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Meister mit Mission

Christian Müller aus Thüringen ist einer der letzten Steindrucker. Das Wissen um sein Handwerk will er durch seine Lehrlinge bewahren lassen

Das kleine verschlafene Städtchen Wurzbach in Ostthüringen mit rund 2.000 Einwohnern beherbergt mit dem Kunsthaus Müller ein besonderes Kleinod. Hier hat Steindrucker Christian Müller seine Werkstatt. Es türmen sich teilweise zentnerschwere Lithografiesteine neben historischen Hand- und Schnellpressen. Der 68-Jährige ist einer der letzten sechs Steindrucker in ganz Deutschland. Im vergangenen Jahr beendete bei ihm mit Martin Geske, der letzte Lehrling in diesem seltenen Handwerksberuf, seine dreijährige Lehre. „Mit der Auflösung des Prüfungsausschusses bei der Handwerkskammer zu Leipzig im vergangenen Jahr wird es auf absehbare Zeit keinen Nachwuchs mehr in diesem schönen Beruf geben“, blickt Christian Müller mit Wehmut zurück. Dennoch will er dafür sorgen, dass die seltene Handwerkskunst des Steindrucks als „Konserve“ erhalten bleibt. „Und meine sieben bisher ausgebildeten Lehrlinge sind meine Missionare“, erzählt er mit einem Augenzwinkern.

Von der Keramikwerkstatt zum Kunsthaus

Christian Müller absolvierte in den 50er Jahren eine Ausbildung als Stein-und Flachdrucker, was schon zur damaligen Zeit eine Seltenheit war. Nach einem Ingenieurstudium für Flach- und Tiefdruck in den 60er Jahren arbeitete er anschließend als technischer Leiter bei Röder Druck in Leipzig und Betriebsdirektor bei der Kunstanstalt H.F. Jütte, ohne jedoch die Kunst des Steindrucks anwenden zu können.

Dann im Jahr 1985 der entscheidende Schritt: Er verließ die Kunstanstalt Jütte und wurde mithelfender Ehemann in der Keramikwerkstatt und Galerie seiner Frau Bärbel. „Nur so war es möglich, das Steindruckerhandwerk in der DDR-Zeit fortführen zu können“, erläutert Müller. Im Jahr 1987 ließ er sich als freischaffender Künstler im Kulturbund der DDR eintragen, da es ansonsten keine Möglichkeit gab, an Material für den Steindruck heranzukommen und Aufträge zu erhalten. In und um Leipzig gab es zur damaligen Zeit annährend 300 Künstler, die grafisch arbeiteten, so dass seine Steindruckkunst großen Anklang fand und ihm schließlich der Meistertitel zuerkannt wurde.

Nach der Wende machte er sich mit einem Handwerksbetrieb in Leipzig selbstständig und half bei der Gründung eines Gesellenprüfungsausschusses. „Ich bin immer noch ein fanatischer Leipziger Drucker, der den Steindruck nicht, wie so viele, als Kunst, sondern als meisterliches Handwerk sieht.“

Dennoch verschlug es ihn im Jahr 2005 ins thüringische Wurzbach. In Leipzig fanden sich keine geeigneten Räumlichkeiten, um die Ruhe, Zeit und den Raum für seine Arbeit und die Galerie seiner Frau zu finden. Bärbel Müllers Großvater betrieb von 1878 bis 1948 ein Modehaus und eine Färberei in Wurzbach und wurde 1948 zwangsenteignet. Erst vor fünf Jahren bot sich die Chance, das Gebäude zu kaufen. Die Müllers schlugen zu und wagten mit einer Symbiose von Kunsthaus und Werkstatt für künstlerischen Steindruck noch einmal einen Neuanfang. „Der Weg ist bis heute sehr steinig und schwer“, stimmen Bärbel und Christian Müller überein. Doch von ihren Visionen getrieben, schafften sie das anfangs für unmöglich Gehaltene: Das Kunsthaus Müller in Wurzbach ist heute einer der besten Adressen, wenn es um Lithografien geht. Von der Begeisterung und der Qualität der Arbeiten des Steindruckers Christian Müller erfuhren viele Verlage und Künstler. So kam unter anderem über den Auftritt auf verschiedenen Messen der Kontakt mit dem Steidel-Verlag aus Göttingen und dem Kunsthaus Lübeck zustande, die beide eng mit Armin Müller-Stahl und Günther Grass zusammenarbeiten. Das Ergebnis ist, dass sowohl Müller-Stahl als auch Grass ihre Lithografien über die Verlage von Christian Müller in Wurzbach im Steindruckverfahren anfertigen lassen. „Daraus sind schöne Freundschaften entstanden“, berichtet Christian Müller nicht ohne Stolz. Aber auch viele andere bekannte Künstler, wie etwa Bernhard Heisig, Bruno Griesel, Manfred Martin, Neo Rauch oder Hartmut Piniek, gehören zur „Kundschaft“. Momentan läuft noch bis zum 30. Mai eine Ausstellung mit Lithografien von Charlotte Schürer im Kunsthaus. Anschließend wird sich wieder einmal Günther Grass die Ehre geben und seine Werke ausstellen.

Altmühltal hat die besten Steine

Bei aller Begeisterung für die Kunst darf aber niemals das traditionelle Handwerk des Steindrucks außer Acht gelassen werden. Was macht den Steindruck nun so besonders und was verbirgt sich dahinter? Der Steindruck ist eine aufwändige Form des Flachdrucks, mit dem vor allem original grafische Blätter auf hochwertigem Papier angefertigt werden. Maler und Grafiker zeichnen ihre Werke spiegelverkehrt mit Fetttusche oder Fettstift auf einen sogenannten Lithografiestein. Dabei handelt es sich um einen Schieferstein mit einer gewissen Porigkeit. „Die besten Steine gibt es übrigens im bayrischen Solnhofen im Altmühltal“, schwärmt Christian Müller von der Qualität der Steine. Anschließend wird der Stein chemisch behandelt - mit Salpetersäure und Gummiarabicum geätzt. Schließlich wird der Stein wie eine Druckplatte eingepasst, feuchtes Papier aufgelegt und der Druck sozusagen vom Stein „abgerieben“. Ein aufwändiger Prozess, dessen Ergebnis aber den Aufwand rechtfertigt. Für Christian Müller ist der Steindrucker nach wie vor sein Traumberuf. Deshalb ist es für ihn umso wichtiger, dass das Wissen um die Lithografie und damit der Steindruck nicht verlorengeht. „Andere Berufe, wie beispielsweise der Radierer, sind schon ausgestorben und das Wissen ist oftmals untergegangen“, so Müller. Deshalb freut es ihn, dass viele seiner Lehrlinge das altehrwürdige Handwerk und seine Historie weiterleben lassen. So sind zwei seiner insgesamt sieben Lehrlinge mit einem eigenen Unternehmen selbstständig. Andere wiederum haben eine Lehrtätigkeit für Lithografie, etwa an der Uni Karlsruhe, übernommen. Und auch sein letzter Lehrling, Martin Geske, bewirbt sich an der Bauhaus-Uni Weimar, um später einmal das Wissen um die Lithografie und den Steindruck in einer Lehrtätigkeit weitergeben zu können. Dennoch hat Christian Müller gemeinsam mit seiner Frau ein großes Ziel. „Wir wollen in Wurzbach ein Ausbildungszentrum für Steindrucker einrichten. Jeder Künstler soll so die Möglichkeit erhalten, die Kunst des Steindrucks zu erlernen. Auch wenn es keinen Gesellenbrief mehr gibt, so streben wir den Abschluss mit einem Zertifikat an“, schildert Müller seine Zukunftsvisionen. Er ist sich sicher, dass sein Beruf - der des Steindruckers - eines Tages aussterben wird. Das Wissen um diese Kunst soll aber auch den nächsten Generationen erhalten bleiben. Dafür kämpft Christian Müller jeden Tag aufs Neue.

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