Branche -

Reaktionen auf Bund-Länder-Beschluss Lockdown weiterhin als Allheilmittel gegen die Pandemie

"Jetzt rächen sich mit aller Wucht politische Versäumnisse vor allem beim Impfen und bei der digitalen Nachverfolgung von Infektionsketten", beurteilt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer die Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz. Er prophezeit das Sterben vieler Betriebe.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Lockdown-Verlängerung bis zum 18. April und harter Lockdown über Ostern. Zu diesen Ergebnissen kamen Bund und Länder in ihrer mehr als elfstündigen Sitzung. Auch nach mehr als einem Jahr Pandemie gilt also das Prinzip "Wir bleiben zu Hause".

Vertreter des Handwerks prangern vor allem die massiven Versäumnisse der Politik im Bezug auf das Impfen und Testen an. Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH)  Hans Peter Wollseifer sagt: "Wir wollen, dass alle gesund bleiben, wir testen, damit alle gesund bleiben. Aber dann muss die Politik auch dafür sorgen, dass geimpft wird, was das Zeug hält, damit alle gesund bleiben." Impfen sei das zentrale Instrument , mit dem wir aus der Pandemie herauskämen. Und genau hier hakt es im Moment. Mit Stand vom 23. März 2021, acht Uhr haben etwas mehr als elf Millionen Menschen in Deutschland die Erstimpfung erhalten – Knapp dreieinhalb Millionen Menschen bereits die Zweitimpfung. Deutschland impft damit deutlich langsamer als beispielsweise Großbritannien, Chile oder die USA und liegt im weltweiten Vergleich nur im Mittelfeld.

Impftempo muss deutlich hochgefahren werden

Fehler bei der Impfstoffbeschaffung, übermäßiger Impfbürokratismus und die zu späte Einbindung der Haus-, Fach- und Betriebsärzte dürften das Impftempo nicht derart drosseln, dass am Ende nur ein Dauerlockdown als Antwort bleibt, so Wollseifer. Jede Impfung sei ein Schritt hin zu mehr Normalität. "Impfstofflagerung kommt in diesen Zeiten einer Normalitäts-Blockade gleich."

"Viele Betriebe werden nicht überleben können"

Wollseifer stellt eine düstere Prognose für die von der Schließung betroffenen Betriebe auf. Es fehle weiterhin an Planungssicherheit, dazu kämen stockende oder unzureichende Überbrückungshilfen. So "werden viele Betriebe nicht überleben können." Ihnen werde keine Chance gegeben, durch eigenes Zutun über Hygiene- und Abstandskonzepte oder testungsbegleitete Öffnungen ihren Kollaps zu verhindern.

Die Bundesregierung hat ein ergänzendes Hilfsinstrument für besonders schwer und über eine sehr lange Zeit von Schließungen betroffene Betriebe angekündigt. Die Details dazu sind allerdings noch offen.

ZDK erwartet ein desaströses Autojahr 2021

"Die Beschlüsse des Corona-Gipfels mit einer erneuten Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns befeuern die Krise im Automobilhandel", schreibt der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) in einer Pressemitteilung. Autohäuser haben weiterhin keine Öffnungsperspektive bekommen. Nach drei Monaten Berufsverbot seien Verständnis und Geduld der Autohändler inzwischen komplett aufgebraucht, so der ZDK. Laut Präsident Jürgen Karpinski seien Autohäuser fast so sicher wie Aufenthalte im Freien. Er beruft sich dabei auf Angaben des Robert-Koch-Instituts. "Wenn die Autohäuser also praktisch nichts zum Infektionsgeschehen beitragen, wie soll ihre Schließung dann bei der Eindämmung des Virus helfen", so Karpinski weiter.

Schnelltests und digitale Kontaktnachverfolgung als Bausteine

Karpinski plädiert dafür, zusätzliche Öffnungsschritte mit flächendeckenden Schnelltests möglich zu machen. Als Beispiel nennt er das Modellprojekt in Tübingen. Dort haben seit einer Woche Kinos, Theater und Restaurants mit Außenbereich wieder offen. Zugang erhalten allerdings nur Personen mit negativem Schnelltest. Um das zu ermöglichen, gibt es flächendeckende, präventive Schnellteststationen – acht an der Zahl.

Die digitale Kontaktnachverfolgung könnte ebenfalls ein Baustein sein, um wieder mehr Lockerungen zuzulassen. Karpinski bringt die Luca-App ins Spiel. Diese ermöglicht laut Hersteller schnelle und lückenlose Kontaktrückverfolgung im Austausch mit den Gesundheitsämtern. Auch für Karpinski ist klar: Der Impfprozess muss massiv beschleunigt und auf breitere Bevölkerungsgruppen ausgeweitet werden. "Wir können und dürfen nicht warten, bis die Pleitewelle rollt. Die Politik muss Handlungswege aufzeigen und darf unser Land nicht länger stilllegen."

Die Forderung nach Öffnungen im Automobilhandel hat der ZDK bereits vergangene Woche deutlich gemacht. Bei einer Protestaktion vor dem Kanzleramt hat Karpinski sogar eine Anzeige erhalten.

Harter Oster-Lockdown trifft auch Friseurhandwerk

Vom 1. bis zum 5. April soll in Deutschland ein harter Oster-Lockdown greifen. Gründonnerstag (1. April) und Karsamstag (3. April) werden einmalig als sogenannte "Ruhetage" definiert. Für diese Zeit gelten weitgehende Kontaktbeschränkungen sowie ein Ansammlungsverbot. Somit müssen auch Friseurbetriebe vom 1. bis zum 5. April bundesweit schließen. "Damit fallen erneut zwei wichtige Tage des Ostergeschäfts für unsere Betriebe weg", sagt Harald Esser, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks. Viele Betriebe würden immer noch auf die angekündigten Abschlagszahlungen der Überbrückungshilfe III warten, die müssten jetzt schnellstens ankommen. "Nichtsdestotrotz sind wir über den erfolgreichen Re-Start unserer Branche natürlich sehr glücklich", so Esser.

Sächsischer Handwerkstag: "Es ist ein Trauerspiel"

"Sachsens Handwerkerinnen und Handwerker sind geschockt. Wir sind sprachlos", sagt Roland Ermer, Präsident des Sächsischen Handwerkstages. Es sei unfassbar, dass von der Politik bisher nicht Konstruktiveres käme, als auf eine Verschärfung des harten Dauer-Lockdowns über die Osterfeiertage zu setzen. Ermer fragt, wer eigentlich die Kosten und Umsatzausfälle für die verordnete "Ruhepause" ersetze? Man müsse sich nicht wundern, wenn mehr Unternehmen auf der Strecke bleiben als befürchtet. "Noch weiß niemand, wie viele Firmen- und Familienschicksale letztlich hiervon betroffen sein werden", so Ermer.

Dr. Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm erklärt: "Die Politik des Auf-Sicht-Fahrens lässt immer mehr Menschen verzweifeln. Das drückt auch auf die Stimmung der Verbraucher und wirkt sich letztlich negativ auf die Aufträge und das Arbeiten im Handwerk aus."

"Handeln statt nur verordnen", fordert Rainer Reichhold, Präsident des Baden-Württembergischen Handwerktages. Bund und Länder könnten doch nicht nur den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass die Pandemie verschwindet. Die Landesregierung sei nicht in der Lage, die Beschlüsse zu erklären. Als Beispiel nennt Reichhold den "Ruhetag" am 1. April. "Hier wird ein Arbeitstag kurzerhand zum Feiertag erklärt, ohne zu sagen, wie das Ganze umgesetzt werden soll."

Oppositionsparteien sind unzufrieden mit den Ergebnissen

"Zu scharf" und "zu wenig innovativ", urteilt FDP-Chef Christian Lindner über das Ergebnis der Corona-Beratungen. Es sei "eine erschütternde Konzeptlosigkeit, dass das Prinzip 'Wir bleiben zu Hause' auch nach mehr als einem Jahr immer noch die zentrale Antwort auf die Pandemie ist", sagte er dem WDR. Er vermisse, dass die Politik ausgewogen zwischen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Risiken abwäge.

Der Linksfraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die Fortsetzung der Maßnahmen sei "maßgeblich ein 'Weil-es-die-Bundesregierung-vergeigt-hat-Lockdown'". Die Kanzlerin und die Minister "sollten sich bei den Bürgern entschuldigen, um für neues Vertrauen in die Maßnahmen zu werben." Bartsch zählte eine ganze Reihe von Bereichen auf, in denen die Regierung seiner Meinung nach schlechte Arbeit leistet: "Impfen, Testen, Digitalisierung: Das Land spielt weit unter seinen Möglichkeiten."

Mit Inhalten der dpa

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten