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Handwerker stellen auf der Expo in Shanghai aus Ming-Drachen made in Deutschland

Katja Wiedemann, Martin Deggelmann und Jan Beyer zeigen zur Expo in Shanghai die Leistungsfähigkeit und Kreativität des Handwerks. Von Ulrich Steudel

Zum Abschluss seiner Wanderjahre, die ihn durch die Schweiz, Schottland, Norwegen und Rumänien führten, wollte sich Jan Beyer noch einen Höhepunkt gönnen. Seine Walz sollte in China ausklingen. Den Fahrschein für die Transsibirische Eisenbahn hatte der junge Tischlergeselle schon in der Tasche, da eröffnete ihm seine damalige Freundin und heutige Frau Martina, dass sie schwanger ist. Jan Beyer blieb in seiner sächsischen Heimat, gründete eine Familie und mit dem Meisterbrief in der Tasche einen Handwerksbetrieb. 15 Jahre später wird sein Traum vom Arbeiten im Fernen Osten nun doch noch in Erfüllung gehen.

Zukunft trotz Tradition

Jan Beyer, Inhaber der Tischlerei Artefakt in Dresden, gehört zu den drei Auserwählten, die im Rahmenprogramm der Weltausstellung Expo in Shanghai die Leistungsfähigkeit und Kreativität des deutschen Handwerks demonstrieren sollen. Zusammen mit ihm werden die Porzellanmalerin Katja Wiedemann aus Berlin und der Karosseriebaumeister Martin Deggelmann aus Forstern bei München den Besuchern nicht nur außergewöhnliche Exponate ihres Schaffens zeigen, sondern selbst zum Werkzeug greifen. Was die drei Praktiker eint, ist ihre Einstellung zum jeweiligen Beruf. Alle drei streben in ihrem Gewerk nicht nur nach handwerklicher Perfektion, sondern verknüpfen dies mit hohen ästhetischen Ansprüchen an die Gestaltung. Und alle drei verstehen es, traditionelle Techniken zukunftsfähig zu machen.

Einen möglichen Schlüssel zum Erfolg hat Katja Wiedemann gefunden und vor zweieinhalb Jahren die Firma Berlindecor gegründet. Das Einzelunternehmen gestaltet und fertigt exklusive Tischwäsche, Dekorfliesen, Stoffe, Lampenschirme, Tapetenbordüren und vieles mehr.

Die Motive für ihre Kollektionen malt Wiedemann selbst. Ihre vierjährige Ausbildung an der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen kommt ihr dabei zugute. "Ich möchte diese alte Handwerkskunst ins neue Jahrtausend retten. Das geht nur mit Beschleunigung", weiß Wiedemann. Sie nutzt die Möglichkeiten der Digitalisierung, um ihre zeitaufwändige Malerei zu einem bezahlbaren Preis anbieten zu können.

Das Handwerk hatte die gebürtige Leipzigerin als Berufswunsch zunächst gar nicht im Auge. Die künstlerisch begabte Schülerin wollte Malerei studieren. Doch das blieb ihr im Arbeiter- und Bauernstaat verwehrt. So folgte sie dem Rat ihres Zeichenlehrers, bewarb sich an der international anerkannten Schule in Meißen und meisterte mit Erfolg das strenge Auswahlverfahren. Bis zum Mauerfall 1989 blieb Wiedemann an der Porzellanmanufaktur, dann ließ sie sich in Berlin nieder, fand am Prenzlauer Berg das geeignete Umfeld für ein Auskommen als freiberufliche Künstlerin. "Nach den Jahren der filigranen Porzellanmalerei wollte ich jetzt möglichst große Bilder malen", erinnert sich Wiedemann, die inzwischen wieder zu ihren beruflichen Wurzeln zurückgekehrt ist, ohne in Vergangenheit zu schwelgen. Vielmehr hat sie ihrem Handwerk eine neue Facette abgewonnen, es quasi ins digitale Zeitalter transferiert.

Bleche in jeder Biegung

Nichts anderes ist auch Martin Deggelmann gelungen. Zwar erwirtschaftet sein Unternehmen Martelleria immer noch einen beachtlichen Teil seines Umsatzes mit der Restaurierung von Oldtimern. Doch dank CAD-Technik bauen gerade namhafte Architekten, aber auch Künstler zunehmend auf die hohe Kunst des Blechformens. Und wer sie so gut beherrscht wie Deggelmann und seine Mitarbeiter, ist bei den anspruchsvollen Bauwerken der Moderne ein gefragter Partner. Bestes Beispiel dafür ist das jüngste Projekt, das Martelleria im neuen Forschungsgebäude der Universität Ulm umgesetzt hat – eine neun Meter hohe Skulptur in Form eines stilisierten Tropfens, der sich von der Decke in den offenen Treppenraum windet. Allein die Außenhaut aus drei Millimeter dickem Aluminiumblech wiegt 160 Kilogramm, weitere 220 Kilogramm bringt die Formlehre auf die Waage, die gleichzeitig als tragende Unterkonstruktion dient.

Virtuelles wird real

Um die virtuellen Entwürfe der Künstler Martin Schmid und Bernhard Kahrmann in die Praxis zu übertragen, wurde bei Martelleria zunächst ein maßstabgerechtes Modell erstellt. Dabei bedienten sich die Handwerker der Stereolitografie, eines Verfahrens, bei dem aus einer 3D-Computersimulation reale Musterteile entstehen. Für die Außenhülle der Skulptur wurden dann 63 Bleche mit einem Kraftformer gewölbt, verschweißt und die gesamte Oberfläche von rund 25 Quadratmetern auf Hochglanz poliert.

Um solch außergewöhnliche Herausforderungen wie für die "Kunst am Bau" der Uni Ulm, den Kupferblechtunnel als Eingang des Kruisherenhotels in Maastricht oder die neue Messe in Mailand meistern zu können, hat Martin Deggelmann jahrelang Berufserfahrungen gesammelt. Schon während der Lehre zum Kfz-Mechaniker in seiner Heimatstadt Konstanz hat ihn vor allem die Karosserieabteilung fasziniert, so dass er gleich noch eine zweite Ausbildung anhängte. Mit 25 hatte er die Meisterprüfung als Karosseriebauer bestanden, um die nächsten Jahre in namhaften Werkstätten der Oldtimerszene sein Können zu vervollkommnen.

Ferrari als Vorbild

Bei der Restaurierung historischer Fahrzeuge und dem Bau von Designstudien für Prototypen der Autoindustrie hat Deggelmann vor allem die Formensprache italienischer Autoschmieden wie Ferrari oder Maserati schätzen gelernt. Als er 1994 seine eigene Werkstatt gründete, wählte er als Referenz an seine Vorbilder ein Kunstwort als Firmenbezeichnung, das die italienischen Begriffe für Hammer (martello) und Karosserie (carrozzeria) zu Martelleria zusammensetzt.

Herzstück der Werkstatt, die vergangenes Jahr in eine größere Produktionshalle umgezogen ist, sind die Kraftformer der Marke Eckold. "Die Maschinen ermöglichen das Umformen von Blechen, Rohren und Profilen ohne Wärmeeinwirkung“, beschreibt der Schweizer Hersteller seine Produkte. Einen dieser Kraftformer stellt die Eckold AG aus Chur in Shanghai zur Verfügung, so dass Martin Deggelmann dem chinesischen Publikum sein Können als Blechformer unter Beweis stellen kann.

Faszination ohne Feng-Shui

Tischlermeister Jan Beyer hat Hobelbank und Werkzeug ebenfalls schon verschifft, damit er vor Ort seine Art der Holzbearbeitung demonstrieren kann. Ähnlich wie bei Metallhandwerker Deggelmann werden auch Beyers Arbeiten von ihrer außergewöhnlichen Formensprache geprägt. Dabei lässt sich der Sachse von den runden, organischen Strukturen leiten, denen der natürliche Rohstoff seiner Möbel beim Wuchs gefolgt war. So entstehen hochwertige Unikate mit geschwungenen Linien. Auch wenn das vordergründig nichts mit Feng-Shui zu tun hat, den Chinesen wird es gefallen.

Staunen werden sie zudem über die Begabung von Katja Wiedemann. Asiatische Motive gehörten zur Ausbildung der Zeichenschule in Meißen. Wahrscheinlich kann kein Chinese so filigrane Ming-Drachen malen wie die Kunsthandwerkerin aus Deutschland.

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