Lebenswege -

Handwerksmeister feiert 100. Geburtstag Mit Schutzengeln durch Krieg und Diktatur

Dennoch gelang es dem studierten Zimmerergesellen, nach seinem Wehrdienst 1934/35 noch zwei Meisterprüfungen zu bestehen, ehe der Krieg ausbrach. 1937 fertigt er in einem Wittenberger Baugeschäft eine viertelgewendelte Holztreppe, für die er den Meisterbrief im Zimmererhandwerk bekommt. Kurz vor seiner Einberufung im August 1939 hält er die Urkunde als Maurermeister in den Händen.

Berufslaufbahn vom Krieg jäh unterbrochen

Doch wie in so viele Biografien seiner Altersgenossen, so reißt der Krieg auch in die Berufslaufbahn von Willi Herrler ein Loch. So muss er als Pionier im Polenfeldzug mitmarschieren, die schreckliche Schlacht von Moskau überstehen und in Frankreich kämpfen. Nach einer Verwundung verbringt er das letzte Kriegsjahr, inzwischen im Range eines Oberfeldwebels, als Ausbilder in Brandenburg.

Wie die meisten Wehrmachtssoldaten versucht auch Willi Herrler gegen Kriegsende, sich nach Westen durchzuschlagen, um in amerikanische Gefangenschaft zu kommen. "Am 9. Mai haben wir zu viert aus alten Ölfässern ein Floß gebaut und sind bei Stendal über die Elbe geschippert." Aber schon am nächsten Tag werden sie zurückgeschickt.

"Über eine Ponton-Brücke ging es dann doch zu den Russen. Am nächsten Tag setzten sie einen Gefangenenzug in Marsch, Richtung Osten. Wohin es ging, weiß ich bis heute nicht", erinnert sich Willi Herrler. Denn schon in der ersten Nacht ist er in einem Wald mit zwei Kameraden getürmt. Nach zehn entbehrungsreichen Tagen und viel Glück steht er wieder vor seinem Geburtshaus. Ehefrau Irmgard, die er 1943 geheiratet hatte, wohnt mit der gemeinsamen Tochter im 15 Kilometer entfernten Blönsdorf.

Narbe aus Kindheit rettet vor schlimmen Folgen

In beiden Orten bleibt der Heimkehrer nicht unentdeckt, muss sich bei der russischen Kommandantur melden. "Bei den Verhören habe ich gesagt, dass ich gleich in Polen schwer verletzt worden bin. Zum Beweis habe ich die Narbe an meinem Arm gezeigt. Das haben die mir abgenommen", erzählt Herrler, der auf diese Weise vor einer möglichen Deportation verschont blieb. Und so kann er wieder ins väterliche Geschäft einsteigen, das zunächst Bahnschwellen für die Besatzungsmacht liefern muss.

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