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Kommentar Mehr Bürokratie durch Mindestlohn: Gebt Praktikanten eine Chance

Seit Januar gelten Praktikanten als Arbeitnehmer und haben deshalb auch unter gewissen Umständen Anspruch auf den Mindestlohn. Für Arbeitgeber bedeutet das mal wieder: mehr Arbeit. Trotzdem sollten sie nicht darauf verzichten, junge Menschen in ihrem Betrieb ein Praktikum anzubieten.

Natürlich schaut sich ein Ausbildungsbetrieb den Kandidaten für eine Ausbildungsstelle vorher genauer an. Daher sind Praktika auch im Handwerk durchaus üblich. Wer kauft schon gerne die Katze im Sack? Bisher war es auch eine einfache Praxis. Das hat sich aber mit dem Gesetz zur Regelung eines allgemeinen Mindestlohns geändert, das auch Regelungen zu Praktika enthält.

Und die haben es in sich: Wer jetzt wann wie lange und was für ein Praktikum bei wem und warum gemacht hat, das zu eruieren obliegt nun den Arbeitgebern, die für jedes Praktikum jetzt auch einen schriftlichen Praktikumsvertrag abschließen müssen. Das ist mehr Bürokratie als vorher. Dazu schwingt im Hintergrund die Finanzkontrolle Schwarzarbeit den Bußgeldprügel.

Arbeitgeber müssen sich absichern

Arbeitgeber müssen sich daher bei jedem Praktikum absichern, damit ihnen ein falsch deklariertes oder honoriertes Praktikum bei einer Mindestlohnkontrolle durch den Zoll nicht zum Verhängnis wird. Wer hat da kein Verständnis, dass manche Unternehmer sagen: Dann halt nicht.

Generation Praktikum

Am Mindestlohngesetz gibt es nichts zu deuteln. Es hat auch einen Grund, warum Praktika in das Gesetz mit aufgenommen wurden. Das hat das Handwerk zum größten Teil der Industrie zu verdanken. Stichwort Generation Praktikum. Jahrelang war es gängige Praxis, dass sich ausgebildete Fachkräfte von Praktikum zu Praktikum hangelten, immer in der Hoffnung, beim (vermeintlichen) Traumarbeitgeber einen Fuß in die Tür zu bekommen (und einen festen Arbeitsvertrag). Belohnt wurde ihr Engagement meist mit wenig bis gar nichts.

Jedoch sind die neuen Regelungen in ihrer heutigen Ausführung weit davon entfernt, ein einfaches Instrument zu sein, um junge Menschen für einen Beruf zu interessieren. Denn darum geht es ja. Jemanden einige Tage im Berufsalltag über die Schulter schauen zu lassen, ihm einen Eindruck von der Arbeit zu geben, die er vielleicht für den Rest seines Lebens ausüben wird.

Junge Menschen für den Beruf begeistern

Deshalb sind Praktika auch in Zukunft für das Handwerk ein gutes Mittel, um sich den Nachwuchs von morgen zu sichern. Der Schritt in die Ausbildung ist ein wichtiger. Für den Auszubildenden ebenso wie für den Ausbildungsbetrieb. Immerhin bindet sich das Unternehmen für drei Jahre an diesen jungen Menschen. Seine Ausbildung kostet den Betrieb Geld, Zeit und Energie.

Und ja, das heißt auch, sich mit einem auf den ersten Blick recht komplizierten Sachverhalt auseinanderzusetzen. Aber es lohnt sich.

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