Meisterstücke -

Modistenhandwerk Mütze, Melone und Zylinder

Zu Besuch in der Werkstatt der Würzburger Modistin Maria Helsper, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert individuelle Kopfbedeckungen fertigt.

Leichtfüßig und gemächlich steigt der dichte Dampf empor. Der Geruch von nasser Wäsche liegt in der Luft. Es riecht, als hätte man diese ein paar Minuten zu lang in der Trommel gelassen. Leicht modrig, aber nicht unangenehm. Der warme Nebel zieht an Maria Helspers Gesicht vorbei und flüchtet durch das kleine Fenster über ihrem Arbeitsplatz. Doch der Wärme entkommt sie dennoch nicht. Beherzt und kraftvoll zieht sie den dicken schwarzen Stumpen über die silberne Halbkugel. Es zischt. Beide Hände greifen den heißen, feuchten Hutrohling aus Filz, der vom Heizpilz erwärmt wird. Die Hitze kribbelt in den Fingerspitzen.

Helsper fühlt das Material: den tropfnassen Filz. Sie fühlt die Hitze und schmunzelt. Schnell wirken die Gesichtszüge wieder angestrengter. Sie zieht den nassen Filz gleichmäßig in alle Himmelsrichtungen. Das bedarf Kraft, auch wenn es leicht aussieht: Wie ein überdimensionaler, zäher Kaugummi scheint sich das Material von ihr bearbeiten zu lassen. Man sieht die Erfahrung. Man spürt die Leidenschaft.

Kopfbedeckungen fertigen wie vor 100 Jahren: Immer noch kein alter Hut

Eine Leidenschaft für ein Handwerk, das sich in den letzten 100 Jahren nicht wirklich verändert hat. Das silberne Metall des Heizpilzes ist an einigen Stellen dunkel verfärbt. Man sieht ihm an, dass es nicht mehr seine erste Saison ist. Und auch nicht die zweite oder dritte. Helsper hat ihn zusammen mit dem restlichen Inventar von ihrer Vorgängerin übernommen. Vor über 26 Jahren. Seitdem fertigt die gelernte Modistin in ihrem eigenen Laden in Würzburg Kopfbedeckungen. "Und das mit Hilfsmitteln, die seit sehr langer Zeit nicht weiterentwickelt wurden", - ein alter Hut sollte man meinen - „aber warum sollte man es auch überarbeiten? Es funktioniert schließlich“, erklärt Helsper als sie auf dem mit pinken Rosen bestickten Kissen des alten braunen Stuhls in ihrer kleinen Werkstatt sitzt. Diese ist kaum drei mal zwei Meter groß. Aber es ist ihr Reich – ihr Ort der Kreativität.

Und so nimmt sie den heißen Stumpen von der Halbkugel und stülpt ihn über eine ebenso alt wirkende Holzform. Dazwischen transparente Folie. Sie greift nach einem feuchten Lappen. Ein Grauschleier überzieht das ehemals weiße Tuch. Sie legt es über den Filz. Nun kommt das schmale Bügeleisen zum Einsatz. Erneut zischt es. Erneut steigt Dampf auf. Helsper bringt das Material in Form. Bügelt den widerspenstigen Filz glatt. Bis er eben auf der Form liegt und deren Wölbung nachzeichnet. Ein klassischer Herrenhut. Am Übergang zur Krempe mit einer Kordel fixiert. So behält er beim Trocknen seine Form.

Formen besitzt Maria Helsper viele. Ob eine runde Melone oder ein emporragender Zylinder. Im Regal über ihrem Arbeitsplatz finden sich so allerlei verschiedene Modelle. Neben und übereinander. Bis unter die hohe Decke. Derzeit scheint es der klassische Herrenhut den Modeliebhabern jedoch angetan zu haben. "Und zwar nicht nur den Männlichen. Nein, auch Frau trägt den Klassiker heute lässig", berichtet die Modistin. Doch auch jeden anderen Wunsch erfüllt die Dame mit dem frechen Kurzhaarschnitt gerne in ihrem Laden. Sie fertigt nach Vorstellung des Kunden oder erweckt alte Lieblinge wieder zum Leben. Denn der robuste Filz kann die Jahre ganz gut ab. Nur das Bügeleisen muss hin und wieder seinen Dienst erfüllen und den Hut wieder in Form bringen.

Nicht alle Hüte in ihrem Laden haben schon Bekanntschaft mit Helspers weißen Bügeleisen gemacht. Sie kauft viel zu: ob Hüte, Mützen oder Fascinator – alles wartet auf den Kunden, der sich in diese eine Kopfbedeckung verliebt.

Und schon erklingt das helle Glöckchen. Ein neuer Kunde betritt den Raum. Eine neue Chance für jeden von Maria Helspers Hüten den passenden Kopf zu finden. Und eine Chance für Elli den Kunden und den Hut auf diesem Weg zu begleiten. Die einzelnen definierten braunen Locken der kurzen Dauerwelle springen aufgeregt auf und ab, als die Gesellin schnellen Schrittes Richtung Verkaufsraum eilt. Mit der rechten Hand schiebt sie den beigen Vorhang mit floralem Muster, der Werkstatt und Laden trennt, zur Seite. Ein freundliches "Guten Tag" schallt durch den Raum, wird jedoch sofort von dem Textil der vielen Hüte geschluckt. Doch stumm bleibt es nicht – ganz im Gegenteil.

Den passenden Hut finden: Nicht so einfach

Ein Mittfünfziger mit braunem Haar spaziert hektisch durch den Laden. "Ich suche einen neuen Hut", verkündet er seinen überraschenden Wunsch. "Am besten grau", spezifiziert er schnell und tritt näher an das Regal. Die Türe öffnet sich erneut. Neben einem kalten Windstoß tritt auch der Sohn des hektischen Mannes ein. Graue Anzughose zu weißen Tennissocken und schwarzen Skaterschuhen. Dazu eine weinrote Jacke und ein bunter Schal, der endlos lang runterhängt. Fast bis auf die Knie. Elli hat dem Kunden inzwischen einen grauen Filzhut mit hellbraunem Band gereicht: "Probieren Sie den hier".

Der Mann positioniert sich überzeugt vor dem Spiegel. Darauf prangert ein Aufkleber. Weiße Schrift auf der Brusthöhe des Kunden: "ch bin schön". Kritisch beäugt er sein Ebenbild. Rückt den Hut gerade. Packt die Krempe und korrigiert die Position der Kopfbedeckung erneut. Genau in die entgegengesetzte Richtung. Der Sohn blickt ihm erst über die rechte und dann über die linke Schulter. Auch er will das Spiegelbild seines Vaters begutachten. Er zieht die eine Augenbraue weit in die Höhe. "Die Krempe ist zu groß und du zu klein. Das drückt". Elli und sein Vater nicken zustimmend. Elli greift den Nächsten aus dem Regal.

Da stürmt eine junge Frau mit großen Schritten in den Laden. An den Füßen glänzende knallrote Gummistiefel. "Und hast du schon was gefunden, Papa?", fragt sie mit lauter Stimme bevor sie überhaupt einen Blick riskiert hat. Als sie den Hut auf dem Haupt des Vaters bemerkt, ertönt es laut und schrill: "Der ist cool! Den würde ich nehmen!". Der Sohn ist anderer Meinung. Ein geschwisterliches Wortgefecht wird kurzerhand entfacht. Aber die Entscheidung ist gefallen. Der Vater nimmt den Hut. "Das macht dann 78 Euro, bitte", erklärt Elli, als sie an der Kurbel der alten braunen Kasse dreht.

Im Handwerksladen: Fachberatung statt Schnäppchen

78 Euro – Nicht wenig, wenn man die Preise mit denen von großen Ketten wie H&M vergleicht. "Das wird für uns immer wieder zum Problem. Die Leute sind es gewohnt, immer und überall Schnäppchen zu machen. Viele wollen gar nicht mehr fachkundig beraten werden, sondern nur das billigste Produkt kaufen. Ihnen fehlt der Bezug zu den Materialien. Sie erkennen die Wertigkeit nicht", stellt Helsper fest.

Elli kennt die Vorteile von hochwertigen Materialien und sauberer Verarbeitung sehr wohl. Sie hat seit kurzem ausgelernt. Zuvor hatte Helsper sie in ihrem Laden ausgebildet. Der Schulweg fiel ein wenig länger aus: nach München. Denn dort werden die wenigen Modistenlehrlinge in Bayern unterrichtet. Im Fall von Elena Hupp waren es fünf an der Zahl. Nicht gerade viele. Doch Helsper hat schon einige ausgebildet. "Das hält jung und bringt frischen Wind in den Laden", erläutert sie. Viele Hutläden wirken für junge Menschen verstaubt und überholt.

Das wollte Helsper nicht. Sie hat sich von Anfang an bemüht auch der Jugend zu gefallen. "Mein Publikum ist sehr gemischt. Das schönste Lob war eine Kundin, die auf die Empfehlung ihrer Tochter hin zu mir kam. Da habe ich gemerkt, dass meine Hüte auch bei der jungen Kundschaft Anklang finden", berichtet die Modistin stolz und lächelt.

Modistenhandwerk: Kaltes Wetter befeuert das Geschäft

Doch der Anklang ist mal kleiner und mal größer. Mode und Wetter spielen eine wichtige Rolle. Kaltes Wetter befeuert das Geschäft durchaus. Es gibt aber auch Tage an denen das helle Glöckchen selten erklingt. Zweimal im Jahr kommt eine große Lieferung: Sommer- und Winterware. Zweimal im Jahr kommt eine dicke Rechnung. In schwarzen Lettern adressiert an Maria Helsper in Würzburg. "Da kann es schon mal eng werden. Die Bank im Nacken. Ich bin schon mitten in der Nacht aufgewacht und habe mich gefragt, was ich da eigentlich mache. Reich wird man mit diesem Handwerk nicht", erklärt Helsper.

Davon kann auch die Gesellin Elli ein Lied singen. Aber für die Musik in der Werkstatt ist das kleine Radio zuständig. Und so setzt sich Elena wieder in den schlauchförmigen Raum zwischen dem Vorhang und Helspers Platz an die Nähmaschine und fertigt ein schwarzes Samtband, das später einen Hut schmücken soll. Eine hohe Frauenstimme schmettert im Radio "How deep is your love?". Dazu das "tack, tack, tack" der Nähmaschine. Beide Frauen lächeln. Sie wirken zufrieden. Keine würde ihren Job eintauschen wollen. Die Liebe zum Handwerk scheint groß zu sein. Helsper setzt Kaffee auf. Es dampft aus der weißen Thermoskanne. Kaffeeduft erfüllt den Raum und da ist auch wieder der Geruch von nasser Wäsche. Mit ihm verfliegen die Gedanken über die unsichere Zukunft. Ihr lächelndes Gesicht verschwindet hinter dem Dampfgemisch. Kaffee und Filz. Leidenschaft und Fleiß.

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