Halle (Saale) -

Werkstattgespräch mit Unternehmern und Politikern Mehr Jugendliche ins Handwerk holen

Erstmals haben sich Bundestagsabgeordnete, Handwerksunternehmer und die Geschäftsführung der Handwerkskammer Halle (Saale) zu einem Werkstattgespräch getroffen, um über die Nöte und Herausforderungen in der beruflichen Bildung zu diskutieren.

Ein Dialog sollte es werden in der Kfz-Werkstatt im Bildungszentrum Halle-Osendorf und eine Diskussion, die Perspektiven eröffnete für die Sichtweisen und Erfahrungen des jeweils anderen. Und auch wenn Hartmut Bohnefeld, Geschäftsführer der Elektro Bohnefeld GmbH, noch am Anfang feststellte, dass sich die Politiker und Handwerker im Kreis gegenübergesetzt hatten, „das ist wie im wirklichen Leben – Handwerk und Politik sind getrennt!“, so wurde die „Trennung“ schnell überwunden.

Kammerpräsident Thomas Keindorf hatte symbolisch ein Starterset vor sich, als er die Teilnehmer begrüßte und die drei Diskussionsthemen vorschlug: die Attraktivität der Berufsausbildung, Karrierewege nach der Ausbildung und die gesellschaftliche Akzeptanz. „Wir – die Handwerksbetriebe – werden häufig als Resteverwerter dargestellt“, so der Präsident. Die Berufsfelder haben sich stark geändert und an die Lehrlinge werden hohe Anforderungen gestellt, erklärte er den Widerspruch. Das Hauptproblem: Zu wenige junge Leute gehen ins Handwerk. Die zu geringe gesellschaftliche Akzeptanz der beruflichen Bildung ginge zulasten des Handwerks. „Früher war das Handwerk Ausbilder der Nation. Viele Betriebe haben über den eigenen Bedarf hinaus ausgebildet. Das ist heute nicht mehr so“, sagte er.

Verfehlte Bildungspolitik

Die Bundestagsabgeordnete Bündnis 90/Die Grünen, Steffi Lemke, fragte deshalb gleich als Erstes: „Was müsste sich denn ändern, damit mehr junge Leute in die berufliche Bildung gehen? Warum entscheidet sich ein junger Mensch für die Ausbildung?“ Schnell kamen die Diskutierenden auf eine verfehlte Schulpolitik und den „Akademisierungswahn“ zu sprechen. Die OECD-Studien hätten zu Letzterem beigetragen, so der Präsident. Hier habe man nicht unterschieden, dass für viele Berufe in anderen Ländern ein Studium vorgesehen ist, für die in Deutschland die duale Ausbildung steht. Von einer zu niedrigen Studierquote sei deshalb die Rede gewesen. „Vielleicht haben wir zu spät mit unserer Imagekampagne angefangen“, sagte er. Und, dass der Vergleich von Akademiker- und Handwerkereinkommen auch nicht real sei: „Die Lebenseinkommen sollten verglichen werden, nicht die theoretischen Verdienstmöglichkeiten.“

Trotzdem ist Geld sicher ein Mittel, aber kein Allheilmittel. Letztendlich, so der Präsident, könne auch eine Mindestausbildungsvergütung keine Personalengpässe lösen. Das zeige doch das Beispiel Jens Prinzing. Der Geschäftsführer von „Prinzing Gerüstbau GmbH“ aus Landsberg berichtete, dass er seit drei Jahren keinen Azubi finden konnte trotz einer Ausbildungsvergütung von 1.300 Euro im ersten Lehrjahr. Auch Flüchtlinge und Migranten würde er gern nehmen: „Seit sieben Monaten bin ich da im Gespräch mit dem Jobcenter, der Agentur. Es gibt viele, die sich auch für solche Lösungen interessieren. Aber ich spüre da institutionell zu wenig, auch das Bleiberecht zu regeln.“ Petra Sitte, für Die Linke im Bundestag, warf ein: „Da müssen Verbände und Handwerk der Politik in den Hintern treten und Druck machen. Da brauchen wir Forderungen von Ihnen für den Bundestag!“ Nur zwei Jahre Bleiberecht seien da zu wenig, stimmte sie zu. Die Handwerksreform von 2004 hält sie – so sagte sie später – für einen Fehler.

Für Wiedereinführung der Teilfacharbeiterausbildung

Jens Prinzing ist ebenso ein Verfechter für Quereinsteiger und für die Möglichkeit einer verkürzten Ausbildung. Der 55-jährige Chef von über 80 gewerblichen Mitarbeitern setzt sich vehement für eine Wiedereinführung der Teilfacharbeiterausbildung ein, die es zu DDR-Zeiten gab. Mit dieser könnten bereits auch Neuntklässler mit der Ausbildung beginnen. In seinem Verband und in den alten Bundesländern stoße er da aber auf wenig Gehör. Die Teilfacharbeiterausbildung war dann ein Stichpunkt, den mehrere Abgeordnete mit nach Berlin nehmen wollten.

Weiterer Diskussionspunkt: die Schulpolitik. Der zu frühe Übergang zum Gymnasium wurde einhellig kritisiert. Aber Bildungspolitik ist letztendlich Landespolitik. Und auch wenn Hartmut Bohnefeld forderte, dass Bildung Bundesaufgabe sein müsse, so wussten alle in der Runde, dass man das jetzt kaum ändern konnte. Weitere Probleme wurden von den Unternehmern benannt, ob das das Arbeitszeitgesetz ist, zu lange Berufsschulwege oder die schulischen Kompetenzen der Azubis. Dass das Handwerk generell zu wenig in der Diskussion der Gesellschaft vorkam – auch das wurde gesagt.

„Sie müssen positive Geschichten erzählen und warum eine Handwerksausbildung gut ist“, forderte Steffi Lemke. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Katrin Budde stellte fest: „Ein Meister kann auch studieren. Wir haben heute eine hohe Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung. Die Vielfältigkeit der Möglichkeiten aber sind unbekannt.“ Sie sieht hier aber auch das Bundesbildungsministerium in der Pflicht, mehr darüber zu informieren.

Einig war man sich am Ende, dass man sich der heutigen Situation stellen muss, die Suche nach Ursachen und Schuldigen zweitrangig sei. ­Unbedingt wolle man diese Art von Gesprächen weiterführen, so die Anwesenden unisono. Bevor aber gesprochen wird, wird wohl erst einmal geschrieben. Denn Steffi Lemke regte an: „Es wäre hilfreich eine Sammlung von den Themen zu erhalten, die aus der Praxis kommen“ und nach bundes- und landespolitischer Kompetenz getrennt wären.

Eigentlich gibt es die Liste schon, zu finden unter www.hwkhalle.de

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