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Burgund: Hausbooturlaub auf dem Canal du Nivernais Leinen los, Tempo raus

Burgund ist unter Freizeitkapitänen sehr beliebt. Über 1.000 km spannt sich hier das Wasserwegenetz, inklusive 360 Schleusen. Der Canal du Nivernais mit seiner einzigartigen Natur ist einer der schönsten Frankreichs. Befahren kann man ihn auch ohne Bootsführerschein.

Leinen los, Tempo raus
Die Kombination aus Entspannung, Aktivurlaub und mittelalterlichen Städten machen Hausbootferien im Burgund zu einem besonderen Erlebnis. Die Boote sind einfach und ohne Vorkenntnisse zu steuern. -

Burgund ist ein Land der Genießer – und der Freizeitkapitäne, so wie wir. Neugierig auf Hausbootferien stehen wir vor der Bootsbasis von Le Boat in dem 660-Einwohner-Örtchen Châtel-Censoir und mustern die vielen Boote, die vertäut am Kai liegen. Nur ein paar Enten schwimmen zwischen den Booten umher und warten darauf, dass wir ein paar Brotkrumen ins Wasser werfen.

Da kommt Mike, wie er sich uns vorstellt, aus der Tür. Der rothaarige Engländer mittleren Alters trägt kariertes Hemd und Jeans, lebt schon seit 15 Jahren in Frankreich und ist Spezialist im Hausboot-Manövrieren, wie er uns gleich beweisen wird.

Hausboot
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Schnittig ist sie, unsere kleine "Yacht" Magnifique 463, und 14,5 Meter lang. Fahrräder lehnen an der chromblitzenden Reling, ein schmaler Steg verbindet das schwimmende Heim mit dem Festland. Jeder sucht sich eine der vier Doppelkabinen an Bord aus, verstaut sein Gepäck, begutachtet die drei Nasszellen mit Dusche und WC, den geräumigen Salon und die perfekt ausgestattete Kombüse mit Geschirr, Besteck, Töpfen, Gasherd, dann treffen wir uns wieder an Deck.

Freizeitkapitäne aufgepasst

Jetzt heißt es gut aufpassen, denn Mike wird nach der einstündigen Einweisung in das "Kapitänspatent" von Bord gehen und es uns Landratten selbst überlassen, wie wir mit dem Hausboot über den Canal du Nivernais schippern.

Schalthebel auskuppeln und bis zur Hälfte eindrücken, Zündschlüssel umdrehen, Startknopf drücken, schon tuckert der Motor. Die linke Hand dreht am Steuerrad, die rechte liegt auf dem Hebel für Vorwärts-/Rückwärtsfahren und drückt nach vorne. Jetzt nimmt das Boot leicht an Fahrt auf. Anfangs noch im Schlingerkurs, gelingt mit ein bisschen Übung später sogar ein perfektes Wende- und Anlegemanöver. Dem Bugstrahlruder sei’s gedankt. Nachdem Mike noch den einen oder anderen Trick für das Steuern des Bootes verraten hat, bringen wir ihn zurück zur Basis. Er wünscht uns "Bon voyage", warnt uns noch lachend vor den französischen Anglern, die es nicht so gerne haben, wenn Hausboote zu nah vorbei fahren, und winkt zum Abschied. Gut zu wissen, dass Mike jederzeit telefonisch erreichbar ist, wenn wir Hilfe benötigen sollten.

Hausboot
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Während der nächsten Tage wird jeder von uns Haubootneulingen zum souveränen Kapitän – und das ganz ohne Bootsführerschein. Selbst das Durchfahren der Schleusen gelingt wie aus dem "FF": Während einer steuert, achtet der Rest der Crew darauf, dass das Boot nicht an die glitschigen Wände des Schleusenbeckens rempelt. Da sitzt jeder Griff, alles geht Hand in Hand. Wer hätte das gedacht?

Der Motor der Magnifique 463 ist gedrosselt und schafft maximal zwölf Kilometer in der Stunde. Unsere durchschnittliche Reisegeschwindigkeit beträgt jedoch nur acht Stundenkilometer – das entschleunigt! Da bleibt genug Zeit, um die naturbelassene Landschaft entlang des Nivernais-Kanals zu genießen und herrliche Bilder mit nach Hause zu nehmen. Jetzt im Oktober ist es auf dieser Oase des Friedens so ruhig, dass sich die am Ufer stehenden Bäume und die Wolken in der glatten Wasseroberfläche des Flusses widerspiegeln.

Vom Loiretal ins Seinetal

Der 174 KIlometer lange Canal du Nivernais mit 110 Schleusen verbindet das Loiretal mit dem Seinetal und durchquert Landschaftsschutzgebiete von außergewöhnlicher  Schönheit. Ursprünglich war dieser 1784 bis 1842 gebaute Kanal für den Brennholztransport nach Paris bestimmt. Die Flößer trieben die Baumstämmen aus dem Wald von Morvan bis zu den Pforten der Hauptstadt. Doch die gewerbliche Nutzung gehört längst zur Vergangenheit. Heute haben die Haus- und Hotelboote die Wasserstraße erobert und Fahrradfahrer nutzen die ehemaligen Treidelpfade zum Fortkommen.

Hausboot
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Grüne Wiesen mit weidenden Charolais-Rindern, weinbedeckte Hügel und Buchenwälder prägen die Gegend. In den kleinen, teilweise mittelalterichen Ortschaften entlang der Strecke – wo, so scheint es manchmal, die Zeit stehen geblieben ist – kann man halten, um die Köstlichkeiten der Region zu probieren, für die das Burgund so berühmt ist.  Einen Besuch wert sind zum Beispiel die berühmten "Caves de Bailly-Lapierre" in Bailly. Etwa zehn Minuten zu Fuß von der Anlegestelle entfernt befindet sich in einem ehemaligen Steinbruch eine höhlenartige "Schatzkiste", in der sich die Flaschenreife der "AOC Crémants de Bourgogne" vollzieht.

Edle Tropfen unter Tage

Neben der einzigartigen Natur kann man entlang des Nivernais-Kanals mannigfaltige Kultur erleben: Erwähnt seien die Gewölbe von La Collancelle und die Treppe der 16 Schleusen von Sardy sowie zahlreiche Schlösser, Klöster und antike Kirchen. Am meisten haben mich jedoch auf unserer Hausboottour die Grotten von Arcy-sur-Cure in der Nähe von Accolay beeindruckt. Auf einem etwa ein Kilometer langen Rundweg zeigen sich dem Besucher nicht nur spannend angeleuchtete Stalagmiten und Stalagtiten von außergewöhnlicher Formation. Hier stand ich – ganz klein – vor den zweitältesten Höhlenmalereien der Welt. Rote Mammuts, Vögel, Fische, Tiger, haben rund zwei Millionen Jahre überdauert. Tipps für Landratten

Nach vier Tagen und zahlreichen Anlegemanövern verlassen wir unsere schwimmende Ferienwohnung. Die Angst, ein Hausboot zu manövrieren und Schleusen zu passieren, ist längst tabu – das schafft jede noch so hartgesottene Landratte. Wer selbst Hausboot-Urlaub ausprobieren will, sollte folgende fünf Tipps beherzigen: die Tour gut vorbereiten, genügend Zeit für Landgänge einplanen, Fahrräder als nützliches Extra buchen, das Boot sollte ein Bugstrahlruder haben, und immer gilt: Ruhe bewahren!

Alle wichtigen Infos auf einen Blick

Canal du Nuvernais/Burgund: 174 Kilometer Länge, 110 Schleusen, 1,40 Meter Tiefgang und 2,71 Meter Durchfahrtshöhe
Lage: Im Burgund ungefähr 170 Kilometer südlich von Paris zwischen Dezice und Auxerre.
Reisezeitraum: Mitte März bis Anfang November
Empfohlene Fahzeit pro Tag: Vier bis fünf Stunden
Anreise: Mit dem PKW oder mit der Bahn, tgv-europe.com, velo.sncf.com, tersncf.com/Bourgogne
Kontakt und Buchung der Hausboote: In allen TUI-Reisebüros oder direkt bei Le Boat, Bad Vilbel, Telefon: 06101/55791125, Mail: info@leboat.de, leboat.de

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