Meinung -

Kommentar Motivation nicht ausbremsen

Das Potenzial junger Flüchtling kann Deutschland für sich nutzen. Doch dafür muss die Politik tätig werden. Denn Betriebe können sich zwar um eine gute Ausbildung kümmern - sich aber nicht stundenlang mit Behörden herumschlagen.

Natürlich kann Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen und natürlich kann ein Flüchtling aus Eritrea, Afghanistan oder Syrien nicht von heute auf morgen in einem Handwerksbetrieb einsteigen oder eine Lehre beginnen. Darum geht es auch nicht.

Es geht darum, jungen und motivierten Flüchtlingen mit realistischer Bleibeperspektive über eine Ausbildung die Möglichkeit zu geben, ihren Lebensunterhalt in Deutschland oder anderswo einmal selbst zu verdienen. Dies ist nicht nur aus humanitären Gründen geboten. Es ist auch wirtschaftlich sinnvoll.

Handwerksbetriebe haben es längst erkannt

Wenn allein im Handwerk zu Beginn des Ausbildungsjahres mehr als 25.000 Lehrstellen noch unbesetzt sind, wenn die Fachkräftelücke angesichts des demografischen Wandels in absehbarer Zeit noch größer wird, sollte man alles daransetzen, dass Flüchtlinge möglichst schnell eine passende Ausbildung bekommen. Sie stehen bereit. Allein unter den rund 218.000 Flüchtlingen, die in den ersten sieben Monaten dieses Jahres in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben, waren knapp 60.000 im Alter von 16 bis 25 Jahren.

So mancher Handwerksbetrieb hat dies schon längst erkannt. Sie lassen junge Flüchtlinge zur Probe arbeiten, sie bieten Praktika, Einstiegsqualifizierungen und Lehrstellen an. Selbst wenn das Asylverfahren noch nicht abgeschlossen oder der Bewerber nur geduldet ist, wagen sie den Schritt. Es gibt Mut machende Ansätze wie etwa der eines süddeutschen Handwerksbetriebes, der mit drei Ausbildungstandems von Deutschen und Flüchtlingen ins neue Lehrjahr startet.

Schnelle sprachliche Förderung wichtig

Klar ist aber auch, ein Handwerksmeister ist kein Sozialarbeiter oder Sprachlehrer. Ein Betrieb kann sich um eine gute Ausbildung kümmern, er kann im Team Zugehörigkeit vermitteln. Er kann sich aber nicht stundenlang mit Behörden herumschlagen. Hier ist die Politik gefragt. Der Aufenthaltsstatus eines Flüchtlings muss schneller geklärt werden. Asylverfahren müssen beschleunigt werden. Das heißt aber auch, dass der Ansturm aus den Westbalkan-Staaten ins deutsche Asylsystem gestoppt werden muss. Wenn die Spitzen der Koalition hier etwas ändern wollen, ist das der richtige Weg.

Wo auch immer junge Flüchtlinge herkommen, damit sie möglichst schnell eine Ausbildung beginnen können, sollten ihre Qualifikationen und Neigungen schnell geprüft werden und sie schnell sprachlich gefördert werden. Kurzfristig mag es Geld kosten – langfristig wird es sich auszahlen.

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