Meisterstücke -

Staufrei: Fahrrad und Anhänger halten Städter mobil Mit Hinterher fährt Hornung voraus

Ein Zimmerer und Architekt beflügelt mit handwerklichem Können und geschicktem Marketing die Innenstadtmobilität – auch mit schwerem und sperrigem Gepäck.

Hinterher ist man immer klüger. Man kann hinterher sein, hinterherhinken, hinterherrennen oder hinterherfahren – so wie die Fahrradanhänger, die Peter Hornung entwickelt hat und die ihm inzwischen zur Lebensaufgabe geworden sind. Die Wortspiele, die der Begriff hinterher erlaubt, gaben den Ausschlag dafür, dass das neue Unternehmen des gelernten Zimmerers und Architekten diesen Namen bekam.

2013, im Jahr der Gründung von Hinterher, hat Hornung noch weniger als 30 seiner Anhänger verkauft. Im vergangenen Jahr waren es rund 1.000, bei einem Umsatz von einer halben Million Euro. Nach nur vier Jahren hat das Start-up aus dem Handwerk den überschaubaren Markt für Fahrradlastenanhänger von hinten aufgerollt und wird heute als Marktführer wahrgenommen.

Ausruhen auf dem Erfolg will sich Peter Hornung aber nicht. In diesem Frühjahr hat Hinterher deshalb noch einen Gang hochgeschaltet und mit Paletti seine jüngste Entwicklung vorgestellt. Der Prototyp eines Hubanhängers, mit dem Lasten von bis zu vier Zentnern auf Europaletten ins Schlepptau genommen werden können, wurde auf der Internationalen Handwerksmesse in München auf Anhieb mit einem Bundespreis ausgezeichnet.

Kein Wunder, bietet das Konzept doch einen Lösungsansatz für die gravierenden Verkehrsprobleme in den Innenstädten großer Metropolen. Dort drängen sich auf „der letzten Meile“ zum Kunden immer mehr Akteure – vom Pizzalieferdienst über die Paket- und Postzusteller bis hin zum Handwerker. Peter Hornung kann ein Lied davon singen.

Über viele Jahre hinweg hat der 52-Jährige im Münchner Glockenbachviertel seine kleine Möbelschreinerei „raw & fine“ betrieben. Aber die Zeit, die ihn Staus und Parkplatzsuche raubten, hätte er lieber sinnvoller verbracht. Zunehmend genervt, machte der Tüftler aus der Not eine Tugend.

Große Fangemeinde erobert

Eigentlich wollte der leidenschaftliche Radfahrer nur einen Hänger für sein Fahrrad kaufen. Aber das Angebot war mau. „In den meisten Fällen handelte es sich um ein klappriges Rohrgestell mit Stoffbespannung, für den harten Einsatz im Alltag eines Handwerkers völlig ungeeignet“, erinnert sich Peter Hornung. Sein Anhänger sollte aber nicht nur praktisch, sondern auch schick sein. Und sich wie ein Trolley von Hand ziehen lassen.

Schließlich entschloss sich Hornung, seinen eigenen Anhänger zu konstruieren. Innerhalb eines Jahres baute er fünf Prototypenserien, tastete sich mit jedem Exemplar seiner Wunschvorstellung entgegen. Dabei profitierte er von seinen langjährigen Erfahrungen im Umgang mit verschiedenen Werkstoffen und von seinen guten Kontakten zu benachbarten Handwerksbetrieben. Denn trotz seiner Ausbildung als Diplom-Ingenieur fühlt sich der gelernte Zimmerer immer noch im Handwerk zuhause.

Sein Architekturstudium an der TH München vermittelte ihm zusätzlich einen Sinn für Grafik und Design, für Fotografie und Präsentation. „Aber die Schule des Handwerks im Umgang mit Kunden, Zulieferern oder Kooperationspartnern war die Grundlage dafür, dass wir die ersten Schritte bis hin zur Vermarktungsstrategie aus eigener Kraft leisten konnten. Anders wäre es finanziell kaum möglich gewesen“, betont Hornung.

Über die Internetseite und den Facebookauftritt eroberte Hinterher schnell eine große Fangemeinde, vor allem dank seiner großen Flexibilität, die eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten eröffnet. „Wer vom Auto aufs Fahrrad umsteigen möchte, bekommt mit dem Hinterher einen Kofferraum“, sagt Hornung, der mitunter selbst vom Ideenreichtum seiner Kunden überrascht wird.

Hinterher: Fahrradhänger mit Kultstatus

Campinganhänger fürs Fahrrad

Immer wieder schicken ihm begeisterte Hinterher-Nutzer Bilder von ihren Touren. Da ziehen Abenteurer ihre Habseligkeiten durch die halbe Welt, transportieren Imker die Beuten aufs Feld oder Paddler ihre Boote ans Wasser, rollen Weihnachtsbäume, Leitern, Bierkisten, Holzstapel oder Hunde durch die Straßen. Ja sogar ein Campinganhänger fürs Mountainbike wurde auf Basis eines Hinterhers schon gebaut.

Hornung berichtet von Anfragen des Seismologischen Instituts der Schweiz, das mit dem Hinterher Messgeräte in die Berge transportiert, oder eines Koreaners, der bei der Durchquerung der Kalahari in Afrika 80 Liter Trinkwasser auf Rädern durch die Wüste beförderte. Oder von jenem jungen Mann, der bei seiner Reise mit dem Longboard nach Istanbul den Hinterher als Rikscha für den Transport über die Alpen nutzte. Längst bietet Hinterher seinen Anhänger auch als Selbstbaukasten an oder mit Tischbeinen, die den Anhänger mit wenigen Handgriffen in einen Campingtisch, Info- oder Marktstand verwandeln.

Strampeln gegen den Kollaps

Dass das Fahrrad wieder an Bedeutung gewinnt, hängt eng mit dem drohenden Verkehrskollaps zusammen, auf den viele Großstädte zusteuern. Zudem drohen Fahrverbote.

Unter diesen Vorzeichen drängt sich das Fahrrad als Alternative förmlich auf, zumal es immer öfter als Pedelec mit Elektroantrieb daherkommt, das sich für größere Lasten eignet. Im Modellprojekt „City2­Share“ setzt zum Beispiel der Paketdienstleister UPS radelnde Zusteller ein, die in München von drei Container-Depots aus die Kunden beliefern und dabei auch die großen Anhänger aus der Modellpalette von Hinterher einsetzen.

Wenn die Lasten noch schwerer werden, bietet sich der Paletti an. Peter Hornung hat bei seiner jüngsten Entwicklung bewusst auf jede Elektronik oder Hydraulik verzichtet. „Alles Mechanik, dafür wenig Wartung“, erklärt Hornung, dessen Team von zehn Mitarbeitern die Endmontage komplett selbst stemmt. Beliefert wird Hinterher von rund 50 Firmen aus der Region, nur die Lauf­räder stammen aus Italien.

Die fertigen Anhänger werden zu 70 Prozent in Deutschland verkauft, zehn Prozent gehen in die Schweiz, fünf Prozent nach Österreich. Weitere Kunden gibt es in anderen europäischen Ländern, zudem in Korea, Australien und Nordamerika. Einen solchen Erfolg hätte sich Peter Hornung vor ein paar Jahren nicht träumen lassen. Aber hinterher ist man ja immer klüger.

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