Meisterstücke -

Ein Alterssimulationsanzug vom Maßschneider Maßanzug fürs Alter

Damenmaßschneider David Müller hat mit den Designerinnen Elisa Steltner und Nadja Ruby einen Alterssimulationsanzug entwickelt. "Adit" überzeugt durch sein geringes Gewicht und seinen modularen Aufbau.

David Müller und Elisa Steltner
David Müller und Elisa Steltner mit "Adit": Der Altersanzug wird weiterhin in Nuancen  und Details verbessert. -

"Alle wollen gerne alt werden, aber alt sein will keiner.“ Als ich den Alterssimulationsanzug "Adit" anprobiere, bekomme ich zumindest eine Ahnung davon, was an dieser Redewendung dran ist: hängende Schultern, krummer Rücken, steife Gliedmaßen. Den Arm kann ich kaum noch heben und den Kopf nur schwer zur Seite drehen. Wenn ich mich auf einen Stuhl setze, muss ich mich die letzten zehn Zentimeter plumpsen lassen, weil ich die Knie nicht weit genug beugen kann. Beim Gehen bin ich unsicher und das Treppensteigen wird zum Balanceakt.

"Eine schöne Form kann man sich schnell ausdenken, das Schwierige ist, diese ­materiell umzusetzen."

Das fühlt sich alles nicht so toll an und ich bin froh, als mich Elisa Steltner wieder von "Adit" befreit. Sie kennt die Erleichterung, die Workshop-Teilnehmer äußern, wenn sie ihren Ausflug in die Zukunft des eigenen Körpers schnell wieder beenden können. Allerdings gibt die Designerin auch immer zu bedenken, dass der körperliche Verfall natürlich nicht so schlagartig eintritt und man im Normalfall Zeit hat, sich daran zu gewöhnen.

Ein Maßanzug fürs Alter
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Elisa Steltner hat "Adit" zusammen mit David Müller entworfen – eine Auftragsarbeit eines großen Unternehmens. Für den Damenmaßschneider Müller aus Kassel eine ungewöhnliche Arbeit, zumindest was sein Selbstverständnis angeht. Er kümmert sich normalerweise "ums Chichi oder die Volants", wie er sagt – also eher das Dekorative an den Kleidungsstücken. Derzeit entwirft er Kostüme für Musicals. Das ist es zumindest, was ihn am Beruf des Damenmaßschneiders begeistert hat. Nüchterne Anzüge, beschränkt auf ihre Funktion, sind eigentlich nicht sein Ding.

Am Anfang stand die Frage nach dem Material

Doch Müller hatte nach der Schneider-Lehre das Fachabitur nachgeholt, Zivildienst geleistet und schließlich ein Design-Studium an der Kunsthochschule in Kassel begonnen. Dort lernte er Elisa Steltner und Nadja Ruby kennen, die ihn als Fachmann fürs Technische beim "Adit"-Projekt mit ins Boot nahmen. Die Aufgabe bestand darin, einen Alterssimulationsanzug zu entwerfen und zu produzieren, der besser zu handhaben ist als diejenigen, die am Markt sind: hygienisch, leicht, formschön und modular aufgebaut und vielleicht auch irgendwie noch attraktiv für jüngere Testpersonen.

Müllers Ehrgeiz war geweckt. Im Studium hatte er schon gemerkt, wie gefragt sein Talent für die technische Umsetzung eines Kleidungsstücks war. Denn mit dem Entwurf eines Kleides ist es ja längst nicht getan. "Eine schöne Form kann man sich schnell ausdenken, das Schwierige ist, diese materiell umzusetzen", sagt Müller.
Der Maßschneider musste sich nun erst einmal mit dem Material auseinandersetzen. Was nimmt man, wie näht man es, wie setzt man die technischen Anforderungen um. Für Müller war es ein Annäherungsprozess.

"Adit" hat rund 300 Einzelteile

Ebenso wie die Frage, wie man Alter erlebbar macht. Wichtig war es, einen einheitlichen Standard zu finden. Dazu mussten Steltner, Ruby und Müller erst einmal wissen, mit welchen Einschränkungen alte Menschen leben müssen. Dem ersten Entwurf gingen Beobachtungen in Altenheimen voraus, um die Anforderungen abzustecken. Mithilfe von Film- und Fotodokumentationen über Bewegungsabläufe der älteren Menschen wurden die Form und die Anforderungen an den Anzug definiert.

Eine Physiotherapeutin und ein Arzt brachten ihre Expertise zu Anatomie und körperlichen Veränderungen mit ein. Nach und nach bekam "Adit" seine Form und der Prototyp war Ende 2013 nach knapp einem Jahr fertig. Um "Adit" tragbar und flexibel zu machen, waren viele Kenntnisse übers Material nötig. Der synthetische Anzug besteht unter anderem aus geruchsabweisendem und nicht brennbarem Fleece, Industriefilz, Gurten für den Zug und Klettverschlüssen, die bis zu 25.000-mal benutzt werden können. Weil die Träger beim Ausprobieren möglicherweise schwitzen, muss das Garn für die Nähte säurebeständig sein. So hat "Adit" insgesamt 300 Einzelteile.

Elisa Steltner
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Inzwischen sind mehr als 30 "Adits" verkauft. Der Bedarf ist groß. Auch Matthias Joseph, bei der Handwerkskammer Kassel zuständig für das ­Thema barrierefreies Bauen, bescheinigt dem Anzug großes Potenzial. Die Kammer selbst setzt "Adit" bei ihren Seminaren zu barrierefreiem Wohnen und Bauen ein. "Für die teilnehmenden Handwerker ist es ganz wichtig, nachempfinden zu können, mit welchen Bewegungseinschränkungen ältere Menschen leben müssen", sagt Joseph. Der Vorteil von "Adit" sei eben, dass man auch kräftige Menschen schnell "in die Knie zwingt" – im Gegensatz zu Anzügen, die mit Gewichten arbeiten.

Viele Berufsgruppen und ­Branchen bekunden Interesse

Demografiebedingt werden alte oder betreuungsbedürftige Menschen bald die größte und begütertste Ziel- und Kundengruppe für Dienstleistungen und Produkte sein. Interesse am Kauf oder an dem Verleih des Anzugs zeigen deshalb viele Berufsgruppen und Branchen, etwa Architekten, Entwicklungsabteilungen von Hightech-Unternehmen, Kranken- und Pflegeberufe und Hochschulen. Auch die Verkehrsbetriebe in Kassel haben angefragt, um ihre Fahrer für die Bedürfnisse ihrer älteren Kunden zu sensibilisieren.

"Adit" punktet deshalb auch mit seinem Gewicht und seiner Größe. Der mit fünf Kilo sehr leichte Anzug ist von Elisa Steltner schnell in einer Umhängetasche verstaut und damit wieder aus den Augen. Und ich bin froh, dass das Alter noch ein wenig warten kann.

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