Halle (Saale) -

Neujahrsempfang von HWK und IHK Modern und mit einer Stimme

Die Handwerkskammer Halle und die IHK Halle-Dessau mahnen eine zeitgemäße Wirtschaftspolitik an. Die Sorgen der Unternehmen waren Thema zum gemeinsamen Neujahrsempfang der beiden Kammern.

Mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr anstoßen – das fällt vermutlich den Meisten ein, wenn sie an einen Neujahrsempfang denken. Doch die Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau (IHK) sowie die Handwerkskammer Halle nutzten die erste gemeinsame Veranstaltung in diesem Jahr, um offen zu formulieren, welche Sorgen regionale Unternehmer umtreiben und welche Probleme die Landespolitik angehen sollte.

Der Neujahrsempfang ist für die Thematisierung der Nöte gut gewählt, denn der Kammereinladung folgten nicht nur Unternehmer aus dem Handwerk, der Industrie und dem Handel. Auch zahlreiche Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker fanden am 8. Januar den Weg in die hallesche Georg-Friedrich-Händel-Halle.

Doch bevor Thomas Keindorf, Präsident der Handwerkskammer Halle, und Prof. Dipl.-Ing. Steffen Keitel, der neue IHK-Präsident, das Wort ans Publikum richteten, sprach Reiner Haseloff. Der Ministerpräsident bedankte sich bei den Unternehmen für die Steuereinnahmen 2018 – die höchsten, die Sachsen-Anhalt je hatte. „Das ist die Leistung Ihrer Unternehmen und Ihrer Mitarbeiter“, sagte Haseloff.

Die Arbeitslosenzahl habe im vergangenen Jahr einen Tiefststand, die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen mit rund 800.000 einen Höchststand erreicht. Der Ministerpräsident stellte aber Forderungen an die Wirtschaft. „Um Fachkräfte zu gewinnen, müssen die Konditionen stimmen“, so der CDU-Politiker. Auszubildenden müssten langfristig – auch über die Lehrzeit hinaus – Perspektiven gegeben werden, um sie an den Betrieb und ans Land zu binden.

Bürokratie belastet kleine Unternehmen

Thomas Keindorf thematisierte in seiner Rede politische Missstände wie etwa der Bürokratieaufwand für Unternehmen. Unabhängig davon, ob es sich um einen multinationalen Konzern mit einer Verwaltung oder einem Handwerksbetrieb mit fünf Angestellten handelt – beide müssen dieselben Auflagen erfüllen. Der Präsident der Handwerkskammer lobte zunächst, dass sich das Land Sachsen-Anhalt der Wirtschaftsperspektive angenommen habe, forderte aber konkrete Schritte. „Die kleinen Betriebe brauchen spürbare Ergebnisse. Wenn jeder Antrag mit mehrseitigen Anlagen, jede Zuweisung mit Paragraphen strotzenden Erläuterungen versehen sind, frustrieren gerade die kleinen Betriebe schnell“, sagte der 60-Jährige.

Den Neujahrsempfang nutzten die Handwerkskammer und IHK, um die Landesregierung für ihre Ausgabenpolitik zu kritisieren. Für 2019 gäbe es einen Rekordhaushalt, der zwar zum einen frühere Fehler korrigiert habe – etwa die nun größere Investition in Polizei, Schulen und Lehrkräfte. Zum anderen sollte – wie bei Unternehmen auch – überprüft werden, für welche Aufgaben wirklich noch Ausgaben eingeplant werden sollten.

Keindorf stellte in seiner Rede eine neue Idee vor, um den Rückgang der Unternehmerzahlen zu begegnen. Viele Fachkräfte würden den Weg in die Selbstständigkeit aufgrund des schlechten Images scheuen. „Zu oft werden in Deutschland Unternehmer, um das berühmte Churchill-Zitat zu verwenden, als blutrünstige Wölfe betrachtet, zu selten, als der Gaul, der den Karren Wirtschaft ziehen. Das müssen wir ändern“, so der Kammerpräsident. Keindorf schlug vor, das Thema Unternehmertum in den Lehrplan zu integrieren und erhielt dafür spontanen Applaus. Die Chance, auf offene Ohren zu stoßen, sei schließlich groß: „Da bei jungen Menschen die Frage nach der Selbstverwirklichung eigener Träume häufig ganz oben steht, kann selbstbestimmt zu arbeiten und ein Unternehmen zu gründen oder zu übernehmen eine gute Motivation für den Lebensweg sein.“

Wolfgang Bosbach wünscht sich Gelassenheit und Stolz

Als Festredner sprach Wolfgang Bosbach, der 23 Jahre lang für die CDU im Bundestag saß. Der 65-Jährige verstand es gekonnt, das Publikum mit einer Mischung aus gesellschaftlichen und politischen Statements, Fakten und Anekdoten zu fesseln. Von den Deutschen wünschte er sich mehr Gelassenheit und Stolz auf das eigene Land. Die Bundesrepublik sei seit ihrer Gründung politisch und wirtschaftlich stabil. „In 63 Jahren gab es Wirtschaftswachstum, in 6 Jahren Rezession“, rechnete Bosbach vor.

Für diese Stabilität bewundere man international Deutschland. Mit Blick auf Frankreich konstatierte das CDU-Mitglied, dass sich politische Verhältnisse schnell ändern könnten. Wie seine Vorredner Haseloff und Keindorf rief Bosbach dazu auf, die EU-Wahl am 23. Mai, bei der auch Kommunalvertretungen in Sachsen-Anhalt zur Abstimmung stehen, wahrzunehmen. Die Wahl solle gut getroffen, denn: „Wir sind nicht der Mittelpunkt der Welt. Wenn die EU scheitert, dann werden wir als Nationalstaat außenpolitisch marginal werden.“ Auch wenn er, der für seine kontroversen Positionen in Talkshows bekannt ist, kein Verfechter einer europäischen Zentralmacht sei, bräuchte Deutschland für wichtige Bereiche wie innere Sicherheit und Wirtschaftspolitik die EU.

Kreative Ideen zur Berufsorientierung ausgezeichnet

Keindorf und Keitel nutzen den Neujahrsempfang, um die Sieger des Wettbewerbs, den beide Kammern im vergangenen Jahr ausgeschrieben hatten, bekannt zu geben. Für ihre innovative und jugendgerechte Berufsorientierung sind acht Schulen aus dem südlichen Sachsen-Anhalt mit dem Förderpreis „BOF 5.000“ ausgezeichnet worden.

Mit insgesamt 5.000 Euro belohnen die beiden Kammern gelungene Ideen von Lehrern und Schülern, Jugendliche im Schulalltag mehr über duale Ausbildungsberufe erfahren zu lassen. Das Preisgeld soll dabei helfen, die betreffenden Projekte zu verwirklichen. Vier von acht prämierten Lehranstalten teilen sich Platz Eins: Jeweils 800 Euro gehen an die Schule für (H)alle, das Gymnasium Landsberg, die Sekundarschule Jessen-Nord und die Förderschule an der Lindenallee in Gräfenhainichen.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten