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Corona-Impfung Corona: Kältetechniker entwickelt mobiles Impfstofflager

Die ersten Covid-19-Impfstoffe sind zugelassen, doch sie stellen Logistiker vor Probleme. Die kostbaren Seren müssen bei minus 70 Grad gelagert werden. Ein Kältetechniker aus Sundern hat eine Lösung entwickelt, wie dies auch für große Mengen gelingt.

Ein LKW-Container voll von Covid-Impfstoff – noch ist das Zukunftsmusik; einerseits, weil es bisher noch gar nicht so viele Impfseren gibt, andererseits, weil die Stoffe äußerst empfindlich sind.

Bisher werden die bereits zugelassenen Impfseren in relativ kleinen Boxen transportiert, gekühlt durch Trockeneis. Dieses gefrorene CO2 geht ab einer Umgebungstemperatur von wärmer als minus 78,4 Grad Celsius in den gasförmigen Zustand über. Deswegen sind die Mengen im Transport stark limitiert, die Gefahr, an CO2 zu ersticken ist hoch. Auch Tiefsttemperatur-Kühlschränke, wie sie in der Chemie- und Pharmaindustrie verwendet werden, fassen maximal 700 Liter – zu geringe Mengen für das, was an Impfseren in den kommenden Wochen und Monaten gebraucht wird.

Große Lager mit Tiefsttemperatur fordern Spezialwissen

Die Anforderungen an große Tiefsttemperaturlager sind hoch. "Es gibt vielleicht drei oder vier Betriebe in Deutschland, die das überhaupt können", sagt Heribert Baumeister, Obermeister des Bundesinnungsverbands des Deutschen Kälteanlagenbauerhandwerks.

Einer davon ist L&R Kältetechnik aus Sundern im Sauerland. Das 140 Mann starke Team kennt sich aus mit extremen Temperaturen. Von minus 120 bis plus 350 Grad reicht das Spektrum des von Burkhard Rüßmann (Meister im Kälteanlagenbauerhandwerk) geführten Handwerksunternehmens. Zu den Kunden aus der ganzen Welt zählen Logistiker, Pharmaindustrie, Krankenhäuser und sogar namhafte Fußballvereine, die ihren Spielern per Tiefsttemperatur zu noch mehr Leistung verhelfen wollen.

Corona-Impfstoffe

Der Bedarf an Tiefstemperaturlagern ist aufgrund der schieren Zahl der weltweit benötigen Impfdosen enorm. Um eine Pandemie zu stoppen, müssen laut Robert-Koch-Institut (RKI) 70 Prozent der Bevölkerung immun gegen einen Erreger sein. Jeder Geimpfte bekommt im Abstand von 21 Tagen zwei Gaben.
Derzeit arbeiten Forschende an mehr als 150 möglichen Impfstoffen, von denen einige beispielsweise in China, Russland, den USA, Großbritannien und Israel bereits zugelassen sind und verimpft werden. Eine Variante davon sind Impfstoffe, die nach dem mRNA-Prinzip arbeiten, so auch die Entwicklung von Biontech Pfizer, die in der EU zugelassen wurde. Diese Impfstoffe haben den Vorteil, dass sie sich in relativ kurzer Zeit in großen Mengen herstellen lassen. Ihr Nachteil ist die Empfindlichkeit: Sie bedürfen extremer Tieftemperaturen.
Um die Stoffe korrekt lagern zu können, haben die Länder Impfzentren aufgebaut. Dies haben neben der einfacheren Lagerung laut RKI auch den Vorteil, dass angefangene Chargen wegen der erwarteten hohen Patientezahlen schneller aufgebraucht werden können, so dass keine Seren ungenutzt verfallen.
In Deutschland sollen die Impfungen unmittelbar nach Weihnachten beginnen.

Christoph Wiemer, gelernter Elektrotechniker und studierter Versorgungstechniker, leitet in dem Unternehmen den Sonderanlagenbau und hat derzeit viel zu tun. "Sobald wir wussten, dass die Impfstoffe Tiefsttemperaturen brauchen, haben wir angefangen, eine Container-Lösung zu entwickeln", berichtet er. Vor zwei Wochen habe er Angebote an Logistiker, Flughäfen und Verteilzentren herausgeschickt und es kämen viele Anfragen. Ein Prototyp der 150- bis 250.000 Euro teuren Container wird Mitte Januar fertig sein.

Standard in den 20 beziehungsweise 40 Fuß (entspricht gut sechs beziehungsweise zwölf Metern Länge) langen Containern wird eine strombasierte Luftkühlung sein. Dieselbetriebene Stromaggregate sorgen unterwegs für die nötige Energie. An Ort und Stelle genügt eine Steckdose.

Die Metallwände der Container isoliert das Team mit 160 Millimeter starkem PU-Schaum, der wiederum mit Edelmetall verkleidet wird. "Denn natürlich muss alles den Anforderungen an die Reinraumtechnik entsprechen", erläutert Wiemer.

Um keine Risiken für die kostbaren Impfstoffe einzugehen, gibt es alle technischen Systeme in doppelter Ausführung. Fällt ein Kältekreislauf oder eine Systemsteuerung aus, schaltet die Anlage automatisch auf das zweite System um.

Schleuse mit kuscheligen minus 20 Grad Celsius

Eine "Schleuse" im inneren des Containers mit vergleichsweise geringen minus 20 Grad Celsius dient zum Vorkühlen und Entfeuchten der Luft. Wer den Impfstoff entnehmen will, betritt zunächst diese Schleuse und dann den Tiefsttemperaturbereich. "So vermeiden wir, dass warme Luft und Feuchtigkeit in den minus-80-Grad-Bereich eindringen und die Anlage vereist", erläutert Wiemer.

Zum Betreten der Anlage bedürfe es ganz normaler Schutzkleidung. "Da die Luft extrem trocken ist, fühlt sich die Kälte gar nicht so schlimm an“, beruhigt Wiemer. Im Gegenteil: In der Medizin, zum Beispiel der Rheumatherapie, würden noch tiefere Temperaturen – minus 110 Grad – genutzt, um die Beschwerden der Patienten zu lindern. Auch diese Anlagen baut der Betrieb.

Minus 80 Grad, gar nicht so kalt

Zur Sicherheit des Impfpersonals gebe es eine Totmann-Schaltung im Innenraum des Containers, die alle paar Minuten gedrückt werden müsse; sonst werde Alarm ausgelöst. "Und wir empfehlen auch, dass nie jemand einzeln die Schleuse betritt", fügt Wiemer hinzu.

Auch in Gebäuden lasse sich eine solche Anlage einbauen. "Aber für den Moment war es uns wichtig, dass man die Anlage an einen LKW hängen kann, so dass der Impfserumhersteller sie vor Ort belädt und sie dann direkt zum Flughafen oder zur Impfstation gebracht werden kann" beschreibt Wiemer.

Der Betrieb steht in den Startlöchern für die Produktion. "Ab Auftragseingang brauchen wir acht bis zehn Wochen bis zur Auslieferung."

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