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Bestatter-Präsident Christian Streidt im Interview "Man kann die Bilder nicht ausblenden."

Schnee und Glatteis machen Autofahrern auch diesen Winter wieder zu schaffen. Die Verkehrsunfälle häufen sich. Leider verunglücken dabei auch immer wieder Menschen tödlich. An den Unfallort werden neben Polizei und Rettungsdienst auch die Bestatter gerufen. Wie diese "Polizeieinsätze" ablaufen und welche wichtige Rolle die Handwerker dabei spielen, erklärt Bestatter-Präsident Christian Streidt im Interview.

In Deutschland kamen 2016 täglich durchschnittlich neun Menschen ums Leben.  Insgesamt gab es mehr als 3.000 Verkehrstote, fast 400.000 Verkehrsteilnehmer wurden laut Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrats verletzt. Rettungsdienste, Polizisten und Ärzte sind bei diesen Unfällen stets vor Ort. Bei Todesfällen werden zudem die Bestatter gerufen.

Christian Streidt, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, übt den Beruf nun schon seit 50 Jahren aus und hat unzählige Polizeieinsätze mit Verkehrsopfern miterlebt. Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung erklärt er, wie er mit den Eindrücken vom Unfallort umgeht und wie die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniert.

DHZ: Wie häufig sind Sie in Ihrem Beruf mit Verkehrstoten konfrontiert?
Christian Streidt:
Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal sind es ganze Serien, da müssen wir zwei Mal am Tag ausrücken. Manchmal passiert aber auch zwei oder drei Monate gar nichts.

DHZ: Jetzt bricht wieder die Glatteissaison heran. Häufen sich die Einsätze im Winter?
Streidt: Ich würde nicht sagen, dass es viel mehr Einsätze im Winter sind. Jetzt passieren zwar mehr Glatteisunfälle, aber im Sommer verunglücken dafür mehr Motorradfahrer und Fahrradfahrer.

DHZ: Wenn es Unfallopfer gibt, werden Sie von der Polizei informiert. Wie genau läuft die Zusammenarbeit ab?
Streidt: Diese sogenannten "Polizeieinsätze" werden in jeder Region anders gehandhabt. In großen Städten, wie zum Beispiel Stuttgart, gibt es gesonderte Ausschreibungen von der Polizei. Bestatter aus der Region können sich darauf bewerben. In dem Vertrag zwischen Polizei und Bestatter wird dann unter anderem festgehalten, wie schnell der Bestatter vor Ort sein muss, zum Beispiel in einer halben Stunde, dass das Auto nicht beschriftet sein darf und, dass immer zwei Personen zum Einsatzort kommen müssen. Der Bestatter muss dann in der Zeit seiner Bereitschaft 24 Stunden erreichbar sein. Im Notfall wird er zu Autounfällen, aber auch zu Einsätzen auf Bahnstrecken oder zu Wohnungsbränden gerufen.

DHZ: Viele Verkehrsopfer sind noch sehr jung. Wie gehen Sie damit um?
Streidt: Natürlich tut es sehr weh, wenn man zu einem Unfall mit einem Kind oder einem Motorradfahrer gerufen wird. Das Abholen vom Unfallort ist aber meist noch einfacher als der Rest. Schwieriger ist es, angemessen mit dem Schicksal und dem Leid der Angehörigen umzugehen. Schließlich sind wir als Bestatter direkte Ansprechpartner in den ersten Stunden und Tagen.

DHZ: Welche Fähigkeiten sind da bei einem Bestatter gefragt?
Streidt: Als Bestatter muss man sehr sensibel mit diesen Menschen umgehen können. Man begleitet die Hinterbliebenen in der vielleicht schlimmsten Zeit ihres Lebens. Es ist wichtig, ihnen Trost zu spenden, zuzuhören und mit ihnen zu sprechen. Auf der anderen Seite muss der geschäftliche Ablauf aber auch eingehalten und alles für die Trauerfeier vorbereitet werden. Das alles ist ein großer Balanceakt. Dabei die Nerven zu behalten und für die Angehörigen da zu sein, das ist handwerkliches Können. Wenn ich es schaffe, den Menschen zu helfen, merke ich, wie dankbar sie mir sind. Manche Menschen kommen noch nach 30 oder 40 Jahren und sagen mir wie gut ich meine Arbeit damals gemacht habe. Auch wenn ich mich schon lange nicht mehr daran erinnere. Das ist schön und macht den Beruf so besonders.

DHZ: "Für die Menschen da zu sein" – Was bedeutet das konkret für Ihren Berufsalltag?
Streidt: Als Bestatter muss ich in meiner Grundeinstellung ein dienstleistender Mensch sein und bereit sein, einen Teil von mir für diese Menschen "aufzugeben". Ich meine damit, dass ich meine eigenen Ansprüche hintenanstellen und vor allem viel Zeit für diese Menschen einplanen muss. Ich kann zum Beispiel nicht einfach Feierabend machen, wann ich will und muss mich auch mal zehn, zwölf oder 24 Stunden am Stück um die Angehörigen kümmern.

DHZ: Ein Großteil ihrer Arbeit besteht also darin sich um andere Menschen zu kümmern, aber wie gehen Sie selbst mit den Bildern und Eindrücken vom Unfallort um? Können Sie die ausblenden?
Streidt: Nein, die Bilder kann man nicht ausblenden. Ich schaue mir vor Ort immer alles genau an und rate das auch meinen Mitarbeitern. Es ist wichtig den Unfall richtig zu verarbeiten, damit das Gehirn einen "Haken" dahinter setzen kann. Schaut man weg, dann fängt nachts das Kopfkino an und man versucht in Gedanken die ganze Situation passend zusammenzusetzen. Wer da eine zu lebhafte Fantasie hat, für den ist unser Job nicht gut geeignet.

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