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Vorbildliche soziale Einstellung Mitarbeiter mit Asperger-Syndrom: Bei Schreinerei Regner funktioniert's

Julia Gall (26) hat eine gute Gesellenprüfung absolviert und ist seit August 2019 in ihrem Ausbildungsbetrieb, der Schreinerei Regner in Neusäß, als Junggesellin angestellt. Auf den ersten Blick ist dies keine Besonderheit. Doch Julia Gall hat ein Handicap. Die junge Frau leidet am Asperger-Syndrom, einer besonderen Form des Autismus.

Für Julia war es deshalb wie ein Lottogewinn, dass sie nach mehreren Anläufen einen engagierten und gleichzeitig verständnisvollen Ausbilder gefunden hat, der ihr die Lehre ermöglichte und durch gezielte Förderung entscheidend dazu beitrug, dass sie die Prüfung bestand. "Als Julia 2017 zu uns kam, merkte ich schon, dass ihr Verhalten sehr introvertiert war und sie einfach Angst vor Unvorhergesehenem hatte", erzählt Schreinermeister Stefan Regner. "Doch da ich vorher schon mehrere Auszubildende mit diversen anderen Schwierigkeiten erfolgreich zur Abschlussprüfung gebracht hatte, traute ich mir auch zu, Julia entsprechend zu fördern."

Erst nach der Probezeit erfuhr Regner, dass seine Azubine am Asperger-Syndrom litt. "Ich hatte zwar von dieser psychischen Krankheit gehört, aber bis dato keine Erfahrung damit gemacht." So beschäftigte sich der Schreinermeister intensiv mit dieser Erkrankung und stellte seine Ausbildung konkret darauf ein. "Für Julia ist es ganz wichtig, eine genaue Arbeitsplanung für den Tag zu haben. Überraschendes, Druck oder Stress kann sie nicht aushalten. Ihre veränderte Wahrnehmung erforderte auch spezielle Lernbedingungen. Eine Erklärung musste sehr häufig wiederholt werden, damit sie bei Julia ankam."

Dieser Mehraufwand kostete einiges an Zeit, aber Julia fasste Vertrauen und brachte neben handwerklichem Geschick auch weitere Talente wie Genauigkeit, Ordnung und Gewissenhaftigkeit mit. "Diese Vorzüge baue ich auch heute noch in unseren betrieblichen Alltag ein", ist der Schreinermeister stolz auf seine Gesellin. Sie ist inzwischen verantwortlich für das Magazin, das sie akribisch verwaltet, übernimmt kleinere Schreinerarbeiten und wird zunehmend selbständig. "Außenkontakte oder spontan auf die Baustelle schicken, das geht nicht", sagt Regner und spricht dann den schönen Satz: "Wirtschaftlich ist diese Beschäftigung sicher nicht, aber sie ist menschlich – und darauf kommt es mir an. Es geht nicht nur um Zahlen und das, was unterm Strich rauskommt. Es geht mir um die Menschlichkeit und, dass eine junge Frau mit Handicap ihren Platz findet."

Mit Handicaps kennt sich der Handwerksmeister aus. Stefan Regner (45) ist selbst seit 2010 durch eine chronische Erkrankung körperlich stark beeinträchtigt und zudem hat ein Brand im August 2019 Teile der Maschinen und des Inventars völlig zerstört.

Motiviert weiterzumachen

Trotz dieser Rückschläge lässt sich der Schreinermeister, der tatkräftig von seiner Frau unterstützt wird, nicht entmutigen. Zusammen mit seinen fünf Mitarbeitern arbeitet er für Privatkunden, öffentliche Einrichtungen und Firmen. Seine Kunden schätzen an dem Unternehmer seine Akkuratesse in der Ausführung der Arbeiten und seine Zuverlässigkeit. "Unser Betrieb wirft zwar keine Reichtümer ab, aber Erfolge wie mit Julia geben mir Auftrieb und Motivation, weiter zu machen", erklärt er. "Ich habe während meiner Krankheit so viel Hilfe und Unterstützung, gerade durch die Handwerkskammer bekommen, dass ich das einfach auch weitergeben möchte."

Für seine außerordentliche soziale Einstellung wurde Stefan Regner von der Stiftung Solidarisches Landvolk m it dem Förderpreis für nachhaltiges Engagement im ländlichen Raum ausgezeichnet.

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