlich ist die Situation auch bei den Tischlerinnen. Der Frauenanteil in den meisten technischen Berufen bleibt insgesamt jedoch niedrig, zeigt die Studie. Auch im Vergleich mit anderen Branchen ist die Frauenquote im Handwerk gering: Bei den freien Berufen sind 94,5 Prozent aller Auszubildenden Frauen, im öffentlichen Dienst sind es 65,7 Prozent.

Gezielte Werbung in Schulen

Noch gibt sich das Handwerk nicht zufrieden: Um den Frauenanteil weiterhin zu steigern, werben viele Handwerksorganisationen gezielt in der Schule und veranstalten Aktionen und Informationsrunden für junge Frauen. Jede dritte Handwerkskammer bietet laut der Studie der Fachhochschule für Mittelstand gelegentlich Maßnahmen und Angebote für gründungswillige Frauen. "Die Angebote der Handwerkskammern werden fortlaufend ausgeweitet und weiterentwickelt“, lässt auch der ZDH verlauten. Die Grundmauern, um Frauen für das Handwerk zu begeistern, sind geschaffen. Nun gilt es, das gesamte Potenzial auszuschöpfen.

Im DHZ-Interview über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verrät Sofie Geisel, Projektleiterin des Netzwerks "Erfolgsfaktor Familie", warum Familienfreundlichkeit gerade im Handwerk wichtig ist.


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