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Handwerker in der DDR hoch angesehen Mauerfall: Drei Meister erinnern sich an die Mangelwirtschaft

Mit Mangel kennen sich Handwerker aus. Heute sind es vor allem Fachkräfte, die in vielen Betrieben fehlen. Die Handwerker in der ehemaligen DDR kämpften dagegen mit ganz anderen Dimensionen des Mangels.

Während sich die sozialistische Planwirtschaft im Lauf der Jahre in eine Mangelwirtschaft verwandelte, trotzten sie mit Zusammengehörigkeitsgefühl und Erfindergeist den Engpässen. Aber weil die Bevölkerung besonders stark unter dem Mangel litt, genossen Handwerksmeister dank ihres Könnens ein hohes Ansehen.

Bäcker: Mit Brot kaum Geld zu verdienen

Wenn die Bäckerei Wippler am öst­lichen Stadtrand von Dresden um 7 Uhr die Ladentür öffnete, wartete schon eine lange Schlange auf Einlass. "Eine Stunde vorher hatten sich die ersten Leute angestellt. Innerhalb von zwei bis drei Stunden war dann alles verkauft", erinnert sich Michael Wippler an die hohe Nachfrage nach frischen Brötchen und knusprigem Brot. Dabei war mit Brot kaum Geld zu verdienen.

Denn den Preis für einen Vierpfünder hatte der Staat auf 1,04 Mark festgelegt. Allein das Mehl dafür kostete aber schon 78 Pfennige. Damit der Handwerker nicht verhungerte, zahlte der Staat eine kleine Ausgleichsprämie. "Ich habe die Schlange vor unserem Laden immer als zusätzlichen Lohn empfunden", sagt der Bäckermeister, der 1981 den elterlichen Betrieb übernommen hatte. "Die Wertschätzung der Kunden für meine Arbeit erzeugte bei mir eine tiefe Zufriedenheit mit der Berufswahl", betont Michael Wippler, der heute als Präsident des Zentralverbandes die Interessen aller Bäcker vertritt.

Bäckermeister Michael Wippler

Beim Kuchenbacken waren die Gestaltungsmöglichkeiten der DDR-Bäcker größer. Sie konnten die Preise selbst kalkulieren, mussten sie aber genehmigen lassen. Dafür gab es hochwertige Rohstoffe wie Pfirsiche oder Aprikosen nur auf Zuteilung. Wurde der Zucker knapp, mussten die Bäcker auf Rübensirup zurückgreifen. In der Weihnachtszeit, wenn traditionsgemäß große Mengen an Stollen benötigt wurden, mangelte es nicht selten an Rosinen, Mandeln oder Zitronat, die sich manche Kunden von ihrer Westverwandtschaft besorgten.

"Heute ist unser Handwerk ein Kampf um Kundschaft, früher war es ein Kampf um Rohstoffe und Ausrüstung", vergleicht Wippler. Denn auch neue Maschinen waren so schwer zu bekommen wie ein Trabant, auf den die Antragsteller zehn Jahre warten mussten. Selbst Keilriemen oder Kühlaggregate waren nicht ständig verfügbar.

Kosmetikerin: Lehrstellen waren Mangelware

Knapp waren in der DDR aber nicht nur Material und Rohstoffe. So konnte sich Elke Städtler-Steinig nur dank glücklicher Umstände ihren Berufswunsch erfüllen. "In ganz Dresden gab es nur zwei Lehrstellen für Kosmetik. Da ging ohne Beziehungen nichts", erinnert sich Städtler-Steinig. Aber sie hatte Glück, fand im nahen Pirna einen Ausbildungsplatz bei einer Kosmetikerin, deren Tochter kein Interesse an dem Beruf hatte.

Später arbeitete Städtler-Steinig mit zwei Friseurinnen der PGH Figaro im Centrum Warenhaus an der Prager Straße in Dresden. "Da waren 1.500 Leute beschäftigt, die während der Arbeitszeit zu uns kommen durften", blickt die Kosmetikmeisterin zurück. Wenn eine Kundin auf die einzig verfügbare Kosmetik-Produktserie allergisch reagierte, beschaffte sie sich in der Apotheke Zutaten, um selbst verträgliche Produkte zu mixen. Kosten für eine kosmetische Behandlung: 7,50 Mark, Fuß- und Handpflege waren deutlich billiger zu haben.

Ihr zweijähriges Meisterstudium hat Elke Städtler-Steinig noch zu DDR-Zeiten begonnen, in der vorerst letzten Meisterklasse für Kosmetikerinnen. "Um den Platz zu bekommen, musste ich allerdings meinen Ausreiseantrag zurückziehen", erinnert sie sich.

Geprägt von ihren Erfahrungen in der DDR macht sich Elke Städtler-Steinig seit Jahren für die Ausbildung im Kosmetikerhandwerk stark, hat selbst 35 junge Frauen und weitere fünf über eine Einstiegsqualifizierung ausgebildet. Zudem unterrichtet sie seit vier Jahren an der privaten Schule IBB, wo auf ihre Initiative hin wieder duale Ausbildung in Dresden angeboten wird. Und nicht zuletzt gehörte sie zu jenem Kreis von Kolleginnen, die dafür gesorgt haben, dass es seit drei Jahren wieder Meisterkurse für Kosmetiker gibt – nun auch in den westlichen Bundesländern.

Metallbauer: Alle Rechnungen wurden pünktlich bezahlt

Schlossermeister Karl Bernt

Karl Bernt hat die Schrauben, die er zu DDR-Zeiten gehortet und noch lange in seinem Metallbaubetrieb im erzgebirgischen Thum aufbewahrt hatte, inzwischen entsorgt. "Früher war Lagerhaltung wichtig. Aber heute braucht niemand mehr einen Vorrat. Da haben sich die Zeiten rigoros geändert." Für den Schlossermeister nicht immer zum Positiven. "In der DDR genossen wir Handwerker ein hohes Ansehen. Alle Rechnungen wurden pünktlich bezahlt" , betont Bernt, dessen Gewerbeantrag auf Bauschlosserei und Rationalisierungsmittelbau 1987 innerhalb von drei Wochen bewilligt wurde.

Auch der Zusammenhalt unter den Berufskollegen war nach Bernts Ansicht viel besser als heute. Bei Materialengpässen halfen sich die Schlosser und Schmiede der Region gegenseitig aus. "Manchmal gab es kein Flacheisen. Dann haben wir eben einen Bund gekauft und das Material geradegeklopft", erinnert sich Bernt, der als Auflage vom Staat in drei Gemeinden alle Schlossreparaturen ausführen musste. Zu 95 Prozent arbeitete er für den Bevölkerungsbedarf, klempnerte alte Fahrzeugkarosserien und baute Pkw-Anhänger.

Handwerker, egal in welcher Branche, spielten in der DDR eine wichtige Rolle, um die Bürger zu versorgen. Um ihren Einfluss gering zu halten, duldete der Staat allerdings nur kleine Betriebe mit wenigen Beschäftigten. Aber ohne ihre Dienstleistungen, ihre Fähigkeit zum Improvisieren hätten die Einwohner noch stärker unter den Mängeln der sozialistischen Planwirtschaft zu leiden gehabt.

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