Lebenswege -

Handwerksmeister feiert 100. Geburtstag Mit Schutzengeln durch Krieg und Diktatur

"Der Krieg war ein mächtiger Einschnitt ins Berufsleben", sagt Willi Herrler mit dem Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert. Der für sein hohes Alter ausgesprochen vitale Rentner bewältigt sein Leben noch weit­gehend ohne fremde Hilfe, weiß aber die Familie des Sohnes im selben Haus. Einkaufsmöglichkeiten gibt es im 1.000-Seelen-Ort Kropstädt längst nicht mehr, nur ein Bäckerwagen macht täglich Station. Sein Frühstück bereitet Willi Herrler selbst, das ist dem 100-Jährigen wichtig. Später geht er dann zu seiner 82-jährigen Lebensgefährtin, die ebenfalls im Ort wohnt. "Da machen wir es uns gemütlich."

Familienbetrieb wird in der DDR verstaatlicht

In seinem Arbeitsleben hat er es sich nie gemütlich gemacht. Gemeinsam mit seinem Bruder half er dem Vater, den Familienbetrieb nach dem Krieg wieder in Schwung zu bringen. Doch 1958 kamen "die Nötiger", wie Herrler die kommunistischen Parteibonzen nennt, die den letzten verbliebenen Privatbetrieb im Ort in die Verstaatlichung zwingen wollten. Zwei Jahre später mussten die Herrlers dem Druck nachgeben.

Zusammen mit einem Dachdeckerbetrieb ging ihre Firma in die PGH des Bauhandwerks Kropstädt auf. In solche staatlich gesteuerten Produktionsgenossenschaften des Handwerks wurden alle größeren Handwerksunternehmen gezwungen, lediglich Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten wurden in der DDR als Privatfirmen geduldet.

"Aber unser Vater meinte damals schon, das bleibt nicht so", sagt Willi Herrler, der in der PGH bis zum Alter von 67 Jahren als Betriebsleiter arbeitete. Als die Wende kam, war Willi Herrler längst im Ruhestand. Dass der Betrieb danach aufgelöst wurde, ärgert ihn trotzdem. Deshalb arbeitet er an einer Chronik, damit wenigstens etwas bleibt vom Baugeschäft Herrler in Kropstädt.

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