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Weniger Lebensmittel verschwenden Müller und Bäcker wollen keinen Ersatz für das Mindesthaltbarkeitsdatum

Die Bundesregierung möchte das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) durch eine neue Kennzeichnung ersetzen, damit weniger Lebensmittel im Müll landen. Dabei spielt das MHD bei der Lebensmittelverschwendung kaum eine Rolle. Der Verband deutscher Mühlen will es erhalten. Der Bäckerverband plädiert dafür, dass die vertragliche Sortimentspflicht abgeschafft wird.

"Mindestens haltbar bis …" – das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) alleine sagt kaum etwas darüber aus, bis wann Lebensmittel wirklich haltbar sind. Doch es verunsichert einige von uns immer wieder. Ist die Salami noch essbar, wenn es abgelaufen ist? Schadet es mir, wenn ich das Mehl noch zum Backen nutze, das schon drei Monate zu über dem Datum ist? Und was ist mit dem verpackten Brot im Vorratsschrank – könnte sich in ihm Schimmel verstecken? Derartige Fragen hat sich wohl schon jeder einmal gestellt. Dass im Zweifel dann ein noch essbares Lebensmittel weggeworfen wird, ist dennoch nicht so weit verbreitet, wie es Ex-Bundesernährungsminister Christian Schmidt einst beschworen hat. So gehen nur etwa sechs Prozent der vermeidbaren Lebensmittelabfälle auf ein abgelaufenes MHD zurück.

Diese Zahl teilte das Bundesernährungsministerium (BMEL) auf Anfrage mit und bestätigt auch, dass die Pläne von Schmidt dennoch weiter verfolgt werden, das MHD zu einem Verbrauchsverfallsdatum  (VVD) zu erweitern – unter anderem um die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Das BMEL hält es nach eigenen Angaben für sinnvoll, dafür möglichst vielfältige Maßnahmen zu verfolgen. Immerhin landen rund 15 Millionen Tonnen an Lebensmitteln jedes Jahr in der Mülltonne. Zu den Aktivitäten, die das BMEL plant, "gehören beispielsweise geeignete Maßnahmen, um den Verbrauchern die Bedeutung von MHD und Verbrauchsdatum nahe zu bringen. Auch die Förderung von Innovationen entlang der Wertschöpfungskette zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen gehört dazu", so eine Sprecherin des Ministeriums.

Das Verbrauchsverfallsdatum (VVD)

Das Verbrauchsverfallsdatum (VVD) soll deutlich machen, wann ein Lebensmittel tatsächlich nicht mehr genießbar ist. Wie das VDD genau aussehen soll, ist noch unklar. Es könnte das MHD ersetzen oder zusätzlich gelten und zeigen, wie lange Lebensmittel nach Ablauf des MHD noch ohne Gesundheitsgefahr verzehrt werden können.

Eine große Rollen sollen dabei sogenannte intelligente Verpackungen stehen, die von sich aus anzeigen, wie es um das Lebensmittel steht. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist die Einführung intelligenter Verpackungen explizit erwähnt. Ihre Entwicklung soll aus dem Fördertopf für Innovationsvorhaben finanziert werden, der in einer Höhe von mehr als 3,4 Millionen Euro bereitsteht.

Intelligente Verpackungen hatte Christian Schmidt einst anhand des Beispiels von Joghurtbechern erklärt. Diese könnten mit einem elektronischen Chip ausgestattet werden, der von Tag zu Tag die Verzehrbarkeit des Produkts ermittelt – anhand einer Ampelkennzeichnung oder Ähnlichem.

Das Lebensmittelhandwerk ist jedoch skeptisch gegenüber dem VVD und dem Ansatz, dass es helfen könne, etwas gegen die Lebensmittelverschwendung zu bewirken. So plädiert der Verband Deutscher Mühlen dafür, dass seit 30 Jahren bestehende MHD beizubehalten und statt einer neuer Kennzeichnung, an die sich der Verbraucher wiederum gewöhnen müsse, einzuführen. Verbandspräsident Peter Haarbeck betont, dass eine bessere Warenkunde und Aufklärung wichtiger wären.

Vorteil des MHD: Hersteller übernimmt Verantwortung für seine Produkte

"Wir hatten sehr gehofft, dass die Idee, das tatsächlich aus unserer Sicht lang bewährte Mindesthaltbarkeitsdatum durch ein Verbrauchsverfallsdatum zu ersetzen oder zu ergänzen mit Minister Schmidt die Berliner Bühne verlässt", sagt Haarbeck. Er weist darauf hin, dass selbst der Ernährungsreport des BMEL gezeigt habe, dass die Verbraucher sehr wohl mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum umzugehen wissen. "Eine Abschaffung des MHD wäre absolut kontraproduktiv und würde die Verbraucher verwirren."

Müllermeister Haarbeck erklärt, seine Argumente für das Mindesthaltbarkeitsdatum in Bezug auf seine Branche: "Mehl ist lange, aber nicht unbegrenzt haltbar. Mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum bekommt der Verbraucher eine klare Orientierung. Der Müller übernimmt Verantwortung für sein Produkt für einen definierten Zeitraum." Aber auch nach diesem Zeitraum könne das Mehl noch gut in der Küche eingesetzt werden, wenn die Verbraucher zuvor mit ihren Sinnen, mit Auge und Nase, geprüft haben, ob es noch in Ordnung ist. Hier spielen die Lagerbedingungen eine große Rolle und ob das Mehl bereits geöffnet worden ist.

Die intelligenten Verpackungen, die im Zusammenhang mit dem VVD erst diskutiert werden, sind speziell für Mehl und Mahlerzeugnisse noch gar nicht gefunden – geschweige denn in der Praxis erforscht. "Ob der Einsatz eines Chips oder sonstigen Lösungen hier sinnvoll ist stellen wir sehr in Frage", sagt Haarbeck. Er hält die Stärkung des Wissens zum Umgang mit Lebensmitteln, eine gute Warenkunde und gute Informationen zum Mindesthaltbarkeitsdatum – "ganz klassische Instrumente also" – für wichtiger.

Bäcker sehen neue Verwirrung durch ein Verbrauchsverfallsdatum

Das sehen die Bäcker ähnlich. Zwar gehört Brot aus der handwerklichen Backstube zu den Lebensmitteln, die als unverpackte Ware nur selten eine Angabe des MHD benötigen, dennoch sind Backwaren eine der Lebensmittelgruppen, die einen großen Anteil an der Lebensmittelverschwendung ausmachen. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks hält die Einführung eines VVDs dennoch nicht für geeignet, die Menge an weggeworfenen Lebensmitteln zu verringern.

"Die Haltbarkeit eines Lebensmittels hängt von zu vielen Faktoren ab, um sie bereits bei der Herstellung der Verpackung voraussagen zu können", sagt deshalb Hauptgeschäftsführer Daniel Schneider und weist beispielsweise auf den Ort der Lagerung hin, die Lagertemperaturen und die Art des Transports in den Verbraucherhaushalt – gekühlt oder ungekühlt. "Zudem können wir uns auch nicht vorstellen, nach welchen Kriterien dieses VVD bestimmt werden soll, die ja in einem Gesetz geregelt werden müssten, geschweige denn, wie die Lebensmittelüberwachung die Einhaltung dieser Vorgaben prüfen will", so Schneider. Er hält es für ungewiss, ob die Verbraucherschaft dieses Datum, das zusätzlich zum MHD erscheinen soll, richtig einordnen kann. Schließlich werde bereits das MHD häufig mit einem Verfallsdatum gleichgesetzt.

MHD-Angaben auf Backwaren: Das gilt für Bäckereien

  • Unverpackte Backwaren müssen kein MHD tragen.
  • Das gleiche gilt für Packungen, die für den Verkauf binnen zwei Tagen bestimmt sind – sog. "Ladenpackungen" – und im Bedienungsverkauf angeboten werden.
  • Ladenpackungen in Selbstbedienung und alle anderen vorverpackten Backwaren, die jeweils nicht üblicherweise binnen 24 Stunden verzehrt werden, müssen ein MHD tragen.

Um die Verschwendung an Backwaren einzudämmen, sollte nach Ansicht des Zentralverbands in erster Linie die Sortimentspflicht abgeschafft werden, zu der sich viele Bäckereien vertraglich festlegen müssen, wenn sie Verkaufsstellen in Einkaufszentren und Supermärkten betreiben wollen. Dann müssen sie bis zu einer bestimmten Uhrzeit das volle Sortiment anbieten und am Ende des Tages landet vieles davon im Abfall. Dies wiederum beeinflusse die Erwartungshaltung des Kunden, mahnt der Bäckerverband. Die Folge: Die Verbraucher sind aufgrund des Überangebots – auch an TK-Aufbackwaren – an ständig vermeintlich frische Backwaren gewöhnt.

Umso mehr Filialen, umso mehr Brot bleibt übrig

Dabei sind frisch gebackene Brote eigentlich sehr lange haltbar. Eine aktuelle Untersuchung im Rahmen des Verbundprojekts REFOWAS (REduce FOod WASte) hat gezeigt, dass Brote jedoch häufiger in den Bäckereien übrig bleiben als Brötchen. Bei Brötchen sind es zwischen vier und rund 17 Prozent und bei Broten zwischen 15 und 18 Prozent, die am Ende des Tages noch in den Regalen liegen und dann meist in den Abfall wandern. Unterschiede macht die Untersuchung vor allem an der Betriebsgröße fest. So zeigen Einzelbetriebe mit nur einer Verkaufsstelle den geringsten Retourenanteil von 4,85 Prozent. Bei Betrieben mit sechs bis acht Verkaufsstellen liegt der Wert bei 18,5 Prozent und Betriebe mit 40 bis 60 Filialen haben einen Anteil von etwas mehr als elf Prozent.

Laut der REFOWAS-Forschung landen die „Reste“ aus den Bäckereien meist als Tierfutter in Schweinetrögen. Insgesamt sind es in Deutschland rund 1.650 Tonnen Backwaren täglich, die nicht verkauft werden. Die Untersuchung zeigt, dass in Deutschland jedes Jahr 4,9 Millionen Tonnen Backwaren produziert werden, wovon 1,7 Millionen Tonnen nicht verkauft und nicht gegessen werden und teilweise im Müll landen. Der Bäckerverband setzt sich deshalb dafür ein, dass Bäckereien nicht aufgrund vertraglicher Regelungen bis zum Abend das volle Sortiment vorhalten müssen. Er empfiehlt Betrieben, die Nachfrage der Kunden vor Ort zu beobachten und das Angebot daran anzupassen. "Es sollte keine Schande sein, wenn in einer Handwerksbäckerei bestimmte Brote abends nicht mehr erhältlich sind", teilt der Verband mit und ergänzt, dass dies eine notwendige Konsequenz eines ressourcenschonenden und abfallarmen Wirtschaftens ist.

Broten vom Vortag fehlt die Wertschätzung

Zudem müsse die Wertschätzung gegenüber Broten vom Vortag wieder hergestellt werden und Konsumenten sollten lernen, dass man altbackene Brote problemlos weiterverarbeiten kann. Im Internet bekommt man dafür vom Bäckerhandwerk ständig neue saisonale Rezeptvorschläge auf dem Portal innungsbaecker.de und auch Tipps für die perfekte Lagerung von Brot .

Außerdem weist Daniel Schneider darauf hin, dass sich die Verbraucher wieder stärker auf ihre Sinne verlassen sollten, wenn es um die Überprüfung der Haltbarkeit geht – und nicht nur auf Angaben wie ein MHD oder Ähnliches: "Wenn ein Lebensmittel noch produktspezifisch aussieht, riecht  und nach Verkostung einer kleinen Menge auch schmeckt, ist es noch nicht verdorben". So mache es übrigens auch die amtliche Lebensmittelüberwachung bei einer Überprüfung der Haltbarkeit.

Details der REFOWAS-Forschung zu den Retouren von Backwaren können Sie hier nachlesen.>>>

Mindesthaltbarkeitsdatum: Was dahinter steckt

Das MHD kein Verfallsdatum oder Ablaufdatum. Tatsächlich gibt das Mindesthaltbarkeitsdatum nur an, bis wann das ungeöffnete Lebensmittel seine spezifischen Eigenschaften mindestens behält, wenn es angemessen aufbewahrt wird. Das heißt: Wie lange Farbe, Geruch, Geschmack und Nährwerte genau so bleiben, wie an dem Tag, an dem es abgepackt wurde. Es geht aber auch um die Sicherheit, dass sich keine Mikroorganismen wie Keime in der Packung breitgemacht haben.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird von den Unternehmen in eigener Verantwortung vergeben. Doch dabei rechnen sie einen Puffer ein, um auf Nummer sicher zu gehen. So sind viele Lebensmittel auch nach Ablauf des angegebenen Datums noch genießbar.

Doch auf einigen Nahrungsprodukten gibt es anstelle des Mindesthaltbarkeitsdatums ein Verbrauchsdatum. Beides sollte man nicht verwechseln. Ein Verbrauchsdatum bekommen Lebensmittel, die leicht verderblich sind – zum Beispiel Hackfleisch oder frischer Fisch. Und hier kann im Unterschied zu den Waren, die nur ein MDH haben, nach Ablauf des Verbrauchsdatums eine Gesundheitsgefahr durch Keime entstehen.

Auf den Packungen einiger lange haltbarer Lebensmittel zum Beispiel Salz, Zucker und Essig – muss dank einer EU-Verordnung gar kein Mindesthaltbarkeitsdatum stehen.

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