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Interview mit Claudia Kemfert Stromtrassen: "Manche Planung ist überdimensioniert"

Eine Pause beim Stromtrassenbau können wir uns nicht leisten, sagt Claudia Kemfert im Interview mit der Deutschen Handwerks Zweitung. Die Energieökonomin zweifelt aber, ob der Umfang gerechtfertigt ist.

DHZ: Frau Professor Kemfert, herrscht in Deutschland trotz des Bekenntnis zur Energiewende immer noch die Haltung: "Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose?" Wenn man die Proteste zu Stromtrassen sieht, könnte man das zumindest annehmen.

Kemfert: Grundsätzlich wollen die Menschen in Deutschland die Energiewende und sind auch bereit, dafür einiges in Kauf zu nehmen. Wichtig ist Transparenz, eine umfassende Information über die Energiewende und die dafür notwendigen Projekte wie Windanlagen, Pumpspeicherkraftwerke oder auch Stromtrassen. Wichtig ist es, die Menschen mitzunehmen und ihnen immer mehr Möglichkeiten zur Beteiligung anzubieten. Es gibt neben den Wutbürgern aber schon heute auch zahlreiche Mutbürger, die sich für die Energiewende engagieren und sie so zum Erfolg werden lassen.

DHZ: Warum ist die Angst der Bürger vor dem Netzausbau so groß und ist diese überhaupt begründet?

Kemfert: Es gibt manchmal – teils berechtigte – Sorgen vor der Zerstörung der Natur oder vor möglichen Gefahren etwa durch die Errichtung von großen Windanlagen oder Stromtrassen. Daher ist es umso wichtiger, die Menschen vorzeitig einzubinden und gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Es gilt, möglichst wenig Beeinträchtigungen durch die Energiewende hervorzubringen oder aber gangbare Alternativen zu entwickeln wie etwa die für bestimmte Abschnitte in Frage kommende Erdverkabelung.

"Ob ein Ausbau 'bis zur letzten Kilowattstunde' nötig ist, ist eher fraglich."

DHZ : Könnten wir uns eine Pause beim Ausbau der Stromtrassen, wie sie Horst Seehofer fordert, leisten?

Kemfert: Nein, denn der Ausbau einiger Stromtrassen, besonders von Norddeutschland nach Süddeutschland, ist notwendig. Dies gilt vor allem für die so genannte Südlink-Stromtrasse von Schleswig-Holstein nach Bayern, die überschüssigen Windstrom von Nord nach Süd transportieren soll. Ob allerdings ein Ausbau "bis zur letzten Kilowattstunde" notwendig sein wird, wie man es derzeit plant, ist eher fraglich.

DHZ: Betroffene beklagen vor allem, dass die Trassen überdimensioniert sind und die Trassenführung ländliche Gebiete benachteilige. Wären kleinere Trassen möglich?

Kemfert: Manche Stromtrassen-Abschnitte wurden so geplant, dass weiterhin jeglicher Strom aus konventionellen Kraftwerken transportiert werden kann. Besonders im Westen und im Osten Deutschlands gibt es noch immer zahlreiche Kohlekraftwerke, die man aber im Zuge der Energiewende immer weiter wird abschalten können. Daher sind manche Stromtrassenplanungen tatsächlich überdimensioniert.

DHZ: Nutzen die großen Energiekonzerne die Trassen nicht auch dazu, ihren aus Kohle erzeugten Strom zu verteilen?

Kemfert: In der Tat ist auffällig, das einige der neu zu bauenden Leitungen so konzipiert wurden, dass vor allem aus den Kohlekraftwerken produzierter Strom transportiert werden soll. Die Energiewende sieht aber vor, dass man mehr und mehr auf konventionelle Kraftwerke wird verzichten können. Daher kann man auch auf so manche Leitung verzichten.

"Die Energiewende wird künstlich schlechtgeredet und hat mittlerweile ein Image-Problem."

DHZ: Warum verlegt man die Kabel nicht einfach unter der Erde?

Kemfert: Auch dies ist möglich und in Gegenden, die nahe an dicht besiedelten Gebieten liegen, auch wünschenswert. Zu beachten ist aber, dass die Verlegung und Wartung von Erdkabeln etwas teurer ist. Die Strahlungen sind aber wohl deutlich geringer.

DHZ: Könnte man durch bessere Vermittlung der Energiewende mehr Rückhalt in der Bevölkerung schaffen?

Kemfert : Absolut. Die Energiewende wird künstlich schlechtgeredet und hat mittlerweile ein riesiges Image-Problem. Es ist wichtig, dass man die Menschen über Nachteile aufklärt, aber vor allem auch die Vorteile verdeutlicht. Letzteres kommt eindeutig zu kurz, hier gibt es viel nachzuholen.

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