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TV-Kritik: ZDF - "Wie geht’s, Europa?" Maler konfrontiert die EU-Spitzenkandidaten mit der Realität

Welche Themen brennen den Deutschen vor der Europawahl unter den Nägeln? Das wollte das ZDF wissen und verquickte in der Sendung "Wie geht’s, Europa" eine 45-minütige Reportage mit einer 90-minütigen Diskussionsrunde, in der Bürger den Europawahl-Spitzenkandidaten der sechs im Bundestag vertretenen Parteien ihre Fragen stellen konnten. Mit dabei: Ein Maler aus Köln, der Europa nicht nur für eine Erfolgsgeschichte hält.

Tobias Hasenäcker ist sauer. Der Maler und Lackierer beschrieb in der ZDF-Sendung "Wie geht’s, Europa", wie ihm Billigkonkurrenz aus Osteuropa das Leben schwer macht. Mit dem Satz "Mir als Handwerker macht Europa eher Kopfschmerzen", war er über die sozialen Medien dem Aufruf des ZDF gefolgt, für die Sendung seine Meinung und Einstellung zur EU mitzuteilen. Der Reporter Jochen Breyer machte sich dann auf, um die Absender der interessantesten Zuschriften zu treffen und so ein deutsches Stimmungsbild vor der anstehenden Europawahl zu zeigen - und eben jener Tobias Hasenäcker gehörte neben vielen anderen zu den Ausgewählten.

Von Subunternehmer zu Subunternehmer zu Subunternehmer

Sein Problem beschreibt er so: "Meistens ist es bei Ausschreibungen so: Es kommt ein deutscher Unternehmer, macht ein Angebot für diese Arbeiten, kriegt den Zuschlag. Er gibt dieses Angebot an einen Subunternehmer weiter, der vielleicht auch schon in Deutschland sitzt, und dieser Subunternehmer gibt diesen Auftrag wieder weiter, und dann schon wieder zum Teil an jemanden, der in Bulgarien oder Rumänien sesshaft ist."

Schließlich würden dann die Arbeiten gemacht von Leuten mit einem 20 bis 30 Prozent niedrigeren Stundensatz. "Da können wir nicht mithalten", resümierte Hasenäcker, der deshalb bei städtischen Ausschreibungen nicht mehr mitmacht. Seine Forderung: Bei regionalen Ausschreibungen sollte zunächst in einem Radius von zehn Kilometern nach Firmen geschaut werden, "denn da, wo man Steuern kassiert, sollte man sie auch wieder ausgeben". Das Regionale werde immer so gepriesen - warum denn nicht, wenn es um regionale Handwerker gehe?

Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist, und mit dem sich Hasenäcker in der ausgewogenen Reportage neben etlichen Europa-Begeisterten dann doch in einen ganzen Reigen von Menschen einfügte, die von der EU nicht nur begeistert sind, sondern durchaus ihre Probleme mit Bürokratie, Geldpolitik oder eben den Richtlinien bei Ausschreibungen haben. "Ja", antwortete der Maler auf die Frage, ob er sich von der europäischen Politik alleingelassen fühle. Es werde doch immer nur der Preis für die großen Konzerne niedrig gehalten, Kleinunternehmen seien außen vor. Europa als Billigkonkurrenz - kein Wunder, dass der Ärger tief sitzt.

Wenig Erkenntnisgewinn im Studio

Und er war offenbar so überzeugend, dass das ZDF Hasenäcker neben weiteren Protagonisten der Reportage anschließend ins Studio zur Debatte der Europawahl-Spitzenkandidaten der sechs im Bundestag vertretenen Parteien einlud. Und so konnte er Manfred Weber (CSU), Katarina Barley (SPD), Nicola Beer (FDP), Sven Giegold (Grüne), Jörg Meuthen (AfD) und Özlem Demirel (Linke) die Frage stellen, die ihm unter den Nägeln brennt: "Wie kann man für uns kleine Handwerker, die regional vor Ort sind, die Standards bei Ausschreibungen verbessern?" Wenn Hasenäcker allerdings konkrete Antworten erwartet hatte, wurde er enttäuscht.

Weber sprach von der Möglichkeit, beschränkte Ausschreibungen zu machen und betonte, auch deutsche Unternehmen profitierten davon, wenn etwa in Tschechien sauber ausgeschrieben werde. Dem hielt Meuthen entgegen, dass niemals ein deutscher Malermeister mit den Löhnen, die er hier zahlen muss, dort zum Zuge käme, und gab zu, dass auch er keine überzeugende Antwort auf das Problem habe, weil etwa das Wohlstandsgefälle innerhalb Europas, das mit der geltenden Rechtslage nicht aufzufangen sei, die Angelegenheit sehr komplex mache.

Barley erwähnte die Entsenderichtlinie, nach der gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort gezahlt werden soll. Das sei ein "riesiger Schritt", und darüber hinaus seien "Mindestlöhne in jedem Land" nötig. In diese Lobhudelei wollte Beer dann doch nicht einsteigen und sagte, bei ihr stapelten sich die Protestschreiben etwa von Handwerkern, wonach die Umsetzung der Entsenderichtlinie zu aufwändig sei.

"Die EU sollte mehr ein Augenmerk darauf haben, ob das, was sie beschließt, auch für die kleinen, also auch Handwerker, funktioniert", betonte sie. Giegold machte die fehlende Subunternehmerhaftung als zentrales Problem aus. Das war alles nett gemeint, half Hasenäcker allerdings nicht so recht weiter. Er erwähnte noch den Berliner Flughafen als Beispiel für schlechte Planung und Vergabe am Bau und resümierte: "Wenn da ein Dübel nicht passt, wer bezahlt’s am Ende wieder? Die deutschen Firmen. Europa ist ein Kreislauf, der uns mehr Kosten bringt."

Geldpolitik, Migration, Klima - es bleibt spannend bis zur Wahl

Die restlichen Themen der flotten, manchmal regelrecht gehetzt wirkenden, aber nach mehreren kreuzbraven Wahlsendungen der Öffentlich-Rechtlichen endlich engagiert geführten Diskussion sind schnell erzählt. Meuthen zoffte sich mit Giegold völlig abseits der Themenlage. In Sachen Nullzinspolitik - eine Rentnerin klagte ihr Leid, dass ihre Ersparnisse von der Politik der EZB aufgefressen würden - wurden auch kaum Lösungen genannt. Und dann wurden noch die Themen Migration, Seenotrettung und Klima samt einer Abordnung der Schülerbewegung "Fridays for Future" sowie Bürokratie durchgepaukt.

Gut, dass Maler Tobias Hasenäcker schon am Anfang der Runde sprechen durfte, als es noch nicht ganz so hektisch zuging. Und welche Erkenntnis zog der geneigte Zuschauer aus der Sendung? Das Wohlergehen des Handwerks hat viel mit der Entwicklung der EU zu tun. Und: Es bleibt spannend bis zur Wahl am Sonntag.

>> Die ganze Sendung können Sie sich online anschauen <<

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