Konjunktur -

Pazifische Auster hat sich in der Nordsee ausgebreitet - Muschelbank vor Juist komplett überwuchert Muschelfischer kämpfen mit Invasion aus Fernost

Eine Landratte würde Wolfgang Christoffers wahrscheinlich als Seebär bezeichnen. Genau so muss der Schiffsführer eines Miesmuschelkutters auf der Nordsee aussehen. 63 Jahre alt ist der Ostfriese Christoffers, seit 48 Jahren fährt er zur See. Den Mann kann eigentlich nichts erschüttern. Selbst bei Minusgraden ist das Fenster des Ruderhauses auf seinem Schiff "Andrea" geöffnet.

Norddeich (dapd-nrd). Eine Landratte würde Wolfgang Christoffers wahrscheinlich als Seebär bezeichnen. Genau so muss der Schiffsführer eines Miesmuschelkutters auf der Nordsee aussehen. 63 Jahre alt ist der Ostfriese Christoffers, seit 48 Jahren fährt er zur See. Den Mann kann eigentlich nichts erschüttern. Selbst bei Minusgraden ist das Fenster des Ruderhauses auf seinem Schiff "Andrea" geöffnet. Nur ein vergleichsweise kleines Tier bringt Christoffers zum Frösteln: die pazifische Auster.

Es ist Ebbe auf der Nordsee. Wenige Kilometer südlich der Insel Juist liegt eine große Miesmuschelbank. Zu sehen sind die Tiere allerdings nicht mehr. War die kleine "Insel" einstmals schwarz vor Muscheln, so ist sie jetzt von der pazifischen Auster überwuchert. Beige- und lilafarben wachsen die Körper der neuen Besatzer zu Tausenden senkrecht aus dem Wasser hervor. Innerhalb von zehn Jahren hat die pazifische Auster alles überwuchert. "In meinem Leben werden wir die nicht mehr los", sagt Christoffers.

Das Miesmuschelgeschäft an der niedersächsischen Küste ist seit jeher extremen Schwankungen unterlegen. Erntemenge, Qualität der Ware und damit auch der zu erzielende Preis sind stark vom Wetter abhängig. In der Saison 2009/2010 wurden nur 1.260 Tonnen für 1,05 Millionen Euro vermarktet. Ein Jahr davor waren es noch 2.830 Tonnen, mit denen fast fünf Millionen Euro erzielt wurden.

Neben Wetter und Auster machen den Fischern auch Algentoxine zu schaffen, die sich in den Muscheln anreichern und ganze Ernten vernichten können. "Von einem bekommt man Durchfall, von einem wird man wahnsinnig und von einem kann man sterben", sagt Manuela Gubernator, Geschäftsführerin des Verbands der niedersächsischen Muschelfischer. Daher würden Miesmuscheln zu den bestüberwachten Lebensmitteln überhaupt zählen.

Mit all diesen Widrigkeiten hat sich Wolfgang Christoffers im Laufe der Jahre angefreundet, mit der Auster will ihm das nicht gelingen. "Man weiß nicht, was morgen kommt", sagt er. Christoffers gehört einer von vier Betrieben, die mit fünf Kuttern und 18 Mitarbeitern an der niedersächsischen Nordseeküste unterwegs sind.

Die Familie Christoffers ist vom Miesmuschelfang geprägt. Wolfgang Christoffers verkörpert bereits die dritte Generation. Sohn Jörg fährt schon seit Jahren ein eigenes Schiff, und der 19-jährige Enkel Björn hat soeben die Ausbildung zum Fischwirt erfolgreich gemeistert. Er möchte in absehbarer Zeit den 34 Meter langen und 34 Jahre alten Kutter des Großvaters übernehmen und blickt weitaus optimistischer in die Zukunft. "Der Fang geht weiter. Existenzbedrohend ist das nicht", sagt er.

Dennoch wird auf der Wildfläche vor Juist das ganze Ausmaß der Invasion deutlich. Eingeschleppt wurde die pazifische Auster aus den Niederlanden. Im dortigen Teil der Nordsee setzten Züchter 1965 erste Exemplare als Ersatz für die ausgerottete europäische Auster aus. "Wissenschaftler waren der Meinung, dass sie sich wegen des kalten Wassers nicht vermehren würden. Sie haben nicht recht behalten", sagt Manuela Gubernator mit Verärgerung im Unterton.

Zwar ist der Eindringling durchaus genießbar, allerdings vermiest er den Muschelfischern das Tagesgeschäft. Die Auster hat die gleichen Siedlungsflächen wie die Miesmuschel. Beide Arten leben auch in Koexistenz, doch die Muscheln lassen sich auf Wildflächen nicht mehr ernten, weil sie unter Bergen von Austern ruhen. Diese wiederum wachsen zu unhandlichen und scharfkantigen Klumpen zusammen. "Wie Beton. Wir würden uns die Netze kaputtreißen", sagt Wolfgang Christoffers. Zudem ist der Austern-Fang im Wattenmeer gar nicht erlaubt.

Was den Muschelfischern bleibt, ist die Ernte der zuvor auf ihren 1.300 Hektar großen Kulturflächen ausgesäten Jungmuscheln. Schuldzuweisungen in Richtung Niederlande gibt es trotz des ausgeuferten Austern-Experiments nicht. Auch hier hat sich eine Koexistenz entwickelt, denn die an der ostfriesischen Küste gefangenen Tiere werden zur Muschelauktion ins niederländische Yerseke transportiert und dort vermarktet.

dapd

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