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Blick in die Branche Maßschneider in der Corona-Krise: "Die Situation spitzt sich zu"

Mit der Aktion "Ohne Schneider keine Kleider" haben die Maßschneider auf ihre brenzlige Lage aufmerksam gemacht. Vielen Betrieben steht das Wasser bis zum Hals. Neben hohen Umsatzeinbußen machen den Handwerkern ungenaue Regelungen in den Corona-Schutzverordnungen zu schaffen.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

"Mir gehen schon seit Langem viele Gedanken, den Lockdown betreffend, durch den Kopf, die mich auch teilweise nicht mehr gut schlafen lassen", schreibt Maßschneider Felix Flechtner auf Facebook. In einem emotionalen Post weist er auf die kritische Lage seiner Branche in der Corona-Krise hin. Gleichgetan haben es ihm die Mitglieder des Bundesverbands der Maßschneider. Auch sie haben sich über die sozialen Medien für ihr Handwerk eingesetzt – im Rahmen der Aktion "Ohne Schneider keine Kleider". "Wir hatten das Bedürfnis auf uns aufmerksam zu machen, weil man unsere Branche in der Krise nicht wahrnimmt", erklärt Bundesvorsitzende Inge Szoltysik-Sparrer. "Die Situation der Maßschneider spitzt sich zu. Vielen Betrieben steht das Wasser bis zum Hals."

Keine Anlässe für maßgeschneiderte Kleidung

Die meisten Probleme kamen mit dem verschärften Lockdown. Das berichtet auch Cornelia Donath, Inhaberin einer Damenmaßschneiderei in Dresden. Lagen ihre Umsatzeinbußen im Jahr 2020 noch bei circa 30 Prozent, hat sie heute so gut wie keine Einnahmen mehr. Viele ihrer Kundinnen, dazu zählen Bräute oder Abiturientinnen, kommen zurzeit nicht in ihr Atelier. "Sie warten lieber ab, weil Hochzeiten, Bälle und andere Feste verschoben wurden oder es noch keine neuen Termine gibt", sagt die Maßschneiderin. Auch viele Geschäftsfrauen kommen aufgrund der veränderten Arbeitssituation nicht mehr in ihr Geschäft. "Im Homeoffice braucht man eben keine Businesskleidung", so Donath.

"Abibälle, Reisen, Hochzeiten, das Oktoberfest im Süden – viele Maßschneider haben sich auf gesellschaftliche Anlässe spezialisiert. Davon hängen viele Aufträge ab, die jetzt wegbrechen", berichtet auch Szoltysik-Sparrer. Zu Beginn der Krise hätten sich viele Maßschneider mit dem Nähen von Masken lukrative Aufträge sichern können. Doch die Nachfrage habe stark abgenommen. Viele der Handwerker benötigten nun dringend finanzielle Unterstützung. Die Corona-Hilfen der Bundesregierung seien jedoch nicht praxisgerecht, kritisiert die Bundesvorsitzende. Zwar kann die Überbrückungshilfe III seit einigen Tagen beantragt werden: "Aber nur mit Steuerberater und das ist mit weiteren Kosten für die Betriebe verbunden", sagt sie.

Bild zur Aktion

Hoher Corona-Schutz in Maßateliers

Und noch eine weitere Schwierigkeit kommt den Handwerkerinnen zufolge hinzu. Je nach Bundesland sind die Corona-Schutzverordnungen unterschiedlich oder ungenau ausformuliert. "In manchen Bundesländern werden die Maßschneider gar nicht erwähnt. Dann heißt es wiederum, produzierende Handwerker dürfen zwar unter der Berücksichtigung der Hygieneordnungen arbeiten. Aber nicht unmittelbar mit dem Kunden zusammen", so Szoltysik-Sparrer. Man könne Aufträge zwar ohne körperrnahen Kontakt abarbeiten. Irgendwann komme jedoch der Punkt, an denen Maße am Kunden genommen oder Anproben durchgeführt werden müssten. Viele Maßschneider seien sich unsicher, inwieweit sie das tun dürften.

Szoltysik-Sparrer ist jedoch der Meinung, dass es sich sicher in den Maßateliers arbeiten lässt. Schutzmaßnahmen wie die Händedesinfektion und die Maskenpflicht hat auch Maßschneiderin Donath in ihrem Atelier umgesetzt. Darüber hinaus gehe es in ihrem Geschäft sehr persönlich zu. "Ich kenne meine Kunden und habe kaum Laufkundschaft", erzählt die Geschäftsinhaberin. Der Eintritt sei zudem nur mit einem Termin möglich. Alles Maßnahmen, durch die sich die Ansteckungsgefahr verringern ließe.

Krise als Chance für die regionale Produktion

Maßschneiderin Cornelia Donath

Aktuell versucht Donath für ihre beiden Auszubildenen durchzuhalten. Ihr Handwerk will sie ihnen mit dem Nähen von Musterkleidung näherbringen. Damit lasse sich aber kein Geld verdienen. "Als Handwerkerin liebe ich meinen Beruf", sagt Donath. Nach einem Jahr, in dem sie sich noch mit ihren Ersparnissen über Wasser halten konnte, kämpfe sie nun verzweifelt um ihr Lebens- und Herzenswerk. Von der Politik fordert sie eine klare Exit-Strategie. Auch Szoltysik-Sparrer berichtet, dass es vor allem die Perspektivlosigkeit sei, die vielen Maßschneidern zusetze.

Für Donath hat die Corona-Krise bei all dem Schlechten aber auch etwas Gutes: "Die Menschen merken langsam, wie wenig Wert Billigkleidung hat. Der Trend könnte zu mehr Nachhaltikgkeit gehen und dazu, dass sich die Menschen einmal ein paar richtig gute Teile kaufen." Auch Maßschneider Felix Flechnter konnte ein Umdenken in der Gesellschaft erkennen, als er wie viele andere seiner Kollegen zu Beginn der Krise Masken nähte, die damals noch knapp waren: "Unser oftmals als altmodischer und häufig mit dem Satz 'Ach, die nähen ja nur…“ betitelter Beruf erfuhr plötzlich große Wertschätzung und Anerkennung und wir konnten auf unser tolles und kreatives Handwerk aufmerksam machen, das viel mehr als NUR nähen ist", schreibt er in seinem Facebook-Post. Auch er sieht die Pandemie als Chance, von der Fast-Fashion-Industrie wegzukommen.

Und auch die Aktion "Ohne Schneider keine Kleider" des Bundesverbands der Maßschneider konnte auf die Wichtigkeit des Handwerksberufs aufmerksam machen: Viele Branchenkollegen – auch Nichtverbandsmitglieder – haben sich solidarisch gezeigt und den Post zur Aktion auf ihren Social Media-Profilen geteilt, berichtet Szoltysik-Sparrer. Auch die Rückmeldung aus der Bevölkerung sei positiv gewesen. Für den Verband ist das ein Anlass, weitere Aktionen zu planen: So soll es Angebote geben, die die Maßschneider unterstützen sollen, wenn es zu der – hoffentlich baldigen – Wiederöffnung kommt.

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