Für Ausbilder -

Perspektivenwechsel im Handwerk Lernen aus der Erfahrung anderer

Im Gerüstbau mit hohen Qualitäts- und Sicherheitsstandards gutes Geld verdienen? Walter Stuber ist von diesem Konzept überzeugt - so sehr, dass er junge Nachwuchsunternehmer einlädt, ihm über die Schulter zu schauen. Ein Perspektivenwechsel, von dem alle profitieren.

Walter Stuber ärgert sich immer wieder über seine eigene Branche – die Gerüstbauer: "Zu viele arbeiten ohne Ausbildung und gute fachliche Kenntnisse“. Das Gewerk unterliegt seit April 1998 zwar der Handwerksordnung. Allerdings genügt ein Meisterbrief im Bauhandwerk; Gerüstbaumeister muss der Inhaber nicht sein und auch Ausnahmegenehmigungen werden ausgesprochen. Die Folge für den Unternehmer aus dem sächsischen Roßwein: "Wir Gerüstbauer erzielen keine fairen Preise bei unseren Kunden. Im Gegenteil, wir drücken uns gegenseitig und dann stimmen die Betriebszahlen nicht“.

Geld verdienen mit Qualität

Um angehenden Betriebsinhabern zu zeigen, wie mit hohen Qualitäts- und Sicherheitsstandards Geld zu verdienen ist, lädt der Geschäftsführer der Gemeinhardt Gerüstbau Service GmbH sie ein, in seinem Betrieb mitzuarbeiten.

Etwa Oliver Ristok, der vor sechs Jahren den Familienbetrieb Ristok Gerüstbau in Gräfenhainichen bei Leipzig übernahm. Mit drei Mann gestartet, beschäftigt der 34-jährige Gerüstbaumeister inzwischen zehn Arbeitskräfte. Ristok ist auf dem väterlichen Betriebshof groß geworden und sagt selbstbewusst über sich, dass er "nicht mehr als Gerüstbau kann, das aber ziemlich gut“. Die Gesellenprüfung schloss er 2009 als Jahrgangsbester ab. Dann kam 2011 die Meisterprüfung und die Suche nach einem geeigneten Weiterbildungsbetrieb: Den fand er mit Gemeinhardt. "Das war eine andere Unternehmenswelt“, erinnert sich Ristok. "Ich kam aus einem kleinen Betrieb, Gemeinhardt dagegen ist ein Mittelständler mit Strukturen und Prozessen.“

Software steuert alle Prozesse

Er lernte dort eine Software kennen, die er heute im eigenen Unternehmen nutzt, weil sie in sämtlichen Geschäftsprozessen Transparenz schaffe: Controlling, Projektabwicklung, Materialübersicht und Planung. Nicht nur deswegen hat ihn die Systematik des Betriebes fasziniert. Lager, Logistik, Beladen, alles sei strukturiert und greife ineinander.

Die Chance, in anderen Betrieben zusätzliche Erfahrungen zu sammeln, nutzten vor allem Kinder von Familienbetrieben, so Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. Es gebe allerdings keine Statistik, wie viele Nachfolger sich "in der Fremde“ weiterbilden. Die Schätzung liege im unteren zweistelligen Prozentbereich. "Dass Erfahrungen in anderen Unternehmen positiv sind, ist im Handwerk bekannt. Wanderschaft, Lehrlingsaustausch mit dem Ausland sowie Schnupperaufenthalte in befreundeten Unternehmen stärken den Erfahrungsschatz und sind heute üblich“, betont Brzezinski.

Erfahrungen in der Fremde sammeln

Für Oliver Ristok hätte die praktische Unternehmer-Weiterbildung bei Gemeinhardt gerne länger als zwei Jahre dauern dürfen. Doch seinem Vater wurde die Arbeit 2013 zu stressig und der Sohn übernahm den Betrieb. Von den Gemeinhardter "Querdenkern und Freaks mit speziellen und ausgefallenen Ideen“ habe er viel mitgenommen ins eigene Unternehmen, etwa im Marketing oder in Personalfragen. So setze sein Weiterbildungsbetrieb auf hochqualifizierte Mitarbeiter, die auf der Baustelle viele Freiheiten und große Verantwortlichkeit haben.

Im eigenen Betrieb macht Ristok es inzwischen ähnlich: "Auf der Baustelle bin ich für andere ein Stressfaktor. Es klappt besser, wenn ich nicht dabei bin.“ Also hält er sich raus. Hauptsache, seine Mitarbeiter erfüllen seine Vorgaben. Ein Gerüst müsse das Beste für den Kunden sein und es müsse "sexy“ aussehen. Inzwischen wissen alle, was Ristok damit meint: parallele Rohre, miteinander verschraubte Ecken und andere ihm wichtige Details.

Geld verdienen mit Spezialbereichen

Einen kleinen Spezialbereich hat Ristok inzwischen entwickelt: für fünf, sechs Kirchen baut er jährlich Gerüste, wenn Sanierungen anstehen. Das sei durch unzählige Richtlinien im Denkmalschutz reichlich kompliziert. Er habe sich da reingefuchst, denn in dieser Nische weiß er: "Es zählt weniger der Preis, mehr das Können“. So macht er mit den wenigen Großbaustellen immerhin bis zu einem Viertel seines Jahresumsatzes.

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