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TV-Kritik: Wiso Meisterpflicht für Fliesenleger: ZDF-Magazin mit Pro und Contra

Das ZDF-Magazin "Wiso" stand am Montag ganz im Zeichen der Fliese. Zunächst zeichnete die Redaktion den weiten Weg spanischer Fliesen in Richtung Deutschland nach – ein mäßig interessanter Beitrag. Deutlich eindrucksvoller war indes der Einblick in die Realität des Fliesenlegerhandwerks, das noch immer an der Aufhebung der Meisterpflicht leidet und jetzt auf die Politik hofft.

Die Anmoderation sollte wohl eine Art Scharnier zwischen den beiden Beiträgen rund um das Thema Fliesen und Fliesenleger darstellen, wirkte aber etwas bemüht. Gerade war gezeigt worden, wie Fliesen aus Spanien in einer dreitägigen Fahrt ihren Weg nach Deutschland finden. Die interessanteste Feststellung des Beitrags war noch, dass neben Spanien auch Italien und die Türkei die wichtigsten Herkunftsländer für Fliesen sind, der Markt in Südeuropa boomt und die Herstellungsprozesse automatisiert sind.

Wenn die schönen spanischen Fliesen an die Wand sollen, hieß es also in der Moderation des ZDF-Wirtschaftsmagazins "Wiso", dann müssten die Fliesenleger ran. Doch einen zu bekommen, sei gar nicht so einfach, denn es herrsche Fachkräftemangel. So weit, so bekannt. Doch schon die folgenden Sätze ließen aufhorchen, zeigten sie doch, dass hier nicht die alte Leier vom unpünktlichen, unfreundlichen Handwerker zu erwarten war. Gründe für die aktuellen Probleme seien vor allem die offenen Grenzen in Europa, aber andererseits auch die Aufhebung der Meisterpflicht im Jahr 2004 – das machte Hoffnung auf tiefere Einblicke.

Mehr Betriebe, weniger Azubis, Preisverfall

Und in der Tat, was Karl-Hans Körner in dem Beitrag erzählte, hatte Hand und Fuß. 1985 übernahm er nach Lehre, Gesellen- und Meisterprüfung den Betrieb von seinem Vater, bald übernimmt Sohn Philip seinerseits das Geschäft. Körner, auch Mitglied des Vorstandes des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, kommt in seinem Unternehmen - wie viele andere - mit den Aufträgen kaum hinterher und macht dafür den Fachkräftemangel verantwortlich. "Wir finden keine qualifizierten Mitarbeiter mehr, die Ausbildungssituation ist nach Wegfall der Meisterpflicht sehr schwierig geworden, und unsere Lehrlingszahlen haben sich halbiert", sagt Körner.  Die Zahl der Fliesenlegerbetriebe, zeigte eine Grafik eindrucksvoll, sei zwar seit 2004 von 12.000 auf 75.000 gestiegen, doch zwei Drittel der neuen Betriebe seien aufgrund der Niederlassungsfreiheit innerhalb der EU solche aus Osteuropa. Das habe gerade zu Anfang das Preisniveau verfallen lassen, klagt Körner, man habe sehr viele Mitbewerber bekommen.

Kontrastiert wurden die steigenden Betriebszahlen von der Tatsache, dass im selben Zeitraum von 2004 bis heute die Zahl der jährlich abgelegten Meisterprüfungen von 550 auf 130 gefallen sei. Bedeutet all das also nicht nur Preisdumping, sondern auch einen Qualitätsverlust? Felix Pakleppa vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) ist davon überzeugt. Die meisten neu dazugekommenen Betriebe seien Ungelernte oder Ein-Mann-Betriebe. Das sei einerseits ein Einfallstor für Schwarzarbeit und Illegalität auf Baustellen, andererseits habe aber auch die Qualität des Handwerks gelitten. "Wir haben bei einer bundesweiten Umfrage unter Sachverständigen, die sich mit Baustellen beschäftigen, festgestellt, dass 80 Prozent der Leistungen von ungelernten Fliesenlegern mangelhaft sind", sagte Pakleppa.

Die andere Seite: Knackpunkt Europarecht

Verifiziert wurde diese Zahl vom ZDF nicht, aber die andere Seite kam in Person eines Vertreters der Monopolkommission journalistisch sauber zu Wort – und auch hier wurden Argumente genannt, die die Perspektive über das Handwerk hinaus weiteten und die bestehende Problemlage somit verdeutlichten. Deutschland sei, gerade was die Dienstleistungsfreiheit angehe, durchaus zurückhaltend, formulierte Achim Wambach von der Monopolkommission, und das betreffe nicht nur das Handwerk, sondern auch die freien Berufe. "Das Spektrum ist viel größer und Deutschland steht da auf der Bremse", sagt Wambach. Man könne nicht immer in Sonntagsreden den europäischen Binnenmarkt verlangen und seine Produkte europaweit verkaufen, aber dann die eigenen Grenzen dicht machen.

Der Staatssekretär legt sich fest: Her mit der Meisterpflicht

Genau das ist das Problem, vor dem die deutsche Politik steht. Denn die Wiedereinführung der Meisterpflicht in vielen Gewerken, für die neben dem ZDB auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) schon lange kämpft, scheint zwar politisch sowohl im Bundestag als auch im Bundeswirtschaftsministerium wohlwollend gesehen zu werden, doch es gibt europarechtliche Hürden. "Wir können Europarecht nicht einfach ignorieren", sagt Oliver Wittke, Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, dem "Wiso"-Team. Und man müsse darauf achten, dass die Niederlassungsfreiheit gewahrt bleibe. Doch dann trifft er eine klare Aussage. Bei einer ganzen Reihe von Gewerken stünden eben Verbraucherschutz, Sicherheit und Ausbildungsqualität im Vordergrund. "Und in diesen Bereichen werden wir die Meisterpflicht wieder einführen."

Worte, die Hans-Karl Körner und vielen seiner Kollegen Hoffnung machen dürften. Für ihn steht nämlich fest, dass ihm der Wegfall der Meisterpflicht, dass ihm "mehr Europa" seinerzeit mehr geschadet als genützt hat. "Wir mussten preislich natürlich mitgehen, denn Sie müssen ja ihre Mitarbeiter beschäftigen", sagt er. Und wenn andere den Preis reduzieren, müsse er das auch machen, ohne natürlich den Mitarbeitern weniger zu bezahlen. "Das ist nicht einfach."

Sehen Sie hier die gesamte Sendung: Wiso vom 1. April 2019

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