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Vom Umgang mit dem Tod in der Corona-Pandemie Der Lockdown ist für Bestatter ein Trauerspiel

In der Ausbildung lernen Bestatter, sich selbst und ihre Umwelt vor dem Corona-Virus zu schützen. Aber es schmerzt sie, den Hinterbliebenen keinen angemessenen Abschied von den Verstorbenen ermöglichen zu können.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Schneller als befürchtet sind die Infektionszahlen in der zweiten Welle der Corona-Pandemie angestiegen. Wenn in der Folge auch die Sterberate steigt, müssen sich Bestatter auf einen arbeitsreichen Jahreswechsel vorbereiten.

Was das bedeuten würde, weiß man bei Georg Hartl Bestattungen mit Sitz in Prien am Chiemsee aus dem Frühjahr, als sich das Gebiet um Rosenheim zu einem der ersten Hotspots in Deutschland entwickelte. Im April verzeichnete das Familienunternehmen 70 Prozent mehr Todesfälle als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Mehr als 100 an oder mit Covid-19 Verstorbene mussten versorgt werden. „Das war schon eine sehr schwierige Situation, auch wenn der Infektionsschutz für uns Bestatter keine Seltenheit und mit einer guten Ausbildung auch sicher zu meistern ist“, sagt Michael Hartl, einer der drei Geschäftsführer.

Wichtiger Moment zur Bewältigung der Trauer

Das größte Problem sieht er ohnehin bei der Betreuung der Trauernden. „Das Schlimmste für uns ist es, den Angehörigen wegen des Lockdowns keinen Abschied ermöglichen zu können“, sagt Hartl und erinnert an seinen ersten Corona-Fall im Frühjahr. Der Mann war in der Klinik verstorben, seine Frau hatte ihn in den letzten drei Wochen nicht ein Mal sehen können, nur zwei Telefonate waren möglich. „Da ist mir die Tragweite der Pandemie so richtig bewusst geworden“, gesteht der Bestattermeister.

Bestattung in Corona-Zeiten

Bei der Verabschiedung – egal ob beim Bestatter, auf dem Friedhof oder im Krematorium – würde den Hinterbliebenen der Tod bildlich bewusst. Das ist ein besonders wichtiger Moment zur Bewältigung der Trauer, betont auch Christian Streidt. „Ohne Abschied können viele Menschen den Tod nicht begreifen“, sagt der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Bestatter (BDB), in dem rund 80 Prozent der Bestattungsunternehmen organisiert sind.

Den Umgang mit infektiösen Leichnamen lernen Bestatter in ihrer Ausbildung. Bei mit Covid-19 Verstorbenen arbeiten sie quasi in Vollschutz mit FFP3-Maske und zwei Paar Schutzhandschuhen übereinander. Die Leichname bekommen einen desinfizierten Mund-Nasen-Schutz, werden in ein mit Desinfektionsmittel eingesprühtes Leinentuch gewickelt und in einen Body-Bag (Unfallhülle) eingeschlossen. Schließlich wird der Sarg mit einem Gefahrenhinweis gekennzeichnet.

Keine große Angst vor Ansteckung

Unter den Bestattern herrsche keine große Angst vor Ansteckung an einem Verstorbenen, glaubt Christian Streidt. Von den 26 Mitarbeitern in seinem Ulmer Bestattungsinstitut kommen acht in Kontakt mit Leichnamen, die anderen beraten die Hinterbliebenen oder kümmern sich um die Trauerfeier. „Wir haben alle Möglichkeiten uns zu schützen, dürfen aber keinesfalls fahrlässig sein. Unser Gebot heißt: Vorsicht, Vorsicht und nochmals Vorsicht“, warnt der Verbandspräsident, in dessen Unternehmen bisher knapp 30 mit Covid-19 Verstorbene zur letzten Ruhe gebettet wurden.

Probleme gab es zu Beginn der Pandemie vor allem durch Versorgungsengpässe. Neben Lieferschwierigkeiten der Sargindustrie waren Body-Bags und Desinfektionsmittel nur schwer zu bekommen, die Preise dafür zum Teil bis auf das Zehnfache gestiegen. „Selbst die Schnapsbrenner der Region konnten uns kein Desinfektionsmittel abgeben, weil sie zuerst Krankenhäuser und Pflegeheime beliefern mussten. Uns haben dann die Apotheken geholfen. Und auch die Hilfsbereitschaft unter den Bestatterkollegen war groß“, blickt Michael Hartl zurück, der zudem an ein anderes Phänomen der ersten Phase der Pandemie erinnert.

Weil aufgrund des Lockdowns die gewohnten Trauerfeiern nicht möglich waren, baten extrem viele Hinterbliebene darum, die Urne zu einem späteren Zeitpunkt beizusetzen. Denn anders als bei Erdbestattungen, die in Bayern spätestens nach vier Tagen erfolgen müssen, gibt es für Urnenbestattungen keine Frist. „Das war schon ein erheblicher Mehraufwand, zumal es nach dem harten Lockdown dann ungewöhnlich viele Beisetzungen gab“, blickt Hartl zurück.

Bestattung in Corona-Zeiten

Der Bestattermeister registriert zwar seit Jahren ein allgemein steigendes Anspruchsdenken bei den Angehörigen, aber während der Corona-Pandemie sei ihr Verständnis für die Einschränkungen sehr hoch gewesen. „Das persönliche Gespräch mit den Hinterbliebenen ist für unsere Arbeit sehr, sehr wichtig. Das kann kein Telefon, keine E-Mail und kein Webportal ersetzen“, ist Hartl überzeugt.

Bestattungsfachkraft: Gefragter Ausbildungsberuf

Insgesamt haben die Bestatter im Land die Krise bisher gut gemeistert, auch weil sie in der Regel gut ausgebildet sind. Und die Nachfrage nach einer Lehre als Bestattungsfachkraft, die erst seit 2005 als Ausbildungsberuf anerkannt ist, wächst seit Jahren. „Vor allem unter jungen Frauen wird dieser facettenreiche Beruf immer beliebter. Der Anteil weiblicher Bestatterlehrlinge liegt mittlerweile bei 50 Prozent“, freut sich BDB-Generalsekretär Stephan Neuser. Eine Meisterausbildung gibt es sogar erst seit zehn Jahren. Seither haben mehr als 300 Bestatter ihren Meisterbrief erhalten.

Jetzt hoffen die Bestatter, dass diese Qualifikation künftig für Neugründungen verpflichtend wird. Bei der Änderung der Handwerksordnung, in deren Folge Anfang des Jahres zwölf Gewerke ihre Meistervoraussetzung wiedererlangt hatten, wurden die Bestatter lediglich von der Kategorie der handwerksähnlichen Gewerbe (B2) in die Kategorie der zulassungsfreien Handwerke (B1) hochgestuft. Nach den Erfahrungen der Corona-Krise sind die Bestatter optimistisch, dass sie in fünf Jahren, wenn die Handwerksordnung wieder auf dem Prüfstand steht, endlich als meisterpflichtiges Handwerk anerkannt werden. „Denn wenn wir durch einen Fehler das Virus weitertragen, leidet die Volksgesundheit“, betont Bestatter-Präsident Christian Streidt.

Ausbildung im Bestatter-Handwerk

Seit 2005 haben 2.074 Frauen und Männer ihre Ausbildung zur Bestattungsfachkraft erfolgreich abgeschlossen. Waren es im ersten Jahr noch 23, so stieg ihre Zahl zuletzt auf 167. Im September haben rund 200 Azubis ihre Lehre begonnen. Der Anteil weiblicher Absolventen ist seit Anerkennung der Bestattungsfachkraft als Ausbildungsberuf von rund 30 Prozent auf mehr als 50 Prozent angestiegen

Seit Inkrafttreten der Bestattermeisterverordnung am 15. September 2009 und dem Start der Vorbereitungskurse im Mai 2010 haben insgesamt 306 Bestatter von den Handwerkskammern Düsseldorf und Würzburg ihren Meisterbrief erhalten.

Die überbetrieblichen Lehrlingsunterweisungen und die Meistervorbereitungskurse übernimmt das Bundesausbildungszentrum der Bestatter in Münnerstadt (Unterfranken).

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