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TV-Kritik: HR - "Hessenreporter" zum Schweine schlachten Metzger-Reportage: Drastische Bilder, aber wenig Tiefgang

Wenn sich Reporter hinaus ins echte Leben begeben, wird es meist spannend. Eine junge Journalistin des Hessischen Rundfunks wagte sich jüngst in einen Betrieb, der von der Futtermittelherstellung bis zur Schlachtung und Verarbeitung des Schweinefleischs alles selbst macht. Heraus kamen zwar realistische, aber auch in Art und Umfang sehr drastische Einblicke , die zu wenig tiefgreifenden Erkenntnissen gegenüberstanden.

Die Warnung ist durchaus angebracht. Wer "den Part" - gemeint ist die Ansicht der Schlachtung eines Schweins -, der von vielen Menschen gerne ausgeblendet werde, nicht sehen möchte, solle entweder online vorspulen oder sich im klassischen Fernsehen kurz was zu trinken holen, sagt Reporterin Anne Katrin Eutin nach gut zehn Minuten der halbstündigen Reportage in die Kamera. Und es folgen in der Tat recht deutliche Bilder, auf denen das Schwein mit der Stromzange zuerst betäubt und dann sein Herz zum Stillstand gebracht wird, ehe es kopfüber ausblutet. Da kann dem Zuschauer der Appetit auf Fleisch und Wurst durchaus mal kurzzeitig vergehen.

Ins Nachtprogramm verschoben

"Schweine schlachten" hieß die Ausgabe der Reportagereihe "hessenreporter" des HR, in der sich die Reporterin in der Schlachterei Reinhardt von Eric Sippel in Nordhessen, einem Betrieb, der die Schweine züchtet, schlachtet, verarbeitet und die Fleisch- und Wurstwaren verkauft, allem Anschein nach recht frei umsehen durfte. Der etwas plump wirkende Titel der Sendung lautete übrigens bis ein paar Tage vor Ausstrahlung noch "5 Tage beim Schweinebauern" und wurde offenbar kurzfristig geändert, genau wie die Sendezeit, die von ursprünglich 21.45 Uhr auf 22 Uhr ins Nachtprogramm verschoben wurde, also in die Zeit, in der Sendungen mit einer Freigabe ab 16 Jahren laufen dürfen. Zwei richtige Entscheidungen, denn "Schweinebauer" klang wohl zu sehr nach grüner Wiese und zu wenig nach Schlachtung und Verarbeitung der Tiere - und die Bilder waren durchaus drastisch und kleineren Kindern nicht unbedingt zu empfehlen.

Zu viel Blut

So sah der Zuschauer nach zehn Minuten Vorgeplänkel während der restlichen 20 Minuten nicht weniger als vier Schweine durch Menschenhand ihr Leben verlieren, was, wie zurecht von der Reporterin betont wurde, wichtig für das Verständnis der Herkunft unserer Fleischwaren ist, aber dann doch arg in eine recht blutige Richtung ausartete. Eine einzige Schlachtung in deutlichen Bildern hätte völlig gereicht. Etwas zu heftig ritt die Reporterin auch auf den Gefühlen des Sohns des Betriebschefs, Markus Sippel, der die Schlachtungen durchführt, herum. Ob er denn "gerne" schlachte, fragte sie ihn etwa, wie es ihm dabei gehe. Auch die Sprache der Sendung kam an einigen Stellen zu hart rüber, etwa wenn der auf die Ankunft des Schweins im Schlachthaus wartende Metzger als "Todesengel" bezeichnet wurde - der falsche Ton, wenn es um Menschen geht, die ihre Arbeit verrichten. Und auch wenn der junge Mann betont routiniert und bedacht seiner Arbeit nachging und ruhig agierte - die ganze Darstellung war immer ein ganzes Stück drüber und zu effektheischend, zumal durchaus auch andere Aspekte hätten angerissen werden können.

Zu wenig Tiefgang

Die Sorgen des Lebensmittelhandwerks etwa, die Konkurrenz durch Discounter, die Themen Betriebsübergang, stressige, mit Arbeit vollgepackte Wochen und Wochenenden - all das kam zwar vor allem in den ersten Minuten der Reportage durchaus vor, erreichte aber kaum Tiefgang. Lediglich ein paar Zahlen rund um den Fleischkonsum gleich zu Beginn der Sendung, sowie die Vorlieben der Verbraucher auf dem Wochenmarkt, die das Fleisch und die Wurst der Schlachterei Reinhardt kaufen, weil es aus regionaler Quelle kommt und gut schmeckt, kamen etwas umfangreicher zur Sprache. Die Menschen auf dem Markt wirkten dabei indes wie bedachte Verbraucher, nicht wie Leute, denen es egal ist, woher ihr Fleisch kommt und unter welchen Umständen es hergestellt wird. Und auch die Reporterin erwähnte verdienstvollerweise mehrmals, dass es den Tieren der Sippels zwar nicht wie auf dem Biohof, aber dennoch besser gehe als vielen anderen, dass die Schlachtungen nicht nur ordnungsgemäß, sondern sogar in einer verantwortungsvollen Art, die das Leid der Tiere so gut es geht verringere, durchgeführt werden - etwa mit dem Stromstoß am Herz, um das Tier schon vor dem eigentlichen Ausbluten zu töten.

Eine Schlachtung jagt die nächste

Doch all das stand zu sehr im Gegensatz zu den harten Bildern, als dass sich in den Köpfen der Zuschauer so etwas wie ein erweiterter Erkenntnisgewinn hätte ausbilden können. Stattdessen jagte, zumindest gefühlt, eine Schweineschlachtung die nächste, ganz am Schluss wurde sogar ein Schwein, dem Bauern, die bei Sippels schlachten lassen, einen Namen gegeben haben, geschlachtet. "Wutzi" sollte eigentlich von der Reporterin, wie sie sagt, "ins Jenseits befördert" werden, doch am Ende musste der Junior des Schlachtbetriebs selbst tätig werden, weil sie es nicht übers Herz brachte. Das ist für Menschen, deren Arbeit es eben nicht ist, das Fleisch, das die Deutschen so gerne essen, herzustellen, sicher nachvollziehbar. Die bevorstehende Schlachtung des Tieres als "Auftragsmord" zu bezeichnen und die anschließende Zerteilung als "Massaker", wirkte in dem Kontext allerdings deplatziert und nahm der Sendung einiges an Glaubwürdigkeit.

So blieben beim Zuschauer am Ende vornehmlich die Bilder der Schlachtungen hängen, die die anderen Aspekte verdrängten. Natürlich ist es wichtig, auch solche Bilder zu zeigen, denn Fleisch und Wurst kommen nun einmal von Tieren, die dafür erst geschlachtet werden müssen. Einer wirklich offenen Auseinandersetzung ist diese Art der allzu drastischen Darstellung allerdings sogar abträglich. Denn die Nachfrage nach Fleisch ist da, und Betriebe wie der in dieser Reportage gezeigte gehören zu denen, die bei der Haltung kein Schindluder treiben, sich um ihre Tiere kümmern und bei denen der Verbraucher noch gute Qualität enthält - im Gegensatz zum 99-Cent-Hack beim Discounter.

Der schmale Grat zur unfreiwilligen Komik

Und wenn es dann ganz am Ende der Sendung noch hieß, die Reporterin wolle "Wutzi" nicht essen, aber auch erst mal sehen, wie lange sie das schaffe, und dass sie deshalb "ein Stück Wutzi mitgenommen" habe, während die Kamera über zahllose Würste schwenkte, dann war der Grat zur unfreiwilligen Komik ganz, ganz schmal - und das passte ebenfalls so gar nicht zu den zuvor gezeigten Bildern.

>>Link zur Sendung <<

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