Gesundheit -

Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck: Ein dickes Problem Die Deutschen essen sich krank

Fast die Hälfte der Deutschen will sich gesund ernähren, Food-Blogs sind der absolute Renner, für viele wird Ernährung zur Ersatzreligion. Und trotzdem steigt die Zahl der Menschen mit Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen immer weiter zu. Dabei können auch Handwerker gegensteuern, zeigt unser Beispiel.

Deutschland hat ein dickes Problem. Nach Angaben der gerade erschienenen Ernährungsstudie "Iss was, Deutschland." der Techniker Krankenkasse (TK) sagt fast jeder zweite Erwachsene von sich, dass er Übergewicht habe. Acht Prozent bezeichnen sich selbst als stark übergewichtig.

Damit geben sich die Menschen in Deutschland wohl noch zu gute Figurnoten. Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig sind. Fast ein Viertel der Erwachsenen sei stark übergewichtig, also adipös. Allein die TK verzeichnete 2016 fast 700.000 Arztbesuche sowie knapp 130.000 Klinikaufenthalte mit der Diagnose Adipositas.

Ob man Übergewicht hat, lässt sich mit dem Body-Maß-Index ermitteln, bei dem das Gewicht durch das Quadrat der Körpergröße in Metern geteilt wird. (hier geht es zu einem BMI-Rechner).

Übergewicht verursacht Herz-Kreislaufprobleme

Diese Werte alarmieren, denn mit dem Übergewicht gehen Zivilisationskrankheiten einher, die immer mehr Todesopfer fordern. Fast 40 Prozent der Sterbefälle gingen im Jahr 2014 auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück, besagt die TK-Studie. Entsprechend der höheren Raten an übergewichtigen Männern sterben auch mehr Männer an den Folgen eines Herzinfarkts (57 Prozent der mehr 50.000 Betroffenen).

Auch die Zahl der Diabetiker steigt seit Jahren. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren im Jahr 1980 noch 108 Millionen betroffen, im Jahr 2014 schon 422 Millionen. In knapp 35 Jahren hat sich der Wert also fast vervierfacht. Nach Angaben der TK-Studie leiden 15 Prozent der Menschen in Deutschland an Stoffwechsel-Störungen. Jeder vierte soll von Herz-Kreislauf-Beschwerden betroffen sein.

Je älter der Mensch und je niedriger sein Bildungsgrad, desto häufiger treten Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf, stellt die TK außerdem fest. Mehr als ein Drittel der Menschen mit Volks- oder Hauptschulabschluss (37 Prozent) hat demnach Probleme mit Blutdruck oder Kreislauf. Unter den Abiturienten sind es nur 17 Prozent. Stoffwechselkrankheiten treten nur bei sieben Prozent der Menschen mit Abitur auf, aber bei 20 Prozent der Menschen mit einfachem Schulabschluss.

Lebensstil- und Zivilisationskrankheiten nehmen zu

Bei all diesen Krankheiten spielt der Lebensstil eine große Rolle. Es geht nicht nur um Ernährung, sondern auch darum, wie viel man sich bewegt. Eine aktuelle Studie des australisch-neuseeländischen Hochschulverbunds zeigt, dass auch wenig Sport viel bewirkt. Schon ein bis zwei Sporteinheiten pro Woche senken demnach das Sterberisiko infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs um rund 40 Prozent.

Doch anstatt ihre Ernährung umzustellen und sich mehr zu bewegen, setzen zu viele Menschen auf die Medizin: "Lebensstilbedingte Erkrankungen medikamentös zu behandeln erscheint vielen Menschen als der vermeintlich leichtere Weg", stellt TK-Chef Baas fest. Im Schnitt erhielt laut TK-Gesundheitsreport jede Erwerbsperson 2016 Herz-Kreislaufpräparate für drei Monate. Insgesamt sei das Volumen seit 2000 um 80 Prozent gestiegen.

Gesunde Nahrung auch auf der Baustelle

Dass es anders geht, auch im Alltag eines Handwerksbetriebs, zeigt die Glaserei Gastel in Aidlingen im Raum Stuttgart. Obwohl die Mitarbeiter normalgewichtig waren, wollte Marion Gastel etwas für deren Gesundheit tun. "Es ist schwierig für die Männer, auf eine gesunde Ernährung zu achten, wenn sie den ganzen Tag auf der Baustelle sind“, erklärt die Unternehmerfrau.

Sie holte sich Hilfe von außen, eine Ernährungsberaterin ihrer Krankenkasse kam in den Betrieb. Seither stellt die Chefin regelmäßig Gemüsesticks für die drei Mitarbeiter und ihren Ehemann hin. Kleine Wasserflaschen sollen ans Trinken erinnern. "Sonst lassen sie das weg, auch, weil sie vermeiden wollen, beim Kunden zur Toilette gehen zu müssen“, nennt sie ein Problem, das viele Handwerker kennen.

Niemandem Ernährung überstülpen

Wie gesunde Ernährung aussieht, ist bekannt: wenig Zucker, bewusster Umgang mit Fetten, dafür mehr Obst, Gemüse und Vollkornprodukte. Dennoch stülpt Diplom-Ernährungswissenschaftlerin Uta Paproth-Jesinger niemandem etwas über. "Wir entwickeln mit den Beteiligten Strategien, wie sie sich im betrieblichen Alltag besser ernähren können“, beschreibt die Gesundheitsberaterin der IKK classic das Vorgehen beim betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Weltweit steigt die Übergewichtsrate rasant an, mit entsprechenden Folgen. Nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Folge, auch bestimmte Krebsarten – bei Frauen Brustkrebs und Gebärmutterkarzinom, bei Männern Darm- und Nierenkrebs – können auf Übergewicht zurückgeführt werden. Typ-2-Diabetes, der früher „Altersdiabetes“ genannt wurde, ist inzwischen eine Volkskrankheit, die selbst bei Kindern auftritt.

Auch ein Mitarbeiter der Glaserei Gastel bekam vom Arzt einen Warnschuss. Er hatte erhöhte Blutzuckerwerte, eine Vorstufe von Typ-2-Diabetes, die aber nicht spürbar ist. "Bei ihm hat es Klick gemacht, er hat  komplett umgedacht und konnte die Krankheit aufhalten“, berichtet Marion Gastel.

Bewegung ist unersetzlich

Nur die Ernährung umzustellen, genügt nicht. Die Menschen der Industrienationen bewegen sich zu wenig – auch Handwerker, selbst wenn sie körperlich arbeiten."Diese Art der Bewegung ist zu einseitig“, warnt Beraterin Paproth-Jesinger.

Obwohl es schwerfällt, nach Feierabend Sport zu treiben, braucht der Mensch den Ausgleich. Auch die Weltgesundheitsorganisation bestätigt: 150 Minuten mittelintensiver sportlicher Betätigung pro Woche reduzieren das Risiko für Herzgefäßkrankheiten um 30 Prozent, das Risiko für Diabetes um 27 Prozent und das für Brust- oder Darmkrebs um bis zu 25 Prozent.

Das Ehepaar Gastel ermuntert seine Mitarbeiter deswegen zu mehr Bewegung. Wer möchte, bekommt von der Firma einen Zuschuss zum Fitnessstudio. Diese Ausgaben und auch die Mehrarbeit für die gesunde Brotzeit der Mitarbeiter nimmt Marion Gastel gerne in Kauf: "Das ist das Kraftpotenzial unserer Leute.“

Dieser Artikel wurde am 30. Januar 2017 aktualisiert.

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten